Flugzeugabsturz in Attenhofen 1944
Der Absturz von Uffz. Horst Melzig in Weißenhorn/Attenhofen.
Die Recherchen zu diesem Artikel stammen von den örtlichen militärischen Heimatforschern Ralf Kull und Martin Herodek. Sie wurden redaktionell zusammengefasst und redigiert.
Dieser Bericht widmet sich der „fast“ vollständigen Rekonstruktion eines Flugzeugabsturzes aus dem Zweiten Weltkrieg, der sich vor über achtzig Jahren im Gebiet von Attenhofen bei Weißenhorn ereignete. Lange war das Geschehen nur bruchstückhaft überliefert, doch durch intensive Heimatrecherche, Gespräche mit Zeitzeugen sowie die Auswertung historischer Dokumente und
Funde konnte ein deutlich klareres Bild gewonnen werden. Ziel ist es, das Ereignis rein historisch zu beleuchten – ohne moralische Wertung oder politische Einordnung.
Das Flugzeug
Bei der Unglücksmaschine handelte es sich eine Messerschmitt Bf 109 G-6. Das einsitzige Jagdflugzeug trug die Werknummer 440284 und stammte aus der Fertigung der Wiener-Neustädter Flugzeugwerke (WNF). Es handelte sich um das 284. Flugzeug, das dort die Werkhallen verließ. Der eingebaute Daimler-Benz DB 605-Motor trug die Seriennummer 100529.
Markiert war die Maschine als „Gelbe 5“ und zusätzlich mit dem weißen Reichsverteidigungsband am Heck. Die 9. Staffel war zudem dafür bekannt, die charakteristischen Beulen der Munitionsabführung der MG 131 mit gelb-schwarz-weißen Augen zu verzieren. Darüber hinaus erfreuten sich gelbe Farbakzente unter den Piloten großer Beliebtheit. Häufig wurden etwa das
Seitenruder, die Propellerhaube oder der Lufteinlass gelb lackiert.


Der Unfallhergang
Im Mittelpunkt steht der junge deutsche Luftwaffenpilot Uffz. Horst Melzig, geboren 1920 in Breslau. Über seine Kindheit und Jugend ist kaum etwas bekannt; dokumentiert ist lediglich seine Beförderung zum Unteroffizier im Mai 1941. Seine militärische Laufbahn lässt sich nachvollziehen: Er diente zunächst im Jagdgeschwader 106, wechselte kurz darauf zur 4. Staffel der Ergänzungs-Jagdgruppen Ost und wurde schließlich im März 1944 der 9. Staffel des Jagdgeschwaders 3 „Udet“ zugeteilt. Diese Einheit war in der Reichsluftverteidigung eingesetzt und operierte von den Feldflugplätzen Bad Wörishofen und Leipheim aus. Melzig erhielt im Laufe seines Dienstes mehrere militärische und sportliche Auszeichnungen. 1


Am 22. April 1944 startete Melzig gegen 10 Uhr zu einem Übungsflug, der zugleich der Erprobung der Bordwaffen diente. Er flog eine Messerschmitt Bf 109 G-6, Werknummer 440284 2, ausgestattet mit einem Daimler-Benz-Motor des Typs DB 605. Das Flugzeug gehörte zur 9. Staffel und trug Staffelmarkierungen wie das Kennzeichen gelbe „5“, die typischen schwarz, gelben Augen auf der Motorhaube und das weiße Reichsverteidigungsband. Die Flugroute führte von Bad Wörishofen nach Memmingen, Bad Schussenried, über den Raum Bad Buchau und weiter entlang der Donau Richtung Ulm und Weißenhorn. (1)
Unteroffizier Melzig war mit seiner Me 109 schon auf dem Rückflug nach Bad Wörishofen aus Richtung Ulm kommend, als er, wie es Zeugen vom Boden aus beschreiben, „in Not“ geraten ist. Anton Reizle aus Attenhofen war damals Augenzeuge. Die Me 109 G-6 mit Melzig befand sich auf etwa 6.000 m Höhe, als der Motor aussetzte und die Maschine in schnellem Sturzflug Richtung Erde raste. Der Grund für den Motorausfall konnte nie geklärt werden; Sabotage galt damals als möglich, blieb aber unbestätigt. Melzig hatte wohl kurzzeitig das Bewusstsein verloren und schaffte es dennoch, die Maschine zu verlassen. Der Fallschirm des Piloten öffnete sich noch, konnte sich aber nicht mehr ganz entfalten. Der Pilot blieb mit dem Fallschirm in den Bäumen hängen und wurde dabei schwer verletzt. [Ralf Kull]
Frau Ohlzen aus Weißenhorn war damals mit dem Fahrrad im Wald unterwegs und fand den schwerverletzten Piloten. Inzwischen fanden sich an der Absturzstelle auch der Arzt Dr. H. Schlegel, Militärarzt des Lufttanklagers Weißenhorn und der damalige Stadtpfarrer Fingerle ein. Stadtpfarrer Fingerle konnte Horst Melzig noch die letzte Ölung geben, bevor er in den Armen von Frau Ohlzen verstarb. Als Todesursache wurde Schädelbruch und Gehirnblutung im Totenschein dokumentiert. Das Gebiet wurde von Polizei und Militär abgeriegelt. Da der Flug schon über der Zeit lag, wurde auch von Wörishofen aus eine Suche eingeleitet. [Ralf Kull]
Der tote Pilot wurde vom Bestattungsunternehmen Borst aus Weißenhorn auf einem mit Pferden bespannten Wagen ins Weißenhorner Leichenhaus auf dem Friedhof gebracht. Unteroffizier Horst Melzig wurde am 28.04.1944 auf dem Weißenhorner Friedhof mit militärischen Ehren (Ehrenformation mit Vorbeiflug über dem Friedhof) beigesetzt. Einige Tage später wurde Horst Melzig jedoch exhumiert und nach Breslau, seinem Geburtsort überführt. Sein Bruder Kurt Melzig, gerade auf Heimaturlaub, nahm mit seiner Mutter Martha Melzig den Sarg in Breslau entgegen. Kurt Melzig identifizierte seinen Bruder Horst und nahm sich dessen Auszeichnungen an. Horst Melzig wurde dann im Grab seines Vaters Richard Melzig auf dem Oswitzer Friedhof in Breslau /Schlesien beerdigt. Breslau liegt im heutigen Polen, der Friedhof ist nicht mehr existent. Martha Melzig flüchtete aus Breslau und ließ sich im Hessischen mit ihrer Familie nieder.(2) [Ralf Kull]
Bergung der Überreste
Erst 1991 geriet der Absturz erneut in den Fokus, als der Ulmer Polizeibeamte und Historiker Hans Lächler durch Recherchen in Verlustlisten auf den Fall aufmerksam wurde. Gemeinsam mit einem Zeitzeugen lokalisierte er die Absturzstelle im Wald nahe Attenhofen. Kurz darauf begann eine Bergung mit schwerem Gerät. In bis zu drei Metern Tiefe konnten zahlreiche Wrackteile geborgen werden. Besonders beeindruckend war der weitgehend erhaltene V12-Motor, ein DB 605 mit einer Leistung von 1475 PS (1085 kW), der später gereinigt, konserviert und schließlich im Museum des Fliegerhorsts Bad Wörishofen ausgestellt wurde, wo er sich bis heute befindet. 3
Neben dem Motor wurden weitere Teile geborgen, darunter ein Propellerblatt mit gut erhaltener Lackierung, das nach mehreren Besitzerwechseln 2025 vom Heimatsammler Martin Herodek nach Weißenhorn zurückgebracht wurde. Auch Sauerstoffflaschen, Cockpitteile, das Spornrad und zahlreiche Aluminiumfragmente wurden gesichert. (3)






Gedenken
Im Jahr 2002 erfuhr Ralf Kull aus Weissenhorn, dass hier im Krieg ein Flugzeug abgestürzt war und machte sich auf die Suche nach Informationen über den Piloten. Ralf Kull suchte über den Volksbund Deutsche Kriegsgräber und über die WASt in Berlin (Zentrale Personenkartei der Wehrmachtsauskunftstelle) und hatte Erfolg. Beim Volksbund Kriegsgräberfürsorge war noch ein Bruder als Vermisst gemeldet, Helmut Melzig der Fallschirmjäger und 1944 im Hürtgenwald im Einsatz vermisst wurde. Durch die Vermisstenmeldung konnte eine Verbindung zu Familie Melzig hergestellt werden.
Da sich trotz intensiver Suche keine Grabstätte mehr finden ließ initiierte Ralf Kull die Aufstellung eines Gedenksteins an der Absturzstellezum 60. Jahrestags des Absturzes. Die Messerschmitt Stiftung stellte Kull auf Anfrage 500 DM zur Verfügung. Die örtliche Steinmetzfirma Berschin stiftete den Stein und stellte für diese 500 DM die Gedenkstätte im Wald her. Zum 60. Jahrestag des Absturzes, im April 2004, wurde der Gedenkstein in Anwesenheit des damaligen Bürgermeister Heinz Berchtenbreiter, ehemaliger Flieger, der Presse und der Bundeswehr eingeweiht. Der Gedenkstein wird bis heute gepflegt; oft brennt eine Kerze in der danebenstehenden Laterne..4
Durch die Recherchen konnte ein persönlicher Kontakt zwischen Herrn Kull und der Familie Melzig aufgebaut werden. Kurt Melzig besuchte Weißenhorn und war Gast bei der Familie Kull. Herr Melzig überließ einige Dokumente wie Fotos, Wehrpass, Totenschein, Fernschreiben, Feldpostbriefe und den Brief, den Frau Ohlzen damals an Martha Melzig über die ganzen Geschehnisse nach Breslau geschrieben hatte. Ebenfalls wurde auch der Brief des Staffelführers der 9. Staffel vom JG 3, geschrieben am 29. April 1944, übergeben.
Trotz der zahlreichen Recherchen und Funde bleiben einige Fragen offen – etwa die genaue Ursache des Motorausfalls oder die letzten Sekunden des Piloten. Dennoch haben die gesammelten Informationen bewirkt, dass das Schicksal von Uffz. Horst Melzig und das Ereignis des Absturzes in Weißenhorn nicht in Vergessenheit geraten sind. Die historische Aufarbeitung ist weiterhin im Gange, und weitere Hinweise, Dokumente oder Erinnerungen werden ausdrücklich willkommen geheißen, um das Bild der Ereignisse weiter zu vervollständigen.


