Das Kaiserreich 1871-1918
Vorbemerkung
Diese zusammenfassende Geschichtsdarstellung erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit und wissenschaftliche Qualität. Sie soll lediglich Abläufe und Zusammenhänge darstellen, um die Entwicklung mit dem Schwerpunkt auf Mittelschwaben – insbesondere den Raum Ulm / Weißenhorn / Günzburg – nachzuvollziehen. Sie wurde großenteils mit KI erstellt und kann daher grundsätzlich mit Fehlern behaftet sein
Die Reichsgründung
Das Deutsche Kaiserreich begann am 18.01.1871 mit der Proklamation des preußischen Königs Wilhelm II im Spiegelsaal von Versailles zum Deutschen Kaiser.
Bereits nach dem Sieg Preußens über Österreich im Deutschen Krieg von 1866 wurde der alte Deutsche Bund aufgelöst. Preußen zwang oder überredete 21 Staaten nördlich der Mainlinie, sich zum Norddeutschen Bund zusammenzuschließen. Dies waren die Königreiche Preußen und Sachsen, die Großherzogtümer Hessen (nur der Teil nördlich des Mains), Mecklenburg-Schwerin, Mecklenburg-Strelitz, Oldenburg, Sachsen-Weimar-Eisenach, die Herzogtümer Braunschweig, Anhalt, Sachsen-Altenburg, Sachsen-Coburg und Gotha, Sachsen-Meiningen sowie diverse kleinere Fürstentümer (wie Lippe, Reuß, Waldeck) und die Freien Hansestädte Hamburg, Bremen und Lübeck.
In den Verträgen von Versailles unterzeichneten am 15.11.1870 die Unterhändler für das Großherzogtum Baden und das Großherzogtum Hessen (mit seinen südlichen Landesteilen) den Entwurf des Beitrittsvertrags, am 23.11.1870 die bayerischen Regierungsbevollmächtigten (die Minister Bray-Steinburg, Pranckh und Lutz) und am 25.11.1870 die Gesandten des Königreichs Württemberg. Diese Verträge waren völkerrechtlich noch nicht bindend, da sowohl die jeweiligen Regenten als auch die Parlamente noch zustimmen mussten.
Am 21.01.1871 stimmte auch der Bayerische Landtag mit einer äußerst knappen Zweidrittelmehrheit (102 zu 48 Stimmen) für den Beitritt Bayerns zum Deutschen Reich. (Näheres hierzu ‚Die Rolle König Ludwig II bei der Reichsgründung‚).
Am 1. Januar 1871 trat die neue gemeinsame Verfassung offiziell in Kraft. Bereits im Dezember 1870 hatte der Reichstag beschlossen, den Namen des erweiterten Bundes in „Deutsches Reich“ und den Titel des Oberhaupts in „Deutscher Kaiser“ zu ändern. Die berühmte Kaiserproklamation in Versailles am 18. Januar 1871 war somit nicht der juristische Gründungstag, sondern der feierliche, symbolische Festakt. Insgesamt bestand das Reich nun aus 25 Bundesstaaten und dem Reichsland Elsaß-Lothringen. Für Bayern galt sogar erst der 21.01.1871 als Beitrittsdatum.
Mit der Reichsgründung erreichte Deutschland (abgesehen von der kurzzeitigen Nazi-Diktatur) seine größte territoriale Ausdehnung und war nach Russland und Österreich-Ungarn drittgrößter Staat in Europa.

Kaiser Wilhelm I (1871-1888)
Kaiser Wilhelm I. (Wilhelm Friedrich Ludwig von Preußen; 22. März 1797 – 9. März 1888) war ab 1861 König von Preußen und wurde am 18. Januar 1871 nach dem Sieg über Frankreich im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 in Versailles zum Deutschen Kaiser proklamiert. Er war seit 11.06.1829 mit Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach (1811–1890), einer Enkelin des russischen Zaren Paul I., verheiratet und stand Bismarcks Politik zeitlebens kritisch gegenüber.
Wilhelm wurde nach dem Tod seines älteren Bruders Friedrich Wilhelm IV. 1861 preußischer König. Als König setzte er auf Militärreformen und berief 1862 Otto von Bismarck zum Ministerpräsidenten – der Beginn der prägenden Zusammenarbeit zwischen Monarch und Kanzler. Wilhelm I. galt als pflichtbewusster, traditionell-preußischer Monarch mit starkem Militärbezug; in der Revolution von 1848 hatte er sich durch hartes Durchgreifen gegen Demonstranten den Spitznamen „Kartätschenprinz“ erworben. Innen- und außenpolitisch überließ er jedoch weitgehend Bismarck die Führung, während er selbst vor allem als integrative, symbolische Figur des neuen Reiches wirkte. Er galt vielen Bürgern als personifizierte, großväterliche Identitätsfigur des jungen Nationalstaates.
Auf Kaiser Wilhelm I wurden drei Attentate verübt. Das erste Attentat 1861 galt ihm noch als preußischer König. Der Student Oskar Becker griff Wilhelm mit einer Pistole an. Der Schuss verfehlte sein Ziel. Das Attentat hatte keine unmittelbaren politischen Folgen für die Reichspolitik. Am 11.05.1878 verübte Max Hödel mit einem Revolver ein Attentat. Die Schüsse verfehlten ihr Ziel. Hödel wurde zum Tode verurteilt und am 16. August 1878 hingerichtet. Am 02.06.1878 verübte Karl Eduard Nobiling ein Attentat mit einer Schrotflinte. Der Kaiser wurde schwer verletzt, überlebte den Anschlag aber. Nobiling versuchte anschließend, sich selbst zu töten und starb im September 1878 an den Folgen seiner Verletzung. Beide Attentate auf den Kaiser wurden den Sozialdemokraten angelastet. Obwohl weder Hödel noch Nobiling nachweislich im Auftrag der sozialdemokratischen Bewegung gehandelt hatten, stellte Bismarck die Anschläge als Beleg für eine angebliche revolutionäre Gefahr dar.
Seine lange Regierungszeit, besonders als Kaiser von 1871 bis 1888, fiel zusammen mit der Industrialisierung Deutschlands, dem Aufbau nationaler Institutionen und dem Aufstieg zur europäischen Großmacht.
Reichskanzler Otto von Bismarck
Otto von Bismarck (*01.04.1815, Schönhausen) entstammte dem preußischen Landadel. Nach einem Jurastudium und einer Tätigkeit im Verwaltungsdienst begann er seine politische Laufbahn als Abgeordneter im preußischen Landtag. 1851 wurde er preußischer Gesandter beim Deutschen Bundestag in Frankfurt am Main. Später vertrat er Preußen in Sankt Petersburg und Paris.
Die Einigung Deutschlands, die Entstehung des Kaiserreichs und der Aufstieg Deutschlands zur Großmacht ist in erster Linie der Verdienst Otto von Bismarcks. Kaiser Wilhelm I hatte zu Bismarck großes Vertrauen und ließ ihm innen- und außenpolitisch weitgehend die politische Führung.
1862 berief König Wilhelm I. Bismarck zum preußischen Ministerpräsidenten. Anlass war der Verfassungskonflikt über die Finanzierung einer Heeresreform. Bismarck setzte die Reform auch gegen die liberale Mehrheit des Abgeordnetenhauses durch und rechtfertigte seine Politik mit der später berühmt gewordenen Formel von „Blut und Eisen“. Als preußischer Ministerpräsident führte er Preußen durch die Kriege 1864, 1866 und 1870/71, entwarf die Strategie eines Deutschland unter preußischer Führung und setzte diese in vielen Geheimverhandlungen mit der Proklamation des Kaiserreiches durch.
Bismarcks historische Bedeutung liegt vor allem in der Gründung des Deutschen Reiches und in seinem europäischen Bündnissystem. Zugleich stärkte er eine autoritäre politische Ordnung, in der Parlament und Parteien nur begrenzten Einfluss auf die Reichsregierung besaßen. Seine Politik trug damit sowohl zur staatlichen Einigung Deutschlands als auch zu den strukturellen Spannungen des Kaiserreichs bei.
Außenpolitik
Nach der Reichsgründung änderte Bismarck seine außenpolitischen Prioritäten. Hatte er zuvor die Einigung durch begrenzte Kriege betrieben, wollte er nun den europäischen Frieden sichern. Sein zentrales Ziel war es, eine französische Revanche zu verhindern und zugleich eine Koalition gegen das Deutsche Reich zu vermeiden. Hierzu entwickelte er ein Bündnissystem mit anderen europäischen Staaten: das Dreikaiserabkommen beziehungsweise Dreikaiserbund zwischen Deutschland, Österreich-Ungarn und Russland, den Zweibund mit Österreich-Ungarn von 1879, den Dreibund mit Österreich-Ungarn und Italien von 1882 und den Rückversicherungsvertrag mit Russland von 1887.
Bismarck bemühte sich außerdem, die Rivalität zwischen Österreich-Ungarn und Russland diplomatisch auszugleichen. Der Berliner Kongress von 1878 sollte die Konflikte nach dem Russisch-Türkischen Krieg ordnen und das europäische Gleichgewicht stabilisieren.
Innenpolitik
Bismarcks Innenpolitik war von einem Spannungsverhältnis zwischen autoritärer Staatsführung, gesellschaftlicher Modernisierung und politischer Integration geprägt.
Im sogenannten Kulturkampf versuchte Bismarck in den 1870er-Jahren, den Einfluss der katholischen Kirche und insbesondere der Zentrumspartei einzuschränken. Maßnahmen wie die Maigesetze, die staatliche Kontrolle über Schulen und Geistliche sowie das Jesuitengesetz stießen jedoch auf starken Widerstand.
Bismarck sah in der Sozialdemokratie die größte Gefahr für Monarchie und Staddt und bekämpfte diese mit den Sozialistengesetzen von 1878, die sozialdemokratische Vereine, Versammlungen und Schriften weitgehend verboten. Gleichzeitig führte er die ersten staatlichen Sozialversicherungen ein, um der Sozialdemokratie als Ideologie den Boden zu entziehen und dem Wunsch der Bevölkerung nach sozialer Absicherung nachzukommen. So entstand 1883 die gesetzliche Krankenversicherung, 1884 die Unfallversicherung und 1889 die Alters- und Invalidenversicherung. Diese Maßnahmen sollten soziale Not lindern, die Arbeiterschaft an den Staat binden und den Einfluss der sozialistischen Bewegung begrenzen. Sie bildeten zugleich einen wichtigen Ausgangspunkt eines modernen Sozialstaats.
Einschub: Wahlrecht und Mehrheiten im Kaiserreich
Im Deutschen Kaiserreich bestanden zwei sehr unterschiedliche politische Ebenen: das Reich und die Einzelstaaten. Auf Reichsebene galt ein vergleichsweise modernes Männerwahlrecht; in Preußen, dem größten Bundesstaat, blieb dagegen bis 1918 das stark ungleiche Dreiklassenwahlrecht bestehen1
Für den Reichstag waren grundsätzlich alle männlichen Deutschen ab 25 Jahren wahlberechtigt, jede Stimme hatte formal das gleiche Gewicht, die Abgeordneten wurden unmittelbar gewählt und die Stimmabgabe erfolgte geheim. Es galt ein Mehrheitswahlrecht. Gewählt war, wer im Wahlkreis die absolute Mehrheit der gültigen Stimmen erhielt. Wurde diese im ersten Wahlgang nicht erreicht, fand eine Stichwahl zwischen den beiden führenden Kandidaten statt.
Das Reich war in einzelne Wahlkreise eingeteilt. Diese Einteilung wurde jedoch seit der Reichsgründung kaum an das starke Bevölkerungswachstum und die Wanderung in die Industriegebiete angepasst. Dadurch waren ländliche Wahlkreise, besonders in Ost- und Westpreußen, im Laufe der Zeit teilweise deutlich weniger bevölkerungsreich als industrielle Wahlkreise. Das führte zu einer indirekten Verzerrung des Stimmengewichts, obwohl das Wahlrecht formal gleich war.
Eine Partei benötigte keine landesweite Stimmenmehrheit, sondern musste Wahlkreise gewinnen. Das absolute Mehrheitswahlrecht begünstigte deshalb Parteien mit regional konzentrierter Anhängerschaft. Die Sitzverteilung entsprach daher häufig nicht dem Stimmenanteil. Die SPD konnte beispielsweise sehr viele Stimmen erhalten, aber wegen ihrer Konzentration in dicht besiedelten, unterrepräsentierten Wahlkreisen zunächst vergleichsweise wenige Mandate gewinnen.
Die Zentrumspartei war vor allem in katholischen Regionen erfolgreich. Die Sozialdemokratie erzielte besonders in Industriegebieten und Großstädten viele Stimmen. Konservative Parteien dominierten vor allem ostelbische und agrarische Wahlkreise, während Nationalliberale und Linksliberale regional unterschiedlich stark verteten waren.
Das Deutsche Kaiserreich war keine parlamentarische Monarchie im späteren demokratischen Sinn. Der Reichskanzler wurde vom Kaiser ernannt und war nicht vom Vertrauen des Reichstags abhängig. Er benötigte daher keine dauerhafte parlamentarische Regierungsmehrheit, musste aber für einzelne Gesetze wechselnde Mehrheiten organisieren.
Bismarck arbeitete je nach politischer Situation mit wechselnden Mehrheiten:
- zunächst mit den Nationalliberalen, besonders bei der Reichsgründung und der inneren Vereinheitlichung;
- in den 1870er-Jahren mit konservativen Parteien während des Kulturkampfs gegen das Zentrum;
- ab Ende der 1870er-Jahre zunehmend mit Konservativen und dem Zentrum;
- gegen die Sozialdemokratie mit einer Kombination aus Repression und Sozialgesetzgebung.
Das Dreikaiserjahr 1888
Kaiser Friedrich III
Kaiser Friedrich III war mit Victoria, einer Tochter der britischen Königin Victoria, verheiratet.
Kaiser Wilhelm I starb am 9. März 1888 in Berlin. Mit seinem Tod endete die Gründergeneration des Deutschen Reiches. Sein Sohn Friedrich III (*18.10.1831) folgte ihm am 09.03.1588 als Kaiser und König von Preußen. Friedrich war bereits schwer an Kehlkopfkrebs erkrankt und konnte sein Amt nur 99 Tage ausüben. Er starb am 15. Juni 1888 im Neuen Palais in Potsdam. Die Bezeichnung „99-Tage-Kaiser“ ist deshalb bis heute mit seiner Herrschaft verbunden.
Friedrich III. galt als politisch vergleichsweise liberal und stand der parlamentarischen Entwicklung näher als sein Sohn. Wegen seiner kurzen Regierungszeit konnte er jedoch kaum einen eigenen politischen Kurs durchsetzen.
Das Dreikaiserjahr war nicht nur eine dynastische Abfolge, sondern auch ein möglicher Wendepunkt in der Geschichte des Kaiserreichs. Friedrich III. hätte vermutlich einen reformorientierteren Kurs eingeschlagen, doch seine Krankheit verhinderte eine längere Regierungszeit. Das Dreikaiserjahr stellt somit den Übergang von der Gründungszeit des Deutschen Reiches unter Wilhelm I. und Bismarck zur sogenannten wilhelminischen Epoche unter Wilhelm II dar.
Kaiser Wilhelm II (1888-1918)
Wilhelm II wurde am 27.01.1859 in Berlin geboren. Er war als Sohn der englischen Princess Royal Victoria der älteste Enkel der britischen Queen Victoria und Cousin des späteren Königs Georg. Bei seiner Geburt erlitt er eine Plexuslähmung. Sein linker Arm blieb zeitlebens verkürzt und gelähmt. Die daraus resultierenden Minderwertigkeitskomplexe kompensierte er später durch extremes militärisches Auftreten.
Noch am 15. Juni 1888 folgte Wilhelm II. (*27.01.1859-04.06.1941) seinem Vater Friedrich III auf dem Thron. Er war 29 Jahre alt und regierte bis zur Novemberrevolution 1918. Mit ihm begann eine neue politische Phase, die sich deutlich von der vorsichtigen, auf Ausgleich bedachten Politik Wilhelms I. und Bismarcks unterschied. Er war der letzte deutsche Kaiser und prägte mit seinem persönlich-interventionistischen Regierungsstil die sogenannte wilhelminische Epoche. Im Gegensatz zu seinem Großvater Wilhelm I. wollte Wilhelm II. die Regierung nicht weitgehend dem Reichskanzler überlassen, sondern selbst stärker auf die Politik einwirken.
Entlassung Bismarcks
Der entscheidende innenpolitische Einschnitt in Wilhelms II frühen Regierungszeit war der Bruch mit Otto von Bismarck. Wilhelm II. und Bismarck unterschieden sich unter anderem in der Sozialpolitik, im Umgang mit der Sozialdemokratie und in der Frage, wer die politische Führung bestimmen sollte. Am 18. März 1890 verlangte Wilhelm II. Bismarcks Rücktritt; am folgenden Tag reichte Bismarck ihn ein. Damit endete die Bismarck-Ära und begann der sogenannte Neue Kurs.
Bismarck lebte danach überwiegend auf seinem Gut Friedrichsruh und verfasste seine viel beachteten, teilweise stark selbststilisierenden Memoiren. Er starb am 30.07.1898.
Wilhelm II. übte danach erheblichen persönlichen Einfluss auf die Reichspolitik aus. Dennoch blieb das Kaiserreich eine konstitutionelle Monarchie: Der Kaiser ernannte den Reichskanzler, doch Regierung und Gesetzgebung waren weiterhin an Verfassung, Bundesrat und Reichstag gebunden.
Reichskanzler General Leo von Caprivi (1890-1894)
Georg Leo von Caprivi de Caprara de Montecuccoli wurde 1831 in Berlin geboren und war zunächst preußischer General. Kaiser Wilhelm II. ernannte ihn am 20. März 1890 zum Reichskanzler und zugleich zum preußischen Ministerpräsidenten. Caprivi blieb bis zum 28. Oktober 1894 im Amt. Wilhelm II. wählte ihn wegen seiner militärischen Laufbahn aus, weil er hoffte, mit einem militärisch geprägten, aber politisch weniger eigenwilligen Kanzler leichter zusammenarbeiten zu können. Caprivi war kein politischer Erbe Bismarcks im engeren Sinn. Er übernahm zwar das Amt, aber nicht dessen gesamte politische Konzeption. Seine Regierungszeit wird deshalb häufig als Beginn des „Neuen Kurses“ unter Wilhelm II. bezeichnet. Caprivi konnte jedoch für sich weder eine stabile parlamentarische Basis noch eine dauerhaft geschlossene Außenpolitik schaffen.
Leo von Caprivi trat am 26. Oktober 1894 vom Amt des Reichskanzlers und preußischen Ministerpräsidenten zurück. Der unmittelbare Anlass war der Konflikt um die sogenannte Umsturzvorlage, ein geplantes Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie. Kaiser Wilhelm II. und der preußische Ministerpräsident Botho zu Eulenburg wollten schärfer gegen die Sozialdemokratie und andere vermeintlich staatsgefährdende Bewegungen vorgehen. Die Vorlage hätte unter anderem politische Versammlungen und die Pressefreiheit stärker einschränken können. Caprivi lehnte es ab, den Entwurf dem Reichstag vorzulegen. Er war der Ansicht, dass die bestehenden Gesetze ausreichten und dass die Vorlage im Reichstag ohnehin keine Mehrheit finden würde. Damit geriet er in einen direkten Gegensatz zu Wilhelm II. Der Kaiser betrachtete die Sozialdemokratie zunehmend als „Umsturzpartei“ und erwartete von seinem Kanzler eine härtere Politik.
Außenpolitik
Ein wichtiger außenpolitischer Bruch war, dass Caprivi den Rückversicherungsvertrag mit Russland 1890 nicht verlängerte. Dies verschlechterte langfristig das Verhältnis zu Russland und erleichterte später die russisch-französische Annäherung.
Unter Wilhelm II. wandte sich das Deutsche Reich stärker einer global ausgerichteten Außenpolitik zu. Der Anspruch auf „Weltpolitik“ äußerte sich unter anderem in:
- dem Ausbau des deutschen Kolonialbesitzes;
- dem Aufbau einer großen Kriegsflotte unter Admiral Alfred von Tirpitz;
- wirtschaftlicher und politischer Konkurrenz zu Großbritannien;
- verstärkten Aktivitäten im Nahen Osten und im Osmanischen Reich;
- einem selbstbewussten, häufig demonstrativen Auftreten des Kaisers.
Die Außenpolitik war jedoch nicht allein vom Kaiser abhängig. Reichskanzler, Auswärtiges Amt, Militärführung, wirtschaftliche Interessen, Parteien und öffentliche Meinung wirkten ebenfalls auf die Entscheidungen ein. Wilhelms persönliche Äußerungen und seine schwankende politische Linie verstärkten allerdings häufig die außenpolitische Unsicherheit.
Innenpolitik
Innenpolitisch ließ Caprivi die Sozialistengesetze auslaufen und setzte auf eine gemäßigtere Sozialpolitik. Außerdem schloss seine Regierung Handelsverträge, die deutsche Agrar- und Industrieinteressen unterschiedlich stark betrafen. Besonders die ostelbischen Großgrundbesitzer, die sogenannten Agrarier, wandten sich zunehmend gegen ihn.
Die Regierungszeit Wilhelms II. fiel in eine Phase rascher Industrialisierung, Urbanisierung und sozialer Veränderungen. Deutschland entwickelte sich zu einer führenden Industrie- und Wissenschaftsmacht. Kennzeichnend waren:
- das weitere Wachstum der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften;
- eine zunehmende Bedeutung von Massenparteien, Presse und politischer Öffentlichkeit;
- staatliche Sozialpolitik, aber weiterhin keine parlamentarische Verantwortlichkeit des Reichskanzlers;
- ein ausgeprägter Militarismus und monarchischer Repräsentationsstil;
- Spannungen zwischen wirtschaftlicher Modernisierung und autoritären politischen Strukturen.
Der Reichstag gewann an gesellschaftlichem Gewicht, konnte den Kanzler jedoch nicht selbst wählen oder absetzen. Dadurch entstand ein dauerhafter Gegensatz zwischen der politischen Mobilisierung der Bevölkerung und der begrenzten parlamentarischen Kontrolle der Regierung.
Die Uneinigkeit mit dem Kaiser über die Umsturzvorlage führten letztlich zum Rücktritt Caprivis.
Reichskanzler Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst (1894-1900)
Chlodwig Carl Viktor Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst (31. März 1819 – 6. Juli 1901) war zunächst preußischer Verwaltungsbeamter, von 1866-1870 bayerischer Ministerpräsident und Außenminister, dann deutscher Botschafter in Paris, Staatssekretär des Auswärtigen Amtes und Statthalter von Elsass-Lothringen ab 1885.
Nach dem Rücktritt Leo von Caprivis berief Kaiser Wilhelm II. Hohenlohe am 29. Oktober 1894 zum Reichskanzler. Hohenlohe war zu diesem Zeitpunkt bereits 75 Jahre alt. Wegen seines Alters und seiner ausgleichenden Persönlichkeit wurde er häufig „Onkel Chlodwig“ genannt. Er war kein machtpolitischer Gegenspieler des Kaisers wie Bismarck. Wilhelm II. behielt erheblichen Einfluss, während der Reichskanzler vielfach moderierend und verwaltend tätig war. Hohenlohe konnte die zunehmende persönliche Herrschaft des Kaisers nur begrenzt kontrollieren.
Im Oktober 1900 trat Hohenlohe aus Altersgründen zurück. Er starb am 6. Juli 1901 in Bad Ragaz in der Schweiz. Historisch gilt er als Übergangsfigur zwischen der Ära Caprivi und der offensiveren wilhelminischen Politik unter Bülow. Seine Kanzlerschaft zeigt, dass der Reichskanzler unter Wilhelm II. zunehmend weniger eigenständiger Machtpolitiker und stärker von der kaiserlichen Leitung abhängig war.
Außenpolitik
Während Hohenlohes Kanzlerschaft entwickelte sich die deutsche Weltpolitik weiter. In diese Zeit fielen:
- der Ausbau der deutschen Kolonialpolitik;
- der Beginn beziehungsweise die Verstärkung der deutschen Flottenaufrüstung;
- eine zunehmende Verschlechterung des Verhältnisses zu Großbritannien;
- der Ausbau deutscher Interessen außerhalb Europas
Hohenlohe war dabei weniger der eigentliche konzeptionelle Urheber als der Kanzler, unter dessen Amtszeit diese Entwicklung stattfand. Die entscheidenden Impulse gingen zunehmend vom Kaiser, vom Auswärtigen Amt, vom Militär und von wirtschaftlichen sowie nationalistischen Interessenverbänden aus.
Innenpolitik
Die Regierung Hohenlohe stand vor allem vor den Problemen der wachsenden Massenpolitik und des Erstarkens der Sozialdemokratie. Kennzeichnend waren:
- eine weiterhin restriktive Haltung gegenüber der SPD;
- die Abwehr sozialdemokratischer und sozialistischer Aktivitäten;
- die Abhängigkeit von wechselnden Mehrheiten im Reichstag;
- eine enge Zusammenarbeit mit dem Zentrum, auf dessen Unterstützung die Regierung häufig angewiesen war.
1895 scheiterte die sogenannte Umsturzvorlage – wie von Caprivi vorhergesagt – am Widerstand des Reichstags. Die Regierung wollte härter gegen staats- und gesellschaftskritische Bestrebungen vorgehen, konnte dafür aber keine ausreichende parlamentarische Mehrheit gewinnen.
Reichskanzler Bernhard von Bülow (1900-1909)
Bernhard Heinrich Martin Karl von Bülow (3. Mai 1849 – 28. Oktober 1929) war Diplomat, deutscher Botschafter in Rom und ab 1897 Staatssekretär des Auswärtigen Amtes. Am 17. Oktober 1900 wurde er als Nachfolger Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürsts Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident. 1899 war er zum Grafen und 1905 zum Fürsten erhoben worden.
Bülow trat am 14. Juli 1909 zurück, nachdem er zur Durchsetzung der Reichsfinanzreform keine parlamentarische Mehrheit finden konnte. Seine Kanzlerschaft war durch einen Widerspruch geprägt: Bülow versuchte, den Kaiser politisch zu unterstützen und zugleich parlamentarische Mehrheiten zu organisieren. Er förderte jedoch eine außenpolitische Großmacht- und Flottenpolitik, die internationale Spannungen verstärkte, während sein innenpolitischer „Bülow-Block“ letztlich an Steuerfragen und parteipolitischen Gegensätzen zerbrach. Historisch steht Bülow damit für die wilhelminische Phase des Kaiserreichs: für Weltpolitik, Flottenbau, monarchische Selbstdarstellung und eine zunehmende Kluft zwischen gesellschaftlicher Modernisierung und der begrenzten parlamentarischen Verantwortlichkeit der Reichsregierung.
Außenpolitik
Bülow gilt als wichtiger Vertreter der deutschen Weltpolitik. In einer Reichstagsrede vom Dezember 1897 erklärte er: „Wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne.“ Mit diesem Satz formulierte er den Anspruch des Deutschen Reiches auf einen größeren internationalen Einfluss. Zu dieser Politik gehörten:
- der Ausbau des deutschen Kolonialbesitzes;
- die Förderung des Überseehandels;
- ein umfangreiches Flottenbauprogramm;
- stärkere deutsche Aktivitäten im Nahen Osten;
- der Versuch, Deutschland als globale Großmacht zu etablieren.
Diese Weltpolitik verschärfte jedoch die Spannungen mit Großbritannien, Frankreich und Russland. Besonders der deutsche Flottenbau trug zum britisch-deutschen Gegensatz und zum internationalen Wettrüsten bei.
Innenpolitik
Bülow versuchte, eine regierungsfähige Mehrheit aus Konservativen, Nationalliberalen und Teilen des Zentrums zu bilden. Dieses Bündnis wird häufig als „Bülow-Block“ bezeichnet. Seine Innenpolitik war von mehreren Problemen geprägt:
- steigende Bedeutung der Sozialdemokratie;
- Konflikte zwischen Konservativen, Liberalen und Zentrum;
- wachsende politische Bedeutung des Reichstags;
- Spannungen über Steuer- und Finanzreformen;
- zunehmende Polarisierung der Gesellschaft.
Der Bülow-Block zerbrach vor allem an der Reichsfinanzreform von 1909. Bülow wollte die Finanzierung der steigenden Reichsausgaben, unter anderem für Flotte und Militär, durch neue Steuern sichern. Besonders umstritten waren Erbschafts- und Verbrauchssteuern. Die Konservativen lehnten zentrale Bestandteile ab; schließlich verlor Bülow die notwendige parlamentarische Unterstützung.
Die Daily-Telegraph-Affäre
Der wichtigste politische Skandal der Kanzlerschaft war die Daily-Telegraph-Affäre von 1908. Die britische Zeitung veröffentlichte ein Interview mit Wilhelm II., in dem der Kaiser sich in einer ungewöhnlich persönlichen und außenpolitisch ungeschickten Weise über Großbritannien und die deutsch-britischen Beziehungen äußerte. Bülow war politisch mitverantwortlich, weil der Text zur Prüfung an die Reichsregierung weitergeleitet worden war. Er hatte die problematischen Äußerungen jedoch nicht ausreichend korrigiert oder die Veröffentlichung verhindert. In Deutschland löste der Artikel Empörung aus und beschädigte das Ansehen des Kaisers. Zunächst reichte Bülow sein Rücktrittsgesuch ein, doch Wilhelm II. lehnte es ab. Die Affäre belastete das Verhältnis zwischen beiden dauerhaft. Der Kaiser verlor schließlich das Vertrauen in seinen Kanzler.
Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg (1909-1917)
Bethmann Hollweg stammte aus einer wohlhabenden bürgerlich-adligen Familie und schlug zunächst eine Karriere im preußischen Verwaltungsdienst ein. Er war unter anderem Landrat im Kreis Oberbarnim, Oberpräsident der Provinz Brandenburg, preußischer Innenminister und Staatssekretär des Reichsamts des Innern und stellvertretender Reichskanzler.
Am 14. Juli 1909 folgte er auf Bernhard von Bülow als Reichskanzler, nachdem Bülow an der Finanzreform und dem Zerfall seines parlamentarischen Blocks gescheitert war. Seine Amtszeit umfasste die letzten Jahre des Friedens vor 1914 sowie die ersten drei Jahre des Ersten Weltkriegs.
Bethmann Hollweg verstand sich als ausgleichender Politiker zwischen den gegensätzlichen Lagern des Kaiserreichs. Seine Politik wird häufig als „Politik der Diagonale“ bezeichnet. Er versuchte, zwischen Konservativen und Liberalen, Regierung und Reichstag sowie später auch zwischen Bürgertum und Sozialdemokratie zu vermitteln. Sein Kurs blieb jedoch widersprüchlich. Er war vorsichtiger und reformbereiter als viele Konservative, er wollte die Sozialdemokratie nicht vollständig aus dem politischen System ausschließen und er hielt zugleich an der monarchischen Verfassungsordnung fest. Er war aber weder ein entschiedener Parlamentarier noch ein durchsetzungsstarker autoritärer Machtpolitiker. Diese ausgleichende Haltung brachte ihm Kritik von beiden Seiten ein.
Innenpolitik vor 1914
Bethmann Hollweg stand vor einer zunehmenden Politisierung der Gesellschaft. Die SPD war inzwischen die stärkste Partei im Reichstag, während Konservative und Militärkreise eine Demokratisierung ablehnten.
Der Reichskanzler unterstützte vorsichtige Reformansätze, konnte sich aber gegen den Kaiser, die konservative Reichstagsmehrheit und einflussreiche Militär- und Wirtschaftsgruppen nur begrenzt durchsetzen. Die grundlegende Schwäche des politischen Systems blieb bestehen: Der Reichskanzler war nicht vom Vertrauen des Reichstags abhängig, sondern vom Kaiser.
Außenpolitik vor 1914
Die Außenpolitik Theobald von Bethmann Hollwegs war vor 1914 von einem grundlegenden Spannungsverhältnis geprägt: Er wollte die internationale Isolierung des Deutschen Reiches überwinden und insbesondere eine Verständigung mit Großbritannien erreichen, hielt aber zugleich an der deutschen Weltmacht- und Bündnispolitik fest. Sein Leitgedanke lässt sich verkürzt als „Weltpolitik, aber keinen Krieg“ beschreiben.
Bethmann Hollweg betrachtete Großbritannien als den wichtigsten möglichen Partner für eine Entspannung. Ziel war ein Ausgleich, der den britisch-deutschen Gegensatz begrenzen und möglichst auch das Flottenwettrüsten stoppen sollte. Zu diesem Zweck unterstützte er diplomatische Gespräche mit dem britischen Außenminister Sir Edward Grey. Ein deutsch-britischer Ausgleich scheiterte jedoch an mehreren Faktoren:
- Deutschland wollte sein bestehendes Flottengesetz nicht grundsätzlich aufgeben.
- Großbritannien betrachtete den deutschen Schlachtflottenbau als strategische Bedrohung.
- Admiral Alfred von Tirpitz und die deutsche Marineführung lehnten weitgehende Zugeständnisse ab.
- Die britische Entente-Politik mit Frankreich und Russland schränkte den Spielraum Londons ein.
- Die deutsche Regierung wollte eine Verständigung mit Großbritannien, ohne ihre Stellung als Weltmacht preiszugeben.
Bethmann Hollweg unterstützte zwar zeitweise eine Begrenzung des Flottenkonflikts, konnte sich gegenüber Tirpitz und den nationalistischen Kräften im Reich jedoch nicht vollständig durchsetzen. Bethmann Hollwegs Außenpolitik war weder eine reine Friedenspolitik noch eine konsequent aggressive Expansionspolitik. Sie war eine defensive Machtpolitik mit hohem Risikopotenzial.
Die Zweite Marokkokrise 1911
Ein schwerer Rückschlag war die Zweite Marokkokrise von 1911. Deutschland entsandte das Kanonenboot Panther nach Agadir, um Druck auf Frankreich auszuüben und wirtschaftliche beziehungsweise koloniale Zugeständnisse zu erzwingen. Die Aktion führte jedoch nicht zur gewünschten Anerkennung deutscher Ansprüche. Stattdessen verschärfte sie das Misstrauen Großbritanniens gegenüber Deutschland. Die Krise zeigte, dass die deutsche Weltpolitik die angestrebte Verständigung mit London immer wieder untergrub. Gleichzeitig nahm in Deutschland die Kritik an Bethmann Hollweg zu. Nationalistische Kräfte warfen ihm vor, gegenüber Frankreich und Großbritannien zu nachgiebig aufzutreten.
Verhältnis zu Österreich-Ungarn
Das Bündnis mit Österreich-Ungarn blieb der wichtigste feste Bestandteil der deutschen Außenpolitik. Bethmann Hollweg betrachtete die Unterstützung Wiens als notwendig, um den deutschen Einfluss in Südosteuropa und gegenüber Russland zu sichern. Allerdings erkannte er auch die Risiken der österreichischen Balkanpolitik. Österreich-Ungarn stand in einem scharfen Gegensatz zu Serbien und Russland. Jede österreichisch-serbische Krise konnte deshalb einen Konflikt mit Russland und damit einen europäischen Krieg auslösen. Bethmann Hollweg versuchte, Wien zu unterstützen, ohne jede österreichische Forderung automatisch zu übernehmen. Dieses Gleichgewicht wurde 1914 in der Julikrise entscheidend auf die Probe gestellt.
Die Balkankriege 1912/13
Während der Balkankriege bemühte sich Bethmann Hollweg gemeinsam mit dem britischen Außenminister Grey um eine Begrenzung des Konflikts. Die europäischen Großmächte sollten verhindern, dass der Krieg zwischen den Balkanstaaten zu einem gesamteuropäischen Krieg eskalierte. Die Zusammenarbeit mit Großbritannien trug dazu bei, den Frieden 1912/13 zu bewahren. Der Erfolg war allerdings nur begrenzt: Die Rivalität zwischen Österreich-Ungarn, Serbien und Russland blieb bestehen, und die deutsche Unterstützung für Österreich-Ungarn verstärkte die Blockbildung in Europa
Die Julikrise 1914
Die Julikrise war die internationale Krise zwischen dem Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914 und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs Anfang August. Aus einem österreichisch-serbischen Konflikt wurde durch Bündnisbindungen, Mobilmachungen und Fehlkalkulationen ein europäischer Krieg.
Am 5. und 6. Juli 1914 erhielt Österreich-Ungarn in Berlin die Zusicherung, Deutschland werde es auch bei einem scharfen Vorgehen gegen Serbien unterstützen. Diese Zusicherung wird meist als „Blankoscheck“ bezeichnet. Kaiser Wilhelm II. und Reichskanzler Bethmann Hollweg nahmen dabei das Risiko eines Konflikts mit Russland in Kauf. Die deutsche Führung hoffte teilweise, der Konflikt könne lokal begrenzt bleiben. Zugleich rechnete sie damit, dass Österreich-Ungarn nun entschlossen handeln müsse, um seine Stellung als Großmacht zu behaupten.
Am 23. Juli 1914 übergab Österreich-Ungarn Serbien ein auf 48 Stunden befristetes Ultimatum. Es enthielt unter anderem Forderungen nach:
- dem Verbot antiösterreichischer Propaganda;
- der Auflösung nationalistischer Vereinigungen;
- der Bestrafung von Unterstützern des Attentats;
- der Beteiligung österreichisch-ungarischer Behörden an den Ermittlungen in Serbien.
Besonders der letzte Punkt griff in die staatliche Souveränität Serbiens ein. Serbien akzeptierte fast alle Forderungen, lehnte aber jene Teile ab, die eine direkte österreichische Einmischung in seine Justiz und Verwaltung bedeutet hätten. Österreich-Ungarn erklärte die Antwort für unzureichend, brach die diplomatischen Beziehungen ab und erklärte Serbien am 28. Juli 1914 den Krieg.
Der Erste Weltkrieg
Der Schwerpunkt der Darstellung des Ersten Weltkriegs in diesem Artikel liegt auf der historisch-politischen Situation der führenden Entscheidungsträger, weniger auf den militärischen Aktionen. Die Ursachen sind bereits in den vorhergehenden Absätzen angesprochen worden.
Kriegsausbruch
Am 28. Juni 1914 wurden der österreichisch-ungarische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Ehefrau Sophie in Sarajevo von Gavrilo Princip ermordet. Princip gehörte zu einem nationalistischen serbisch-bosnischen Umfeld; die Tat wurde in Wien als Angriff auf die Existenz der Habsburgermonarchie interpretiert.
Österreich-Ungarn wollte die Krise nutzen, um Serbien dauerhaft zu schwächen. Wegen der vermuteten Unterstützung serbischer Netzwerke durch Kreise in Belgrad ging es Wien nicht nur um die Bestrafung einzelner Attentäter, sondern um einen politischen Schlag gegen Serbien.
Am 23. Juli 1914 übergab Österreich-Ungarn Serbien ein auf 48 Stunden befristetes Ultimatum. Es enthielt unter anderem Forderungen nach:
- dem Verbot antiösterreichischer Propaganda;
- der Auflösung nationalistischer Vereinigungen;
- der Bestrafung von Unterstützern des Attentats;
- der Beteiligung österreichisch-ungarischer Behörden an den Ermittlungen in Serbien.
Besonders der letzte Punkt griff in die staatliche Souveränität Serbiens ein. Serbien akzeptierte fast alle Forderungen, lehnte aber jene Teile ab, die eine direkte österreichische Einmischung in seine Justiz und Verwaltung bedeutet hätten. Österreich-Ungarn erklärte die Antwort für unzureichend, brach die diplomatischen Beziehungen ab und erklärte Serbien am 28. Juli 1914 den Krieg.
Der entscheidende Eskalationsmechanismus waren die Bündnisse und militärischen Operationspläne:
- 28.07.1914 Österreich-Ungarn erklärt Serbien den Krieg
- 30.07.1914 Russland sieht seine Interessen verletzt, unterstützt Serbien und beginnt mit der Generalmobilmachung
- 01.08.1914 Deutschland sieht in der russischen Mobilmachung eine unmittelbare Bedrohung und erklärt den Krieg
- 02.08.1914 geheimer Bündnisvertrag mit dem Osmanischen Reich
- 03.08.1914 wegen des französisch-russischen Bündnis erklärt Deutschland Frankreich den Krieg
- 04.08.1914 Deutschland greift Frankreich an und marschiert über das neutrale Belgien ein (Schlieffenplan).
- 04.08.1914 Nach dem Einmarsch in das neutrale Belgien erklärte Großbritannien Deutschland den Krieg.
- 29.10.1914 Kriegseintritt des Osmanischen Reiches 2
Aus dem österreichisch-serbischen Konflikt wurde damit innerhalb weniger Tage ein Krieg der europäischen Großmächte. Die Julikrise war eine Krise der politischen Risikokalkulation: Mehrere Regierungen glaubten, ihre Entschlossenheit könne den Gegner zum Einlenken zwingen. Stattdessen führten Ultimaten, Mobilmachungen und Bündnisautomatismen zur militärischen Eskalation. Die Julikrise lässt sich nicht auf einen einzigen Verantwortlichen reduzieren. Zur Eskalation trugen mehrere Faktoren bei, die in ihrer Summe nicht beherrschbar waren.
Es standen sich zwei Militär- bzw. Interssensgruppen gegenüber, die Mittelmächte und die Entente (Alliierten). Zu den Mittelmächten gehörten das Deutsche Reich, Österreich-Ungarn, das Osmanische Reich und ab Oktober 1915 Bulgarien. Die Entente bestand aus Frankreich, Großbritannien, Russland (bis Okt. 1917), Italien (ab 1915), Rumänien (ab August 1916), die USA ab April 1917 sowie Serbien, Belgien und weitere Staaten, darunter auch China und Japan.
Kriegsphase 1 – Der Bewegungskrieg 1914
Militärischer Verlauf
Die deutsche Strategie des Schlieffenplans sah vor, Frankreich durch einen schnellen Stoß über das neutrale Belgien zu besiegen um so die frenzösischen Grenzbefestigungen zu umgehen, um danach die Truppen gegen Russland zu werfen. Deutschland stellte Belgien am 2. August 1914 ein Ultimatum. Die belgische Regierung sollte den freien Durchmarsch deutscher Truppen in Richtung Frankreich gestatten. Als Begründung behauptete Berlin, Frankreich plane seinerseits einen Angriff über belgisches Gebiet. Belgien lehnte die Forderung ab und verwies auf seine Neutralität und Unabhängigkeit. Am frühen Morgen des 4. August überschritten deutsche Truppen die belgische Grenze. Der erste größere Widerstand erfolgte bei Lüttich (Liège), dessen Festungsring den deutschen Vormarsch verzögerte. Diese Verletzung der belgischen Neutralität führte zum Kriegseintritt Großbritanniens noch am 04.08.1914.
Russland mobilisierte sein Heer schneller als gedacht. Schon am 17.08.1914 überschritten russische Truppen die Grenze zu Ostpreußen bei Suwalki. Das deutsche Heer stoppte den russischen Einmarsch in Ostpreußen am 26.-30.08.1914 in der Schlacht bei Tannenberg unter den Generälen Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff. Bis Ende September 1914 waren die Russen aus Ostpreußen vertrieben.
Im September 1914 stoppten französische und britische Truppen den deutschen Vormarsch in der Schlacht an der Marne. Beide Seiten versuchten, die Flanke des Gegners im Norden zu überrennen. Als dies im November 1914 an der belgischen Küste endete, erstarrte die Front. Ein riesiges System aus Schützengräben entstand mit einer starren Frontlinie von der Nordsee bis zur Schweiz.
Politische Bemühungen
Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg verfolgte ab dem Kriegsausbruch 1914 eine „Politik der Diagonale“, die versuchte, einen balanceaktartigen Ausgleich zwischen den extremen Lagern im Deutschen Reich zu finden. Seine Regierungsführung im Ersten Weltkrieg war von tiefer Skepsis über die deutschen Siegchancen geprägt und endete 1917 mit seiner Entlassung durch den Druck des Militärs.
Innenpolitisch erkannte Bethmann Hollweg, dass der Krieg nur mit Unterstützung der Arbeiterklasse geführt werden konnte. Es entstand die sog. ‚Burgfriedenspolitik‘. Er hob Diskriminierungen gegen Sozialdemokraten auf und band sie aktiv in die Staatsfinanzierung ein. Um eine drohende Revolution zu verhindern, drängte er ab 1915 auf eine Abschaffung des preußischen Dreiklassenwahlrechts. Er scheiterte jedoch am erbitterten Widerstand der Konservativen und des Kaisers. Seine ausgleichende Haltung brachte ihm den Hass der Alldeutschen und Konservativen ein, die ihn als „Zauderer“ sahen, während den Linken seine Reformen nicht weit genug gingen.
Außenpolitisch versuchte er eine Balance zwischen Annexion und Verständigung. In der anfänglichen Euphorie eines schnellen Sieges formulierte er Richtlinien für Friedensschlüsse. Diese enthielten weitreichende wirtschaftliche und territoriale Forderungen (u.a. die Hegemonie über Mitteleuropa und Annexionen in Belgien).
Kriegsphase 2 – Stellungskrieg und Materialschlachten 1915-1916
Militärischer Verlauf
Im Westen erstarrte die Front im Stellungskrieg. Moderne Waffen wie Maschinengewehre, schwere Artillerie und ab 1915 auch Giftgas machten Offensiven zu tödlichen Himmelfahrtskommandos. Die deutsche Führung versuchte, die französische Armee in einer monatelangen Schlammschlacht bei Verdun strategisch „auszubluten“. Sie endete ohne nennenswerten Geländegewinn unter enormen Verlusten auf beiden Seiten.
In der Zweiten Flandernschlacht setzte das deutsche Heer bei Ypern erstmals im großen Stil Chlorgas als chemische Waffe ein.
Die britisch-französische Gegenoffensive in der Schlacht an der Somme wurde zur verlustreichsten Schlacht des ganzen Krieges mit über 1 Million Opfern. Hier setzten die Briten erstmals Panzer (Tanks) ein.
Großbritannien wollte Deutschland durch eine Seeblockade von Importen abschneiden3. Hiermit wurde der Krieg auch auf die See ausgeweitet. Deutschland reagierte mit einem U-Boot-Krieg. Am 7. Mai 1915 torpedierte ein deutsches U-Boot das britische Passagierschiff Lusitania vor Irland. Dabei starben über 120 Amerikaner, was das Verhältnis zu den Vereinigten Staaten erheblich belastete.
An der Ostfront des Ersten Weltkriegs entwickelte sich das Geschehen ab Januar 1915 zu einem extrem raumgreifenden Bewegungskrieg mit massiven Frontverschiebungen. Im Februar 1915 warfen deutsche Truppen die russische Armee unter extremen winterlichen Bedingungen endgültig aus Ostpreußen zurück. Im Mai 1915 gelang einer deutsch-österreichischen Offensive ein entscheidender strategischer Frontdurchbruch in Galizien. Die russische Führung musste unter dem enormen Druck die Front komplett zurückverlegen. Russland verlor Polen, Litauen und Teile Lettlands an die Mittelmächte.
Im Juni 1916 startete der russische General Alexei Brussilow jedoch eine massive Überraschungsoffensive. Sie zertrümmerte die österreichisch-ungarischen Linien komplett und kostete die Mittelmächte über eine Million Soldaten. Die Front konnte nur stabilisiert werden, weil deutsche Divisionen in aller Eile von der Westfront (Verdun) abgezogen wurden. Österreich-Ungarn verlor damit seine militärische Eigenständigkeit. Rumänien trat im August 1916 der Entente bei, wurde jedoch in einem raschen Gegenschlag der Mittelmächte bis Jahresende fast vollständig besetzt.
Kriegseintritt Italiens 1915
Italien trat am 23. Mai 1915 auf Seiten der Entente in den Ersten Weltkrieg ein und erklärte Österreich-Ungarn den Krieg. Die Kampfhandlungen an der italienischen Front begannen am 24. Mai. Deutschland erklärte Italien erst am 27. August 1916 den Krieg.
Italien war seit 1882 Mitglied des Dreibunds mit Deutschland und Österreich-Ungarn. Der Vertrag verpflichtete Italien jedoch nicht automatisch zum Kriegseintritt, weil Österreich-Ungarn den Krieg gegen Serbien begonnen hatte, ohne Italien ausreichend zu konsultieren. Rom erklärte sich daher am 3. August 1914 für neutral. Zudem war das Verhältnis zu Österreich-Ungarn gespannt. Italien beanspruchte nämlich unter anderem Trient und Südtirol, Triest, Görz und Gradisca, Istrien und Teile Dalmatiens. Diese überwiegend italienischsprachigen oder strategisch wichtigen Gebiete galten als terre irredente („unerlöste Gebiete“). Der Krieg gegen Österreich-Ungarn konnte daher als Fortsetzung der italienischen Einigung – als sogenannter „vierter italienischer Unabhängigkeitskrieg“ – dargestellt werden.
Italien verhandelte zunächst mit beiden Seiten. Die Entente bot ihm jedoch größere territoriale Gewinne an als die Mittelmächte. Im Londoner Vertrag vom 26. April 1915 versprachen Großbritannien, Frankreich und Russland Italien unter anderem Trentino und Südtirol bis zum Brenner, Triest, Istrien, Teile der österreichischen Adriaküste einige dalmatinische Gebiete und Inseln sowie weitere Vorteile im Osmanischen Reich und in Afrika. Im Gegenzug verpflichtete sich Italien, innerhalb eines Monats gegen Österreich-Ungarn in den Krieg einzutreten. Am 3. Mai kündigte Italien den Dreibund und erklärte am 23. Mai Österreich-Ungarn den Krieg.
Der Kriegseintritt war in Italien stark umstritten. Die Neutralisten – darunter viele Sozialisten, Katholiken und Liberale – wollten den Krieg vermeiden. Ihnen standen die Interventionisten gegenüber, die nationale Gebietsgewinne, eine Großmachtstellung Italiens oder einen Krieg gegen Österreich-Ungarn unterstützten. Die Regierung unter Antonio Salandra und Außenminister Sidney Sonnino setzte sich schließlich über die starke parlamentarische und gesellschaftliche Opposition hinweg. König Viktor Emanuel III. unterstützte den Kriegseintritt.
Italien eröffnete mit der 1. Isonzo-Schlacht am 23. Juni 1915 die militärische Auseinandersetzung. Die 12 schlachten am Isonzo zogen sich bis Oktober 1917 hin. Die Kämpfe am Isonzo und in den Alpen waren besonders verlustreich und brachten zunächst nur begrenzte territoriale Erfolge.
Politische Bemühungen
Als der Krieg im Stellungskrieg erstarrte, begriff Bethmann – Hollweg die Utopie dieser Pläne. Er distanzierte sich vom extremen Annexionismus der Nationalisten.
Am 12. Dezember 1916 bot der Kanzler am 12. Dezember im Reichstag der Entente4 einen „Frieden der Verständigung“ an. Dabei hatte er die volle Unterstützung des Kaisers hinter sich, der in Zustimmung zu den Bemühungen Bethmann Hollwegs schrieb, der Friedensvorschlag sei „eine sittliche Tat, die notwendig ist, um die Welt von dem auf allen lastenden Druck zu befreien.“ Da Deutschland zu diesem Zeitpunkt militärisch aber noch stark da stand, nannten die Alliierten das Angebot unkonkret und lehnten es als Propagandamanöver ab.
Kriegsphase 3 – Epochenjahr und Kriegswende 1917
Militärischer Verlauf
Nachdem sich die Militärs der OHL im Januar 1917 gegen den Reichskanzler durchgesetzt hatten, erklärte Deutschland im Februar 1917 den uneingeschränkten U-Boot-Krieg und ließ alle Schiffe in den Blockadezonen um Großbritannien torpedieren, um den Gegner wirtschaftlich in die Knie zu zwingen. Als Reaktion auf den U-Boot-Krieg und die Versenkung amerikanischer Schiffe erklärten die USA im April 1917 den Mittelmächten den Krieg. Dies brachte den Alliierten frische Truppen und riesige wirtschaftliche Ressourcen.
Im Osten führten die katastrophalen Verluste an der Front und der Hunger im Land im März 1917 zum Sturz des Zaren Nikolaus II. Die neue bürgerliche Regierung setzte den Krieg jedoch fort. Eine letzte russische Großoffensive (Kerernski-Offensive) im Juli 1917 brach nach anfänglichen Erfolgen zusammen. Ganze russische Verbände meuterten, verweigerten Befehle und desertierten.
Im November ergriffen die bolschewistischen Kommunisten unter Lenin die Macht. Sie schlossen im Dezember 1917 einen offiziellen Waffenstillstand mit den Mittelmächten.
An der italienischen Front erlitt Italien in der Zwölften Isonzoschlacht am 24. Oktober 1917 bei Caporetto die entscheidende Niederlage. Deutsche und österreichisch-ungarische Truppen durchbrachen die italienische Front; die italienische Armee musste sich bis an den Piave zurückziehen. Über 600.000 italienische Soldaten desertierten, gerieten in Gefangenschaft oder wurden zurückgedrängt.
Hungersnot in Deutschland – Der Steckrübenwinter 1916/17
Die britische Seeblockade ab 1916 führte zu Einfuhrproblemen von Lebensmitteln, Dünger und Rohstoffen. Millionen Männer fehlten in Landwirtschaft und Industrie. Arbeitskräfte, Pferde und Futtermittel wurden für das Militär verwendet. Die Kartoffelernte 1916 erreichte nur etwa 50 Prozent eines normalen Ertrags. Hinzu kamen logistische Probleme. Die staatliche Zwangsbewirtschaftung funktionierte unzureichend. Die Summe der Probleme führte zu einer Unterversorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln, die besonders Städte und industriell geprägte Gebiete betraf.
Die Kartoffel war vor dem Krieg das wichtigste Grundnahrungsmittel der deutschen Bevölkerung. Im Winter 1916/17 musste sie jedoch in vielen Regionen durch Steckrüben ersetzt werden. Aus ihnen wurden unter anderem Suppen, Brot, Aufläufe, Marmelade und sogar puddingähnliche Speisen hergestellt. Die Rationen sanken teilweise unter den täglichen Mindestbedarf. In manchen Städten erhielten Erwachsene zeitweise weniger als 1.000 Kilokalorien pro Tag. Lebensmittelkarten garantierten zudem nicht, dass die zugeteilten Mengen tatsächlich erhältlich waren. Schlangestehen, Hamsterfahrten aufs Land und der Schwarzmarkt wurden für viele Menschen zum Alltag. Die Unterernährung schwächte das Immunsystem und führte zu Krankheiten wie Tuberkulose und Ruhr. Die Kindersterblichkeit stieg deutlich an. Nach Schätzungen starben im Deutschen Reich während des Krieges etwa 700.000 bis 800.000 Menschen an Hunger und den Folgen der Unterernährung. Die genaue Zahl ist jedoch methodisch schwer zu bestimmen.
Der Hunger verschärfte die soziale und politische Krise des Kaiserreichs. Während breite Bevölkerungsschichten unter Rationierung und Mangel litten, machten sogenannte Kriegsgewinnler mit Rüstungsgeschäften und Schwarzhandel große Gewinne. Dies verstärkte den Eindruck sozialer Ungerechtigkeit. Die Versorgungskrise schwächte dadurch die Loyalität gegenüber der monarchischen Regierung und trug zur Radikalisierung der Arbeiterschaft bei. Sie war einer der Faktoren, die 1918 den politischen Zusammenbruch des Kaiserreichs begünstigten. Ab 1917 kam es zu Protesten und Streiks.
Politische Bemühungen
Bethmann Hollweg verhinderte über zwei Jahre lang einen uneingeschränkten U-Boot-Krieg. Er hatte die begründete politische Angst, die USA dadurch in den Krieg zu ziehen. Im Januar 1917 musste der Kanler politisch in die Knie. Die Oberste Heeresleitung (OHL) und die Marineführung versprachen ein schnelles Einknicken Englands, wenn der uneingesc hränkte U-Boot-Krieg verhängt werde. Bethmann Hollweg gab nach, woraufhin die USA im April 1917 wie befürchtet den Kriegseintritt erklärten.
Mit der Berufung von Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff in die 3. Oberste Heeresleitung verlor der Kanzler fast jeglichen politischen Handlungsspielraum. Die OHL duldete seine kompromissorientierte Haltung nicht länger. Unter Androhung ihres geschlossenen Rücktritts zwangen Hindenburg und Ludendorff Kaiser Wilhelm II. am 13. Juli 1917 zur Entlassung des Kanzlers. Das Deutsche Reich glitt damit endgültig in eine faktische Militärdiktatur ab.
Reichskanzler Georg Michalis (1917)
Georg Michaelis (* 8. September 1857 in Haynau; † 24. Juli 1936 in Bad Saarow) wurde im Jahr 1917 für lediglich dreieinhalb Monate Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident. Er ging als der erste bürgerliche (nichtadelige) Kanzler in die deutsche Geschichte ein. Seine extrem kurze Amtszeit (14. Juli bis 1. November 1917) stand im Schatten der 3. Obersten Heeresleitung (OHL) unter Hindenburg und Ludendorff, als deren politischer Marionettenkanzler er weitgehend agierte.
Nach dem erzwungenen Sturz von Theobald von Bethmann Hollweg im Juli 1917 suchte die OHL einen gefügigen Nachfolger. Der politisch unerfahrene und kaisertreue Michaelis wurde überraschend zum Reichskanzler ernannt. Er selbst sah sich als Krisenverwalter, der „in den Riss springen“ müsse. Direkt zu Beginn seiner Amtszeit verabschiedete der Reichstag am 19. Juli 1917 eine Friedensresolution für einen Verständigungsfrieden ohne Annexionen. Michaelis, der heimlich einen Siegfrieden favorisierte, stimmte der Resolution in seiner Antrittsrede scheinbar zu, entkräftete sie jedoch mit dem folgenschweren Zusatz, er unterstütze sie, „wie ich sie auffasse“. Dies nahm der Resolution jegliche völkerrechtliche Glaubwürdigkeit.
Im August 1917 reagierte er bewusst vage und verzögernd auf die Friedensnote von Papst Benedikt XV., da er eine klare Stellungnahme zur Räumung des besetzten Belgiens verweigerte. Hiermit sabotierte er weitere Friedensbemühungen.
Durch sein ungeschicktes Lavieren verlor Michaelis innerhalb kürzester Zeit jeglichen Rückhalt im Parlament. Er schaffte es weder, Vertrauen zu den Reichstagsfraktionen aufzubauen, noch konnte er eigenständige Akzente gegen das Diktat der Generäle Hindenburg und Ludendorff setzen. Ende Oktober 1917 entzog ihm die parlamentarische Mehrheit endgültig die Unterstützung. Um einer formellen Abwahl zu entgehen, trat er am 31. Oktober 1917 zurück.
Kriegsphase 4 – Entscheidung im Westen und Waffenstillstand
Militärischer Verlauf
Da die sowjetrussische Delegation nach dem Waffenstillstand bei den Verhandlungen taktierte, startete das deutsche Heer im Februar 1918 die ‚Operation Faustschlag‘, den sog. Eisenbahnfeldzug.. Nahezu kampflos rückten deutsche Truppen per Eisenbahn tief nach Estland, Livland, Weißrussland und in die Ukraine vor. Um sein Regime zu retten, unterzeichnete Sowjetrussland am 3. März 1918 im Frieden von Brest-Litowsk einen separaten Friedensvertrag. Russland verlor rund 25 % seines europäischen Staatsgebiets (u. a. Polen, das Baltikum, Finnland und die Ukraine) sowie ein Drittel seiner Bevölkerung.
Durch die im Osten frei gewordenen Truppen startete die Oberste Heeresleitung (OHL) im März 1918 eine letzte Großoffensive im Westen, um die Entscheidung vor dem Eintreffen der US-Hauptstreitkräfte zu erzwingen. Die Offensive lief sich unter hohen Verlusten fest.
Am 8. August 1918 gelang den Alliierten mit massiven Panzereinsätzen bei Amiens der entscheidende Durchbruch. Die deutsche Westfront brach endgültig zusammen. Angesichts der drohenden militärischen Katastrophe forderte die OHL Ende September Waffenstillstandsverhandlungen. Am 11. November 1918 endeten die Kampfhandlungen mit der Unterzeichnung des Waffenstillstoffs von Compiègne.
An der Italienfront gelang der italienischen Armee am 24.10.1918 bei Vittorio Veneto der entscheidende Durchbruch gegen Österreich-Ungarn. Die Schlacht führte zum Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen Front und beschleunigte die Auflösung der Habsburgermonarchie. Die Niederlage zwang Österreich-Ungarn am 03.11.1918 zum Waffenstillstand von Padua mit Italien.
Politische Entwicklung
Reichskanzler Graf Georg von Hertling
Nachfolger des Reichskanzlers Michaelis wurde der bayerische Zentrums-Politiker Graf Georg von Hertling (* 31. August 1843 in Darmstadt; † 4. Januar 1919 in Ruhpolding). Hertling war ein konservativer Zentrums-Politiker und amtierte von November 1917 bis Oktober 1918 als Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident. Er war der erste Kanzler einer parlamentarisch gestützten Regierung im Deutschen Reich, stand jedoch zeit seines Amtes im Schatten der übermächtigen Obersten Heeresleitung (OHL).
Hertling war studierter Philosoph und lehrte als Professor in Bonn und München. Er war ein bedeutender Vertreter des katholischen Geisteslebens. Für die katholische Zentrumspartei saß er jahrzehntelang im Reichstag und profilierte sich vor allem in der Kultur- und Außenpolitik. Von 1912 bis 1917 leitete er als Vorsitzender des Ministerrats die Regierung des Königreichs Bayern. Dort bewährte er sich als ausgleichender Föderalist.
Nach dem Scheitern von Georg Michaelis machte der Reichstag erstmals sein Mitspracherecht geltend. Hertling wurde im November 1917 erst Kanzler, nachdem er sein Regierungsprogramm mit den Mehrheitsparteien des Reichstags (Zentrum, SPD, Fortschrittliche Volkspartei) abgestimmt hatte. Dies war ein entscheidender Schritt zur Parlamentarisierung des Kaiserreichs.
Trotz parlamentarischer Stützung war der bereits 74-jährige und gesundheitlich angeschlagene Hertling den Generälen Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff politisch nicht gewachsen. Die OHL regierte de facto als Militärdiktatur am Kanzler vorbei. Hertling musste im März 1918 den von der OHL diktierten, extrem harten Friedensvertrag mit Sowjetrussland im Reichstag verteidigen, obwohl er selbst einen Verständigungsfrieden ohne massive Annexionen bevorzugt hätte.
Im innerpreußischen Verfassungskonflikt scheiterte Hertling am Widerstand des preußischen Herrenhauses, das die Abschaffung des Dreiklassenwahlrechts vehement blockierte.
Als die Westfront im Spätsommer 1918 zusammenbrach und die OHL plötzlich die sofortige Parlamentarisierung der Regierung forderte, um die Schuld an der Niederlage den demokratischen Parteien zuzuschieben (Dolchstoßlegende), verweigerte Hertling diesen Schritt. Da er die volle Parlamentarisierung aus persönlicher Überzeugung ablehnte, trat er am 30. September 1918 zurück.
Reichskanzler Max von Baden (1918)
Prinz Max von Baden (* 10. Juli 1867 in Baden-Baden; † 6. November 1929 in Konstanz) übernahm das Amt des Reichskanzlers am 3. Oktober 1918. Seine extrem kurze Amtszeit von nur fünf Wochen markiert den dramatischen Übergang vom Deutschen Kaiserreich zur Weimarer Republik. Er leitete die Demokratisierung des Reiches von oben ein, stand jedoch vor der unlösbaren Aufgabe, das Land geordnet aus dem verlorenen Weltkrieg zu führen.
Als Cousin des badischen Großherzogs und künftiger Thronfolger von Baden galt er als gemäßigt, liberal und sozial engagiert (u. a. beim Roten Kreuz für Kriegsgefangene). Er war sowohl für das Kaiserhaus und die Oberste Heeresleitung (OHL) als auch für die demokratischen Mehrheitsparteien im Reichstag akzeptabel. Die OHL hoffte, dass ein bekanntermaßen moderner und friedensorientierter Adliger bessere Bedingungen bei Friedensverhandlungen mit US-Präsident Woodrow Wilson erzielen könnte.
Sofort nach Amtsantritt setzte Max von Baden tiefgreifende Verfassungsänderungen durch. Mit den Oktoberreformen vom 28. Oktober 1918 wurde das Deutsche Reich formell zu einer parlamentarischen Monarchie. Der Reichskanzler und die OHL waren ab sofort nicht mehr dem Kaiser, sondern dem Reichstag verantwortlich. Auch das preußische Dreiklassenwahlrecht wurde endlich abgeschafft.
Das Kriegsende 1918
Bereits in seiner allerersten Amtsnacht (3./4. Oktober) zwang ihn die OHL unter Ludendorff dazu, ein Waffenstillstandsgesuch an US-Präsident Wilson zu senden. Max von Baden wollte eigentlich abwarten, um nicht wie ein total Besiegter zu wirken, musste sich aber dem militärischen Druck beugen. Wilson antwortete in mehreren Noten und machte unmissverständlich klar: Ein demokratischer Frieden ist nur möglich, wenn die militärischen Eliten entmachtet werden und Kaiser Wilhelm II. abdankt.
Die Novemberrevolution
Als die Seekriegsleitung Ende Oktober die Flotte zu einer letzten, sinnlosen Schlacht gegen England auslaufen lassen wollte, meuterten die Matrosen in Wilhelmshaven und Kiel. Der Aufstand entwickelte sich binnen Tagen zur landesweiten Novemberrevolution.
Am 9. November 1918 erreichte die Revolution Berlin. Um ein Blutvergießen zu verhindern und den radikalen Sozialisten den Wind aus den Segeln zu nehmen, verkündete Max von Baden eigenmächtig den Thronverzicht von Kaiser Wilhelm II., da dieser sich weigerte, selbst zurückzutreten.
Am selben Mittag übergab Max von Baden sein Amt verfassungswidrig, aber politisch alternativlos, an den SPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert. Wenige Stunden später rief Philipp Scheidemann (SPD-Abgeordneter und Staatssekretär ohne Geschäftsbereich) die Republik aus. Während Ebert eine geordnete Wahl zu einer verfassunggebenden Nationalversammlung anstrebte, drängten die revolutionären Massen vor dem Reichstagsgebäude nach einer schnellen Entscheidung. Als Scheidemann beim Mittagessen im Reichstag erfuhr, dass der Spartakist Karl Liebknecht eine sozialistische Räterepublik ausrufen wollte, handelte er eigenmächtig. Er trat an ein Fenster des Reichstags und rief gegen 14 Uhr die „Deutsche Republik“ aus. Friedrich Ebert war über diesen Schritt empört, da er die Staatsform nicht durch einen Zuruf von der Straße, sondern durch eine gewählte Versammlung bestimmen lassen wollte. Scheidemanns Proklamation schuf jedoch vollendete Tatsachen.
Max von Baden zog sich daraufhin völlig aus der Politik zurück.
Abdankung Kaiser Wilhelms II und Flucht ins Exil
Ende Oktober 1918 floh der Kaiser vor den Unruhen und dem politischen Druck aus Berlin in das Große Hauptquartier der Armee im belgischen Spa. US-Präsident Woodrow Wilson hatte die Abdankung des Kaisers zur Bedingung für erträgliche Waffenstillstandsbedingungen gemacht. Als sich der Kieler Matrosenaufstand Anfang November zur landesweiten Novemberrevolution ausweitete, forderte auch die SPD in Berlin vehement den Thronverzicht. In Spa weigerte sich Wilhelm II. beharrlich, komplett zurückzutreten. Am Vormittag des 9. November 1918 schlug er einen juristischen Kompromiss vor: Er wollte zwar als Deutscher Kaiser abdanken, aber König von Preußen bleiben. Damit wollte er die Führung über die preußische Armee behalten.
In Berlin überschlugen sich zur gleichen Zeit die Ereignisse. Hunderttausende Demonstranten belagerten das Regierungsviertel. Reichskanzler Prinz Max von Baden erkannte, dass die Monarchie nur gerettet werden könnte, wenn der verhasste Kaiser sofort gänzlich weicht. Da die Telefonleitungen nach Spa schlecht waren und der Kaiser zögerte, handelte der Kanzler eigenmächtig. Am späten Vormittag gab Max von Baden über die Presse offiziell bekannt: „Seine Majestät der Kaiser und König haben sich entschlossen, dem Throne zu entsagen.“ Damit hatte der Kanzler den doppelten Thronverzicht (Kaiser und König) verkündet, ohne dass Wilhelm II. überhaupt zugestimmt hatte. Kurz darauf übergab der Kanzler die Regierungsgeschäfte an Friedrich Ebert. Dieses Vorgehen kam de facto einem Staatsstreich gleich.
Als der Kaiser in Spa via Telegramm von seiner angeblichen Abdankung erfuhr, war er fassungslos und wütend. Doch die militärische Realität holte ihn ein: Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg und General Wilhelm Groener erklärten dem Kaiser unverblümt, dass das Heer nicht mehr für ihn kämpfen werde und die Truppen unter ihren Fahnen ungehorsam nach Hause marschieren würden. Auf Anraten Hindenburgs floh Wilhelm II. am frühen Morgen des 10. November 1918 mit dem kaiserlichen Hofzug über die Grenze in die neutralen Niederlande, um dem Zugriff der Revolutionäre zu entgehen.
Völkerrechtlich und formell war die Sache damit jedoch noch nicht erledigt. Wilhelm II. lebte zunächst im Schloss Amerongen bei Utrecht. Erst nachdem er einsehen musste, dass es keine Chance auf eine Rückkehr gab, unterzeichnete er am 28. November 1918 die offizielle Abdankungsurkunde. Darin verzichtete er für alle Zukunft auf die Kronen Preußens und des Deutschen Reiches und entband alle Soldaten und Beamten von ihrem Treueid. Drei Tage später, am 1. Dezember, erklärte auch sein Sohn, Kronprinz Wilhelm, den Thronverzicht. Damit war die Hohenzollern-Monarchie in Deutschland endgültig Geschichte. Der Kaiser blieb anderthalb Jahre auf Schloss Amerongen, bevor er 1920 das nahegelegene Haus Doorn kaufte, das er bis zu seinem Tod 1941 bewohnte.
Der Waffenstillstand von Compiègne
Der Waffenstillstand von Compiègne wurde am 11. November 1918 im Wald von Compiègne unterzeichnet. Er beendete die Kampfhandlungen zwischen dem Deutschen Reich und den Alliierten des Ersten Weltkriegs.
Der Zusammenbruch des Kaiserreiches und der Umbruch der Novemberrevolution stellten die Frage nach der Legitimation der Vertragspartner. Am 9. November 1918 hatte Prinz Max von Baden das Reichskanzleramt ohne Legitimation an Friedrich Ebert übergeben. Ebert leitete anschließend den Rat der Volksbeauftragten, der nach der Novemberrevolution die deutsche Reichsregierung bildete. Die Waffenstillstandskommission erhielt ihre politische Vollmacht von dieser neuen Regierung. Sie handelte somit nicht mehr im Auftrag Kaiser Wilhelms II., der am 9. November faktisch seine Regierungsgewalt verloren hatte und am 10. November in die Niederlande floh. Nur zwei Tage später trafen sich die Gegner im Wald von Compiègne.
Die deutsche Regierung entsandte die Delegation unter Matthias Erzberger, um über die Einstellung der Kampfhandlungen zu verhandeln, die Bedingungen der Alliierten entgegenzunehmen, Änderungen oder Erleichterungen zu erreichen und den Waffenstillstand im Namen der deutschen Regierung zu unterzeichnen. Die deutsche Oberste Heeresleitung unter Paul von Hindenburg unterstützte die Entsendung ebenfalls. Hindenburg blieb formal Chef der Heeresleitung und übermittelte der Delegation nach den Verhandlungen die Weisung, den Waffenstillstand anzunehmen, obwohl die Bedingungen sehr hart waren.
Die endgültige politische Entscheidung lag bei der Reichsregierung in Berlin. Die Kommission konnte nicht völlig selbstständig handeln. Erzberger stand während der Verhandlungen in Verbindung mit der Regierung und erhielt Anweisungen aus Berlin. Die militärische Zustimmung war ebenfalls wichtig, weil die Waffenstillstandsbedingungen vor allem die deutsche Armee betrafen. Die Oberste Heeresleitung befürwortete daher die Annahme, nachdem sie zu dem Schluss gekommen war, dass der Krieg militärisch nicht fortgesetzt werden konnte. Die Delegation war somit durch die revolutionäre Reichsregierung legitimiert, nicht durch Kaiser Wilhelm II. Die verfassungsrechtliche Grundlage war allerdings wegen des Umbruchs im November 1918 außergewöhnlich und politisch umstritten.
Der Frieden von Versailles
Der Vertrag von Versailles wurde am 28. Juni 1919 im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles unterzeichnet. Für das Deutsche Reich unterschrieben Hermann Müller (SPD), Reichsaußenminister und Johannes Bell (Zentrum), Reichsverkehrsminister. Sie unterzeichneten den Vertrag unter erheblichem politischen Druck und gegen starke Vorbehalte. Auf alliierter Seite unterschrieben Vertreter der 27 alliierten und assoziierten Staaten. Die wichtigsten alliierten Regierungschefs waren bei der Unterzeichnung anwesend, unterschrieben den Vertrag aber nicht notwendigerweise persönlich.
Deutschland war zuvor von den eigentlichen Friedensverhandlungen weitgehend ausgeschlossen worden. Die Nationalversammlung ratifizierte den Vertrag am 9. Juli 1919 mit 209 gegen 116 Stimmen; völkerrechtlich trat er am 10. Januar 1920 in Kraft. Hiermit war der Erste Weltkrieg auch formell und völkerrechtlich beendet.
Da durch den Vertrag die Konflikte aber nicht gelöst wurden, waren weitere Auseinandersetzungen absehbar, die dann 20 Jahre später zum Zweiten Weltkrieg führten. Auch endete nach dem Waffenstillstand am 11. November 1918 der Hunger nicht sofort. Die Lebensmittelversorgung blieb wegen der Kriegsfolgen, des wirtschaftlichen Zusammenbruchs und der fortbestehenden alliierten Maßnahmen schwierig. Die Rationierung wurde in Deutschland erst schrittweise abgebaut.
Territorialentwicklung durch den Ersten Weltkrieg
- In Preußen galt für das Abgeordnetenhaus das 1849 eingeführte Dreiklassenwahlrecht. Es teilte die Wähler nach der Höhe ihrer direkten Steuerzahlungen in drei Klassen ein. Jede Klasse stellte ein Drittel der Wahlmänner, obwohl die Klassen sehr unterschiedlich groß waren. Die Wahl war außerdem indirekt: Die Urwähler wählten zunächst Wahlmänner, die anschließend die Abgeordneten bestimmten. Sie fand öffentlich und nicht geheim statt. ↩︎
- Das Osmanische Reich trat den Mittelmächten bei, weil seine Führung in Deutschland den einzigen verlässlichen Schutz gegen Russland und die europäische Aufteilung des Reiches sah und hoffte, durch einen deutschen Sieg seine Macht und Gebiete wiederherstellen zu können. ↩︎
- Ähnlich Napoleons Kontinentalsperre gegen Großbritannien. ↩︎
- Bezeichnung der Gegnerstaaten Deutschlands ↩︎


