Historie

E 1 Linie Kirchheim 1551-heute

Lageplan

Die Herrschaft Kirchheim

Die schwäbische Herrschaft Kirchheim befindet sich seit 1551 ununterbrochen im Besitz der Familie Fugger (Linie Fugger von der Lilie bzw. Fugger von Glött).

Anton Fugger „der Ältere“ (1493–1560, AC16) erwarb die Herrschaft 1551 für 137.000 Gulden vom kinderlosen Hans Walther von Hürnheim und dessen Frau Martha, um den Familienbesitz in Grund und Boden abzusichern.

Sie bestand aus den 1551 erworbenen Ortschaften Kirchheim, Derndorf, Tiefenried, Spöck, Hasberg, Haselbach, Könghausen, Diepenhofen, Aufhof und Mörgen sowie aus der späteren Erwerbung Türkenfeld (1598). Bei der Bildung der Herrschaft 1575 wurde auch der bereits 1509 erworbene Ort Schmiechen der Linie Kirchheim zugeordnet.

Nach dem Aussterben der ursprünglichen Kirchheimer Linie ging der Besitz 1878 an die Linie Fugger von Glött über, die das Schloss bis heute bewohnt.

Entwicklung nach 1575

Antons zweiter Sohn Hans Fugger von der Lilie (1531–1598, N19) erhielt Kirchheim nach dem Tod des Vaters 1575 im Zuge einer Losziehung unter den Brüdern. Er erbaute das heutige prachtvolle Renaissance-Schloss (1578–1583). Als ausführende Baumeister des Schlosses wirkten der Augsburger Stadtbaumeister Jakob Eschay sowie derKünstler und Kunsttischler Wendel Dietrich, der auch die berühmte Holzdecke im Zedernsaal des Schlosses schuf.1

Intermezzo: Seyfriedsberg (E1a) 1619-1628

In Ziemetshausen und Seyfriedsberg hielten die Fugger zwar einigen Grundbesitz, übten aber keine Herrschaft aus. Lediglich in Seyfriedsberg konnten sie für eine kurze Zeit (1619-1628) eine Pfandschaft für Maria Gräfin Fugger zu Kirchheim (geborene Gräfin von Schwarzenberg, 1572–1622) erhalten. Sie war die Ehefrau von Christoph Graf Fugger zu Kirchheim (1566–1615, O22), einem Enkel von Anton Fugger. Nach dem frühen Tod ihres Mannes im Jahr 1615 übernahm sie als Witwe tatkräftig und hochintelligent die Regentschaft sowie die wirtschaftliche Verwaltung für ihre noch minderjährigen Kinder im schwäbischen Schloss Kirchheim.

Da das Haus Österreich (Habsburg/Vorderösterreich) chronisch unter Geldmangel litt, verpfändete der Landesherr, Erzherzog Leopold von Österreich, im Jahr 1619 die landesherrlichen Rechte über die gesamte Herrschaft Seifriedsberg (mit dem heutigen Markt Ziemetshausen als Zentrum) an die vermögende gräfliche Witwe. Maria Fugger lieh dem Erzherzog eine immense Summe Gold. Als Sicherheit („Pfand“) erhielt sie die volle Nutznießung der Herrschaft, die Steuereinnahmen, die niedere Gerichtsbarkeit sowie das lukrative gräfliche Forst- und Jagdrecht rund um das Schloss Seyfriedsberg. Da es sich um eine reine Pfandherrschaft handelte und die Fugger-Kirchheim-Linie im Zuge des Dreißigjährigen Krieges ihre Liquidität umschichten musste, veräußerte die gräfliche Familie (nach Marias Tod 1622) das Pfandrecht im Jahr 1628 an den vorderösterreichischen Kämmerer und Oberjägermeister Jakob de Saint Vincent weiter.

Zur Pfandschaft Seyfriedsberg gehörte auch der Ort Mönstetten bei Dürrlauingen. So gehörte auch dieser Ort kurzzeitig den Fuggern.

1598-1672

Hans‘ Sohn Marx (Markus) Fugger (1564–1614, G22) erhielt das Schloss 1598 im Familienverbund. Er war seit 1589 verheiratet in erster Ehe mit Anna Maria Gräfin von Hohenzollern-Sigmaringen (1573–1598) und in zweiter Ehe mit Maria Salome von Königsegg.

Die Herrschaft ging folgend an den Sohn Johannes Fugger (1591–1638, G25) aus erster Ehe, der mit Elisabeth Graf von Hohenzollern-Sigmaringen (1592–1659) eine Ehe schloss. Er leitete den Besitz in einer wirtschaftlich und politisch schwierigen Phase während des Dreißigjährigen Krieges. Da er 1638 während des Kriegs verstarb und seine Söhne teils noch minderjährig waren, wurde die Herrschaft Kirchheim in der Folgezeit zunächst gemeinschaftlich verwaltet und stabilisiert.

Sein Sohn Graf Johann Eusebius Fugger (1617-1672, G28), Graf von Kirchheim und Weißenhorn, übernahm 1638 die Herrschaft. Er war kaiserlicher Kammerherr und brachte es bis zum Präsidenten des Reichskammergerichts zu Speyer – ein enorm hohes juristisches Amt im Heiligen Römischen Reich. Johann Eusebius heiratete im Jahr 1644 Maria Anna Gräfin von Toerring-Stein (1621–1663). Die Ehe von Johann Eusebius blieb ohne überlebende männliche Nachkommen. Da er keine Söhne hatte, drohte die Linie Kirchheim erneut zu zersplittern oder zu erlöschen.

Wechsel der Linie 1672

Die Herrschaft Kirchheim fiel daraufhin testamentarisch und vertragsgemäß an Bonaventura Fugger (1636–1693, N28), ein Enkel von Christoph Fugger von Glött (1566–1615), dem jüngeren Bruder des einstigen Stammvaters Marx/Markus. Dessen Sohn Otto Heinrich Fugger (1592–1644, I25) hatte vier Söhne, die die Herrschaften des Christophschen Erbes übernahmen: Johann Otto (Mattsies), Sebastian (Nordendorf), Paul (Linie Mickhausen) und Bonaventura (Kirchheim).

Eusebius‘ Erbe von Kirchheim ging zunächst an seine Cousins, die Söhne Ottheinrichs, Bonaventura Fugger (1636–1693, N28) und Sebastian Fugger (1620–1677, I28) gemeinsam.

Da Sebastian 1677 – also schon fünf Jahre nach dem Tod seines Cousins Johann Eusebius – verstarb, ging der Besitz von Kirchheim zu diesem Zeitpunkt an seinen Bruder Bonaventura, der älter war und ihn überlebte.

Bonaventura übernahm also die Herrschaft über Kirchheim. Er war zudem Hofmeister der bayerischen Prinzen und kaiserlicher Rat.

Nach dem Tod von Bonaventura ging die Herrschaft 1693 an Bonaventuras Sohn Maximilian Joseph (1661-1731, N31) über. Neben Kirchheim besaß er auch Schmiechen und Türkenfeld.

Auf ihn folgte ab 1731 sein Sohn Cajetan (1697-1764, N34). 1764 fiel Kirchheim an Graf Joseph Dominikus Fugger (1730–1780, N37), Herr zu Kirchheim, Schmiechen und Türkenfeld. Er heiratete Amalia Freiin von Hoheneck (1740–1807). Über diese Heirat kommt 1808 im Erbwege auch die Herrschaft Hoheneck an Kirchheim.

Von 1780-1821, also gerade über die Zeit des großen Umbruchs von der Französischen Revolution bis zum Reichsdeputationshauptschluss 1806 und der Mediatisierung der Standesherrschaften stand sein Sohn Joseph Hugo (1763-1840, N40) und Philipp Carl Fugger (1764–1821, O40), bayerischer Geheimer Rat und Gerichtspräsident, der Herrschaft vor. Sie erlebten das Ende des Heiligen Römischen Reiches (1806), wodurch die Fugger ihre politische Landeshoheit verloren, aber private Schlossherren blieben.

Vereinigung im Erbschaftsweg mit Hoheneck 1808 (E 5)

Nach der Heirat des Joseph Dominicus Graf Fugger zu Kirchheim (1731–1794, N37) im Jahr 1756 mit Freiin Amalia Maria von Hoheneck (1740–1807) kam die Herrschaft Hoheneck an Kirchheim.

Als Amalias Bruder, der Mainzer Domdekan Philipp Karl von Hoheneck, im Jahr 1808 als letzter männliche Spross seiner Familie kinderlos starb, erlosch das Geschlecht derer von Hoheneck im Mannesstamm. Durch eine testamentarische Erbverfügung fielen die Hohenecker Familiengüter, der Name und das Wappen an die Nachkommen seiner Schwester – also an die Grafen Fugger zu Kirchheim. Ab 1808 nannte sich dieser Familienzweig offiziell Grafen von Fugger-Kirchheim-Hoheneck. Auch das fuggersche Wappen (die Lilien) wurde mit dem Hohenecker Wappen (fünf silberne Sparren auf rotem Grund) kombiniert.

Durch das Erbe der pfälzischen Familie von Hoheneck im Jahr 1808 fielen rechtlich und materiell keine neuen zusammenhängenden Ortschaften oder Ländereien an die Herrschaft Kirchheim. Das Erbe war vielmehr ein reines Vermögens-, Rechte- und Namenserbe.

1840-1878

Joseph Hugo stirbt am 03.05.1840 in Augsburg. Eigentlich wäre sein Sohn Maximilian (1801-1840, N43) sein Nachfolger geworden, doch Maximilian starb schon am 08.12.1840, also nur 6 Monate nach seinem Vater. Er hatte somit nur ein formelles Interregnum. Da Maximilian noch keine Kinder hatte, ging die Herrschaft an Philipp Karl (1820-1878, O46). Der war Maximilians Großcousin. Maximilians Vater Joseph Hugo und Philipp Karls Großvater Philipp Karl (1764-1821, O40) waren Brüder. Sein Vater war Philipp Karls Sohn Joseph Hugo (1796-1837, O43). Bis zur formellen Übernahme der Herrschaft musste der junge Philipp Karl allerdings noch 11 Monate bis zur Volljährigkeit warten.

Philipp Karl Graf von Fugger zu Kirchheim und Hoheneck (1820-1878, O46) war Gutsherr und bayerischer Landtagsabgeordneter. Er heiratete am 09.06.1866 Franziska Amalia Gräfin von Taufkirchen-Lichtenau. Er blieb jedoch kinderlos, wodurch die Kirchheimer Linie mit seinem Tod 1878 im Mannesstamm erlosch.

Übergang an die Linie Fugger-Glött

Nach dem Tod dieses zweiten Philipp Karl im Januar 1878 trat der bereits erwähnte Familienvertrag in Kraft: Der gesamte Besitz (Schloss und Herrschaft Kirchheim) fiel im Primogeniturverfahren an die gräfliche Linie Fugger von Glött unter Ernst Joseph Graf Fugger von Glött (1821–1885), die sie bis heute weiterführt.

Graf Ernst Fugger von Glött (1821-1885, R46) war die entscheidende historische Figur, die das Schloss und die Herrschaft Kirchheim im Jahr 1878 nach dem Aussterben der bisherigen Kirchheimer Linie übernahm. Er leitete damit die Ära der Linie Fugger von Glött in Kirchheim ein, die bis heute andauert. Er heiratete am 31. Januar 1857 in Regensburg Maria Luise Alexandra Freiin von Künsberg (* 5. Juni 1834; † 9. Oktober 1901).

Der Übergang der Herrschaft Kirchheim an die Linie Fugger-Glött war für diese ein finanzieller Rettungsanker. Sein Vater Fidel Ferdinand (1795-1876, R43) hatte durch riskante Industrie-Investitionen (u. a. eine Lederfabrik und Ölmühle) immense Schulden angehäuft. Aus diesem Grund wurde Ernst zunächst sogar die erbliche Mitgliedschaft in der bayerischen Kammer der Reichsräte verweigert, da sein Besitz unter familiengerichtlicher Zwangsverwaltung (Sequestration) stand. Das reiche Kirchheimer Erbe half der Familie Glött aber, sich wirtschaftlich zu konsolidieren und das dortige Schloss zu ihrem neuen, prachtvollen Stammsitz zu machen.

Nach dem Tod von Ernst Joseph Fidelis im Jahr 1885 trat sein Sohn Carl Ernst Maria Fidel Alfred Anton Fürst Fugger von Glött (1859–1940, R49) die Nachfolge an. Er heiratete am 01.11.1891 Elisabeth Pauline Caroline Marie Gräfin von Quadt zu Wykradt und Isny (* 11. September 1862 in Hannover; † 16. August 1940 in Kirchheim).

Graf Carl Ernst Maria Fidelis wurde im Januar 1914 von König Ludwig III. von Bayern in den erblichen bayerischen Fürstenstand erhoben. Carl Ernst war promovierter Jurist und einer der einflussreichsten Politiker im späten Königreich Bayern. Von 1911 bis zum Ende der Monarchie 11.11.1918 amtierte er als 1. Präsident der Kammer der Reichsräte (des bayerischen Oberhauses). Er genoss das absolute Vertrauen des Prinzregenten Luitpold und des späteren Königs Ludwig III. Damit änderte sich der Name und die Anrede für den Chef des Hauses: Aus dem bisherigen Grafen wurde der Fürst Fugger von Glött (mit dem Prädikat Durchlaucht). Die nachgeborenen Kinder führten fortan den Titel Graf bzw. Gräfin.  Durch das Ende der Monarchie im November 1918 (während der Novemberrevolution) verlor der Titel zwar seine öffentlich-rechtlichen Vorrechte, wurde jedoch ab 1919 als fester Bestandteil des bürgerlichen Familiennamens weitergeführt. Carl Ernst verlegte den Familiensitz dauerhaft nach Kirchheim.

Joseph Ernst Hermann Theodor Carl Maria 2. Fürst Fugger von Glött (1895–1981, R52), Sohn des ersten Fürsten Carl Ernst, führte die Herrschaft Glött mit Sitz in Kirchheim fort. Er gehörte während des NS-Dikatatur zur Widerstandsgruppe des 20.07.1944. Nach dem Krieg war er Gründungsmitglied der CSU und übte verschiedene politische Ämter aus. Er war verheiratet mit Stephanie Prinzessin zu Hohenlohe-Schillingsfürst (* 1904; † 1883/1983). Die Ehe blieb leider kinderlos.

Um den Fortbestand der Linie zu sichern, entschloss sich Joseph Ernst zu einem besonderen Schritt. Er adoptierte den Sohn Albert Graf Fugger von Glött (geborener Graf von Arco-Zinneberg) (1932–2020, S55) seiner Schwester Maria von Glött und dessen leiblichen Vater Ferdinand von Arco-Zinneberg. Durch die Adoption trat Albert in die Linie Fugger-Glött ein und übernahm nach dem Tod seines Onkels 1981 die gräfliche Nachfolge. Da der Fürstentitel primär an den agnatischen Stamm gebunden war, führen seine Nachkommen traditionell den Grafentitel. Albert heiratete 1961 Elisabeth Freiin von Hertling (1932–2026).

Seit Alberts Tod 2020 ist nun Ulrich Graf Fugger von Glött (*1963) das aktuelle Oberhaupt der Linie Fugger-Glött. Seit 1999 ist er mit Donata Eva Christine Friederike von Arnim verheiratet.

  1. Es handelt sich um denselben Baumeister, der 1576-1594 auch das Schloss Stettenfels umbaute ↩︎

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