S Die Fuggersche Familienstiftung
Die Fürstlich und Gräflich Fuggersche Familienstiftung ist eines der ältesten und bedeutendsten privaten Stiftungswerke der Welt. Sie sichert seit über 500 Jahren das soziale, kulturelle und wirtschaftliche Erbe der Familie Fugger. Die Stiftung geht direkt auf das Jahr 1521 zurück. Jakob Fugger „der Reiche“ errichtete gemeinsam mit seinen Brüdern Ulrich und Georg das Fundament für mehrere Stiftungen.
Der vorliegende Beitrag behandelt vorwiegend die mit der Stiftung verbunden größeren Immobilienbesitze, deren Erwerb und deren Lage. Es handelt sich hier um reine Territorialgeschichte, nicht um eine Beschreibung der Stiftung als solche.
Das weltberühmte Herzstück ist die Fuggerei in Augsburg, die älteste bestehende Sozialsiedlung der Welt. Bis heute bietet sie bedürftigen, katholischen Augsburger Bürgern Wohnraum. Die Jahreskaltmiete beträgt nominal umgerechnet 0,88 Euro (ein rheinischer Gulden) sowie das tägliche Gebet für die Stifter.
Die Liegenschaftsstiftung
Im 17. Jahrhundert erkannten die Fugger, dass Geldvermögen durch Inflation und Kriege, insbesondere im Dreißigjährigen Krieg, entwertet wurde. Zwischen 1658 und 1673 schichteten die Fugger das Stiftungskapital daher radikal um. Sie kauften riesige Land- und Forstflächen auf. Die Fuggerschen Stiftungsforste im Zusamtal umfassen bis heute rund 3.200 Hektar Wald. Die nachhaltige Forstwirtschaft und Holzproduktion sind die Haupteinnahmequelle, die den Erhalt der Fuggerei und anderer Denkmäler überhaupt erst finanzieren.
Hinter dem Begriff „Familienstiftung“ verbirgt sich ein rechtlicher Zusammenschluss von heute insgesamt neun Einzelstiftungen.
Die Sozial- und Sanitätsstiftungen
Die Fuggerei-Stiftung (1521) ist die bekannteste Einzelstiftung von Jakob Fugger zur Bereitstellung von günstigem Wohnraum für bedürftige, katholische Augsburger Bürger.
Die Holz- und Blatternhaus-Stiftung (1548) wurde von Jakobs Neffen Anton Fugger gegründet. Sie finanzierte die medizinische Versorgung und Pflege von unheilbar Kranken, insbesondere Syphilis-Patienten, die damals mit einer „Holzkur“ behandelt wurden.
Die Schneidhaus-Stiftung (1558) wurdevon Anton Fugger ins Leben gerufen, um eine chirurgische Klinik („Schneidhaus“) für die arme Bevölkerung Augsburgs zu betreiben.
Die Spitalstiftung Waltenhausen (1548) war an die ländlichen Untertanen der Fugger gerichtet. Sie bot eine Zuflucht und Versorgung für verarmte Menschen direkt in der fuggerischen Herrschaft Waltenhausen.
Die Kirchlichen und Sakralstiftungen
Die Grabkapelle bei St. Anna (1521). Jakob Fugger stiftete die prachtvolle Fuggerkapelle in der Augsburger Kirche St. Anna als Erbbegräbnis und zur Sicherung des Seelenheils der Familie.
Die Prädikatur bei St. Moritz (1521): Eine von Jakob Fugger eingerichtete Stiftung zur Finanzierung einer höherwertigen, wissenschaftlich fundierten Predigerstelle an der Augsburger Pfarrkirche St. Moritz.
Die historischen Zu- und Fremdstiftungen
Im Laufe der Jahrhunderte wurden drei Stiftungen aus dem loyalen Umfeld der Familie rechtlich eingegliedert, da sie ähnliche mildtätige Zwecke in Augsburg verfolgten:
- Die Veit-Hörl-Stiftung: Gegründet vom langjährigen fuggerischen Oberfaktor und Vertrauten Veit Hörl. 1546
- Die Dr. Simon Scheibenhardt-Stiftung: Eine soziale Zustiftung eines Augsburger Gelehrten aus dem Kreis der Familie. 1567
- Die Dr. Johannes Mylius-Stiftung: Geldmittel, die der Jurist Dr. Mylius einbrachte und die ebenfalls in das fuggerische Stiftungskollektiv übergingen 1595
Geleitet werden die Stiftungen bis heute von einem dreiköpfigen Gremium – dem Fuggerschen Familienseniorat. Es setzt sich paritätisch aus Vertretern der drei noch bestehenden Familienlinien zusammen (Fugger-Babenhausen, Fugger-Glött und Fugger-Kirchberg).
Die Stiftung gilt als ein Paradebeispiel für gelebte soziale Verantwortung des historischen Großkapitals. Sie verbindet die Bewahrung von akutem Denkmalschutz mit einer hochmodernen, ökologischen Waldbewirtschaftung und leistet nach wie vor einen aktiven Beitrag zur sozialen Linderung von Armut im Raum Augsburg.
Die Stiftungsgebiete
S 1 Lauterbrunn, ab 1573
Lageplan
Das Dorf Lauterbrunn (heute Gemeinde Heretsried, Landkreis Augsburg) wurde im Jahr 1573 von den Marschällen von Pappenheim an die Fugger verkauft. Zur Absicherung der weltberühmten Fugger’schen Stiftungen wurde der Ort im Jahr 1673 formal an das Stiftungsvermögen (die Fuggersche Familienstiftung in Augsburg) übertragen. Lüftenburg ist der historische Name des Schlossbergs bzw. der ehemaligen Burg Bocksberg (auch Schloss Lüftenburg genannt), welche das administrative und herrschaftliche Zentrum für Lauterbrunn bildete. Die dortigen Landesrechte erloschen durch die Mediatisierung 1806 an das Königreich Bayern.
S 2 Laugna, Bocksberg und Emersacker, ab 1658
Die Orte Laugna, Bocksberg (beide heute Landkreis Dillingen an der Donau) und das direkt angrenzende Emersacker (Landkreis Augsburg) bildeten im 17. Jahrhundert ein zusammenhängendes Herrschaftsgebiet im Zusamtal. 1658–1660 erwarb Christoph Rudolf Fugger von Glött (1615-1673, P28) diese Güter gezielt für die Familienstiftung. Der Hintergrund war rein wirtschaftlich: Um das Kapital der weltberühmten Fugger’schen Stiftungen (wie der Fuggerei in Augsburg) krisensicher anzulegen, kaufte die Familie riesige Ländereien und wandelte die Stiftungen in eine Liegenschaftsstiftung um.
Das herrschaftliche Zentrum wurde das Schloss in Emersacker, administrativ wurden die Orte im Pflegamt Laugna verwaltet. Die Landeshoheit über das Pflegamt erlosch ebenfalls 1806 durch den Übergang an Bayern, die ausgedehnten Wälder blieben jedoch privates Stiftungseigentum.
S 3 Waltenhausen und Hairenbuch, ab 1540
Im Jahr 1540/1541 kaufte Anton Fugger (1493-1560, AC16) das Dorf Waltenhausen mitsamt dem angrenzenden Hairenbuch (heute ein Ortsteil von Waltenhausen, Landkreis Günzburg) von dem überschuldeten Adelsgeschlecht derer von Wernau ab.
Im Jahr 1548 errichtete Anton Fugger anstelle des alten Schlosses in Waltenhausen die Fürstlich und Gräflich Fugger’sche Spitalstiftung Waltenhausen zur Versorgung von Armen aus den fuggerischen Herrschaften. Die Fugger besaßen hier ab 1587 auch die hohe Gerichtsbarkeit. Die Landesherrschaft ging 1806 an das Königreich Bayern über, die ausgedehnten umliegenden Wälder befinden sich zum Teil bis heute im Besitz des Hauses Fugger-Babenhausen.
(F 2) Anried und Ettelried (1544) 1724-1757
Im Jahr 1724 wurden die spezifischen Güter und Rechte von Anriedund Ettelried aus dem direkten Mickhauser Herrschaftsverband herausgelöst und in die Fuggersche Familienstiftung eingebracht. Ab 1724 lag die Verwaltung von Anried nicht mehr bei der Herrschaft Mickhausen allein, sondern wurde gemeinschaftlich von den Administratoren der Familienstiftung organisiert, bis der Komplex schließlich 1757 verkauft wurde.
Verkauf der Herrschaft
Die Herrschaft Ettelried und Anried wurde im Jahr 1757 für die Summe von 70.000 Gulden an Freiherr Markus III. von Schnurbein (1743–1801) verkauft. Die Familie von Schnurbein war ein einflussreiches, ursprünglich aus Südtirol stammendes evangelisches Kaufmanns- und Patriziergeschlecht, das in Augsburg ansässig war. Durch den Kauf nannten sie sich fortan „Freiherren von Schnurbein“ und besaßen die Grundherrschaft über den Ort bis zur Auflösung des Alten Reiches im Jahr 1806.
(J) Blumenthal, ab 1871
Lageplan
1871 wurden das rund 800 Hektar große landwirtschaftliche Gut Schloss Blumenthal an die Fürstliche und Gräflich Fuggersche Stiftungsverwaltung in Augsburg übertragen, da dauerhaft direkte Erben fehlten. 1911 wurde nach dem Tod Hugo Fuggers (P52) auch das Schloss in die Familienstiftung überführt und ab 1950 zu einem Alters- und Pflegeheim für adlige Bewohner umgebaut. Da das historische Gebäude den modernen baulichen und pflegerischen Anforderungen nicht mehr gerecht wurde, suchten die Fuggerschen Stiftungen bereits ab 1986 nach einem Käufer. Dieser wurde 2006 gefunden.


