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Das Scharfrichterhaus – Günzburger Str. 35+37

Der Scharfrichter und Wasenmeister hatte seinen Sitz weit außerhalb der Stadtmauern. Ab 1900 wurde die Günzburger Str. in diesem Bereich in die Bebauung mit einbezogen. 1949 brannte das Anwesen ab. Danach entstand hier das erste Gewerbegebiet der Stadt nach dem 2. Weltkrieg.

Vorgängerbebauung

Das Haus des Scharfrichters befand sich von alters her außerhalb der Stadtmauern. Weil der Scharfrichter auch meistens die Aufgabe des Abdeckers (Schinder, Wasenmeister, Kleemeister etc.; Tierkörperbeseitigung) hatte, galt er als unreiner Beruf und musste außerhalb leben. Das Schinderhaus befand sich zuerst im Bereich der Unteren Mühlstraße, ungefähr bei der Hausnummer 6. Es wird dort 1480 in B 303-5 und 1507 in B 301-15 erwähnt. Es wurde bis spätestens 1550 an den hiesigen Standort verlegt.

Der erste namentlich erwähnte Wasenmeister ist Hans Metz, d.h. seine Witwe wird 1578 hier erwähnt [1]nach Wylicil. 1595 ist sein Sohn Josef Metz Wasenmeister. Es wird ausdrücklich erwähnt, dass er so nit Bürger sei, also kein Bürgerrecht besaß. Es ist auch nicht gesagt, wer vor ihm nach seines Vaters Tod die Arbeit eigentlich verrichtete. 1598 wird wieder ein Hans Metz, wohl wieder der Sohn, als Wasenmeister genannt.

1614 wird im Steuerbuch B 87 das „Waßen od Clemaisters Hauß“ ohne eine Ortsangabe erwähnt. Es steht in der Reihenfolge nach der Ziegelei und dem „Seel oder Brechhaus“, könnte also damals schon an dieser Stelle gestanden haben. Als städtisches Gebäude war es selbst nicht steuerpflichtig. Die Nennung erfolgt in allen Büchern bis 1692. 1632 ist immer noch Hans Metz als Wasenmeister genannt, der immer noch kein Bürgerrecht besaß. Es ist auch nicht beschrieben, ob Metz außer dem Wasenmeister auch noch der Scharfrichter war. 1692 wird kein Name mehr erwähnt.

Am 10.03.1738 wird im Rahmen der Trauung seines Sohnes Joseph Igel auch erstmals ein Scharfrichter namens Joseph Igel alt genannt. Regina Igel, verwitwete Scharfrichterin in der vorderösterreichischen Stadt Weißenhorn unter Beistand des H. Jacob Frickh (Hirschwirt, Hauptstr. 24) des Inneren Raths daselbst und Josef Igel, Scharfrichter zu Waldstetten, dann Wilhelm Kober, Scharfrichter zu Kellmünz verkauft gegen ihren Sohn Josef Igel, auch Scharfrichter zu Weißenhorn, ihre eigene Behausung, Stadel, Hofraiten, Nebenhaus und Gärten; Roß, Kühe, Wägen, Eggten, Geschiff, Geschirr und Kessel.

Am 31.05.1745 tritt mit Jacob Burckhart der nächste Scharfrichter sein blutiges Amt an. Regina Igel stirbt am 23.05.1746. Am 09.05.1764 folgt mit Joseph Igel wieder ein Scharfrichter aus dieser Familie auf diesen Posten.

Das Anwesen war steuerfrei. Behausung, Garten, Nebenhaus Hofraithen und Stadel; ist abermahlen von Bürgermstr und Rath /: jedoch abseque Consequentia :/ auf gehorsames Bitten, gleich anderer orthen Steur frey gelassen, modo infecto d: Thoma: 1764 pro tuendis juribq Civitatis eingelegt er den 8: Jan: 1769 S: heil: Fabri zu Rüthi dergest. 500 fl nebst nachstehen 3 Tagwerck Maad versetzt. Die Steurbarkeit fundiert sich in deren Bayerns Statutis de ao: 1474. Craft welcher allein aber Vogt so wie dann das alte Pfleghaus noch Steur frey ist so Steur, balht und andere Beschwerde halber frey sitzen soll. NB Vorstehendes Haus weil es zugleich ein Diensthaus ist und ein Scharfrichter ohne Behausung nicht bestehen kann ist gleich anderen Orthen von denen ordinari-Steuern forthan frey gelaßen und nur mit der Stadtsteur nach obigem ansatz in duplo belegt worden per 1 fl 15 x.

1773 ist Josef Igel als Scharfrichter und Kleemeister geführt, es wird dieselbe Person wie 1764 sein. Nachstehende Güter sind demselben auf sein Leib und Lebenlang gegen Lieferung der Haut cum reservatione des zehends Gerichtsbarkeit und Steuer (welch letztere ihm zur Zeit noch nachgesehen) nutznießlich übergeben worden. Auf fol. 2378 ist als begütert und unverbürgerter Wasenmeister eingetragen: Josef Igel, Scharfrichter und Wasenmeister; ab 03.02.1794 Jacob Igel, dann Jacob Igels Witib, Behausung, Garten, Nebenhaus, Hofraiten und Stadel, zw. Gemeiner Stadt Wiesen und Herrn Pfarrers Prühl gelegen, ist in der Facion ad status Austriacus, weil auch anderstwo derlei Leut frei sitzen außen gelassen worden, bei dem es salvus juribus quibuscunque noch fortan sein Bewenden hat und tut auch Mgistratus in Ansehung der auf St. Thomas Tag hergebrachten Vermögensteuer dieses ganze Wesen, doch ohne künftige Nachteil seprat einlegen, um 250 fl. Weil er aber als unverbürgerter diese Steuer in duplo zu bezahlen hat, so macht dieser Ansatz 500 fl.

1786 ist letztmals Joseph Igel als Scharfrichter genannt. Am 03.02.1794 heiraten Jakob Igel und Ehefrau Josefa, 1814 ist seine Frau Witwe. 1818 wird außer Jakob Igels Witwe Josepha, Kleemeisterin, noch sein Sohn Niklas Igel, Tierarzt, und Ida Igel, ledig, als Bewohner genannt. Am 10.05.1828 übernimmt ein anderer Sohn, wieder Josef Igel, das Anwesen. Nach dem österreichischen Status, weil auch anderswo, wo derlei Leut frei sitzen und außen gelassen werden, hat es auch hier sein Bewenden und tut auch Magistratus in Ansehung der auf St. Thomae Tag hergebrachten Vermögenssteuer dieses ganze Anwesen, doch ohne künftige Nachteil allein einlegen um 250 fl. Weil er aber als Unverbürgerter diese Steuer in duplo zu bezahlen hat, so macht dieser Ansatz 500 fl. Die Güter sind ihm auf sein Leib und lebenlang gegen Pieferung der Haut zur Zeit noch nachgesehen nutznießlich übergeben worden cum reservationes des Zehents, Gerichtsbarkeit und Steuer.

Um 1830 wurde zu dem bestehenden Wohnhaus mit Stall von Frau Igel ein weiteres Gebäude auf das Grundstück gebaut. Bei der Neunummerierung der Hausnummern 1882 erhielt dieses Gebäude eine eigene Hausnummer, die Nr. 153, später > GZ37.

Ab 1831 übernimmt der nächste Sohn, Franz Josef Igel, das Amt des Kleemeisters und übt dieses bis 1875 aus. Am 17.02.1875 übergibt Walburga Igel, Wasenmeisterswitwe an ihren Sohn Anton Igel, Wasenmeister. Dieser wird 1882 als Tierarzt geführt. Dieser starb wohl um 1900, denn sein Anteil ging am 31.01.1900 auf die Bezirkstieraztswitwe Walburga Igel in Höchstädt/Donau im Erbwege über. Sie wird auch 1906 im Einwohnerverzeichnis als Eigentümerin genannt.

Am 29.04.1909 wird mit Anton und Kreszenz Igel, Ökonomenseheleute, die nächste Generation Eigentümer. 1922 bauen diese ein Getreideviertel an. 1932 wird Anton letztmals als Wasenmeister bezeichnet, 1939 geht die Aufgabe der Tierkörperbeseitigung per Gesetz an die Landkreise und Veterinärämter über. Am 27.03.1933 geht das Anwesen im Erbwege nach Anton Igels Tod an seine Witwe Kreszenz über. Hiermit endet die Zeit der städt. Wasenmeister. Am 01.02.1938 erbt Rosa Igel, Dienstmagd in Weißenhorn, die Gebäude und Grundstücke.

Im Jahr 1949 brannte das alte Haus ab. Es wurde 1951 in vereinfachter Form durch Rosa Igel wieder aufgebaut. Da mittlerweile der Beruf des Abdeckers hier nicht mehr ausgeübt wurde und auch kein Nachfolger mehr da war, bestand seitens der Erben kein Interesse am Wiederaufbau und einer Nutzung dieser Grundstücke. Die Stadt nutzte diese Situation und kaufte die Grundstücke auf. Da die Nachbargrundstücke der Spitalstiftung gehörten, die von der Stadt verwaltet wird, konnten hier großflächig Grundstücke zusammengefasst und bebaut werden. Da nach dem Krieg Bedarf an gewerblichen Bauflächen entstand, entwickelte die Stadt hier das erste Gewerbegebiet. Hierzu wurde eine Erschließungsstraße mit dem Namen ‚Industriestraße‘ angelegt. Diese war zuerst als Ringstraße vorgesehen. Da man die nördlichen Grundstücksteile aber schon 1951 für sozialen Wohnungsbau in Anspruch nahm, wurde der Ring nicht geschlossen. Die nördliche Straße bekam den Namen ‚Dekan-Schmid-Str.‘, der südliche Teil wurde von ‚Industriestraße‘ in ‚Dietschstraße‘ umbenannt.

Im Zuge der Entwicklung zum Gewerbebetrieb änderte sich die Erschließungssituation für das Haus der Rosa Igel. der lange Weg zur Günzburger Str. entfiel, das Haus wurde über die neue Industriestraße erschlossen und erhielt nach der Straßenumbenennung die Bezeichnung Dietschstr. 6. Die Straßenbezeichnung Günzburger Str. 35 wurde nicht mehr vergeben.

Neubebauung Dietschstr. 6

Nach dem Brand der Altbebauung erbaute Rosa Igel im Jahr 1951 hier ein neues Einfamilienhaus, welches 1972 durch einen Anbau vergrößert wurde. 1978 kam eine Garage mit Gartenlaube hinzu. 1985 wurde das Wohnhaus umgebaut und erweitert. Hierbei wurde die Garage überbaut und mit einem verglasten Giebel versehen.

Neubebauung Dietschstr. 4

Im Jahr 1979 wurde auf dem Grundstück ein weiteres Einfamilienhaus als Walmdach Bungalow mit angebauter Garage errichtet.

Die Wasenmeisterhütte

Der Wasenmeister hatte im Waldabteil Ohnsang eine Arbeitshütte und eine Fläche, auf der er sowohl die Tierkadaver als auch die Schlachtabfälle – für die er auch zuständig war – vergrub. Der Ort dieses sog. ‚Verscharrungsplatzes‘ lag nach der Angabe im Verzeichnis der Abbrüche 1907 im Abteil Ohnsang IV 3 b. Heute ist an dieser Stelle nichts mehr von der damaligen Nutzung zu sehen.

Im Jahr 1906 war diese Wasenmeisterhütte wohl in einem schlechten Zustand und drohte einzustürzen, weswegen sie nach Beschluss des Stadtrates vom 12.01.1906 entfernt werden sollte. An Stelle der Hütte solle ein Verscharrungsplatz für die Tierkadaver angelegt werden, der eingezäunt werden müsse. Die Wasenmeisterwitwe Walburga Igel wendete sich gegen den Abbruch der Hütte. Dem wurde nicht stattgegeben, der Verscharrungsplatz wurde ihr aber unentgeltlich bis auf weiteres verpachtet. Der k. Kreistierarzt hat die Situation der Wasenhütte am 24.08.1906 begutachtet. Er hielt ebenfalls den Abbruch der Hütte und die Anlage eines neuen Verscharrungsplatzes abseits von Spazierwegen für erforderlich. Zur Anlage des Platzes wären einige Dezimale Wald zu fällen. Die Wasenmeisterhütte wurde am 28.05.1907 auf Abbruch versteigert. Der Pferdemetzger Joh. Nep. Jehle aus Grafertshofen hatte sie für 100 M ersteigert. Am 27.06.1907 wurde die Wasenhütte abgebrochen.

Quellen:

Quellen:
1 nach Wylicil
2 Stadtarchiv Weißenhorn; Foto: Heimatmuseum Weißenhorn
3, 4, 5, 6, 7, 8, 9 Heimatmuseum Weißenhorn; Foto: Heimatmuseum Weißenhorn

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