Aktuell,  öffentliche Gebäude und Einrichtungen,  Stadtbefestigung

Das Obere Tor – Wahrzeichen der Stadt

Das Obere Tor ist das Wahrzeichen der Stadt Weißenhorn, der markante Turm mit den beiden Vortürmen prangt auf vielen Veröffentlichungen und wird in versch. grafischer Form für Werbung verwandt. Dabei wurde das Tor in seiner mehr als 500-jährigen Geschichte mehrfach umgebaut und verändert.

Neubau des Tores 1470

Das obere Tor wurde nach Habel [1]Habel, Bayerische Kunstdenkmale; Stadt und Landkreis Neu-Ulm, 1966, Deutscher Kunstverlag, München1470/80 erbaut. Bei dendrochronologischen Untersuchungen 2018 wurden die Balken auf 1464/65 datiert, was das Baujahr 1470 bestätigt. 1486 wurden nach Thoman [2]Nikolaus Thoman: Weissenhorner Historie, Erstausgabe 1876 nach den Handschriften, Neudruck 1968, Anton H. Konrad Verlag, Weißenhorn die beiden Vortürme hinzugefügt. Diese sind zwar unter dem Fries mit 1492 bezeichnet, vielleicht wurde da aber erst der Verputz hergestellt und die Vollendung bezeichnet. Die beiden Vortürme sind unterkellert und reichen bis ca. 4 m unter die jetzige Geländeoberfläche. Es ist anzunehmen, dass diese Mauern die Westseite des Stadtgrabens darstellten und Teil der Stadtbefestigung waren.

Nach Fertigstellung des Tores wurde am 11.11.1487 mit dem Bau einer neuen Stadtbefestigung begonnen. [3]Nikolaus Thoman: Weissenhorner Historie, Erstausgabe 1876 nach den Handschriften, Neudruck 1968, Anton H. Konrad Verlag, Weißenhorn Es wird vermutet, dass der frühere Zugang zur Stadt südl. des Oberen Tors in gerader Verlängerung der heutigen Reichenbacher Str. gewesen ist, denn man musste ja während der Bauzeit des Tores irgendwie in die Stadt hereinkommen (ausführlich hierzu Artikel über den Hauptplatz).

1529 war das Tor nach dem Bauernaufstand 1525 so beschädigt, dass es renoviert werden musste. Die nächste 200 Jahre haben wir keine Dokumente vom Oberen Tor. Der Wehrgang ist 1708 bezeichnet, hier dürfte es sich aber wohl um eine Renovierung handeln, denn Konstruktion und Funktion des Wehrgangs passen nicht zum Barock.

1725 wurde dem Christoph Miller, Sternwirt (Günzburger Str. 1), der Keller unter dem Obern Tor zur Einlagerung des braunen Bieres gegen 3 fl Zins jährlich verpachtet, doch musste er alle Jahre darum neu einkommen.

In der Beschreibung der städt. Immobilien aus dem Jahr 1777 ist nur die Wohnung des Einlassers (Torwächter, wohl auch Pflasterzollpächter) beschrieben: des Einlaßers ein unter zwischen dem oberen Stadtthorm zugerichtete Wohnung von 700 fl an Werth.

Spätestens ab 1819 ist die Hebammenwohnung im Oberen Tor bezeugt, ohne die Lage der Wohnung zu bezeichnen, es wird der nördliche Vortum vermutet. 1819 war Franziska Bader hier Hebamme, 1843 Johanna Wirth. Im südlichen Vorturm hatte 1819 der Nachtwächter Stanislaus Demmel seine Wohnung.

Aus dem 19. Jhdt. sind einige undatierte Zeichnungen des Oberen Tores im Archiv vorhanden. 1849 wurden Reparaturen an beiden Stadttoren vorgenommen. Um 1870 wurde im Zuge der Umgestaltung des Kirchplatzes und des Hauptplatzes nach dem Neubau der Stadtpfarrkirche 1864-72 der Graben vor dem Oberen Tor verfüllt. Der Auffüllung fiel auch die Brücke zum Opfer. Nach 1875 wurde im nördl. Vorturm zu unbekanntem Zeitpunkt eine Verkaufsstelle der Freibank vorgehalten.

Die Ostseite des Tores wurde um 1890 umgestaltet. Bis dahin war hier eine dreiteilige Bildnische. Diese wurde aufgegeben und stattdessen nur noch eine Bildtafel angebracht. Der junge Maler Moritz Schmid wurde beauftragt, diese Tafel mit einer Mariendarstellung zu bemalen. Ein Foto mit der dreiteiligen Bildnische ist leider nicht überkommen.

Der Hauptturm war zu dieser Zeit mit einer aufgemalten Quaderung an den Ecken versehen. Reste dieser Bemalung sind im DG des Rathauses noch zu finden. Daraus ist ersichtlich, dass diese Bemalung bereits vor dem Bau des Rathauses 1761 vorhanden war.

Zum 17.07.1903 wurde die Nachtwächter-Wohnung im Oberen Tor an den Obsthändler Ferdinand Heß vermietet. Seiner Frau Ursula wurde 1908 die Freibank in stets widerruflicher Weise überlassen. Zum 01.04.1910 wurde die Wohnung gekündigt, weil sie dem Museumsverein zur Verfügung gestellt werden sollte. Als Heß die Wohnung nicht termingemäß räumte, wurde ihm eine Nachfrist bis 30.05. gegeben um dann Klage zu erheben. Die Familie Heß fand dann in Wettbach 15 eine Unterkunft.

1910 wurde die Altstadt kanalisiert. Hierbei wurde auch durch das Obere Tor ein Kanal gelegt. Das Gewölbe des unterirdischen Verbindungsgangs zwischen den beiden Vortürmen wurde hierbei zerstört.

1913 sollte das Bild auf der Westseite des Turmes durch Albert Heinle restauriert werden. Wegen des 1. Weltkriegs unterblieb diese Arbeit jedoch.

1914 wurde in den Zwischenraum zwischen Rathaus und südl. Vorturm eine Remise zur Unterbringung der Postkarren angebaut.

Renovierung 1920

Da sich am Verputz der Vortürme schon seit Jahren starke Feuchteschäden abzeichneten, wurde 1920 beschlossen, den Putz zu erneuern. Bei den Vorarbeiten wurden zwei Fresken (Peter und Paul) unter dem Putz gefunden und außerdem die Rollenkammern der ehem. Zugbrücke entdeckt. Bei den Fresken muss es sich um die beiden seitlichen Bilder der dreiteiligen Bildnische von vor 1890 gehandelt haben. Die Freilegung ist auf dem Foto während der Bauarbeiten deutlich zu sehen. Dies wurden dem Landesamt für Denkmalpflege (LfD) am 07.08.1920 mitgeteilt, woraufhin das LfD eine Ortsbesichtigung durch den Konservator Prof. Müller für den 16.08.1920 ankündigte. Danach gab der Konservator eine Stellungname ab.

Die freigelegten Fresken wurden als unbedeutende Arbeiten des 18. Jh. bezeichnet, es sei keine Wiederherstellung erforderlich. Das westliche Fresko, Franz Martin Kuen zugeschrieben, sollte neu hergestellt werden. Das östliche Fresko von Moritz Schmid bezeichnete der Konservator als wertlos, hier solle ein neues Fresko angebracht werden, für welches er den Kunstmaler Jakob Huwyller aus Valley bei Holzkirchen empfahl. Die Rollenkammern sollen als seltenes Beispiel alter Stadtbefestigungen sichtbar bleiben. Das Tor selbst sollte mit einem Kellenstrich ohne Zement verputzt und gelbgrau angestrichen werden. Die alten Quadrierungen sollten nicht wieder hergestellt werden. Dagegen solle man das Fachwerk des Verbindungsbaus freilegen.

Der Stadtrat mochte die Rollenkammern nicht freilegen und meinte, diese würden die Ansicht verunstalten. Das LfD beharrte aber auf der Freilegung.

Der Stadtrat fragte bei Jakob Huwyller an, der bereit war das Bild zu malen und hierfür ein Honorar von 6.000 M verlangte. Nachdem das LfD den Preis als angemessen bestätigt hatte, erteilte man Huwyller am 02.03.1921 den Auftrag. Huwyller fertigte auch eine Farbskizze an, welcher der Konservator zustimmte. Am 15.08.1921 wollte Huwyller mit den Arbeiten beginnen.

Der Stadtrat schien aber mit diesem Bild nicht zufrieden zu sein. Die Diskussion ist in den Ratsprotokollen nicht enthalten, weil damals nur ein Beschlussprotokoll geführt wurde. Aber am 02.09.1921 warf der Stadtrat den Beschluss um: Es sei ein Fresko profanen Charakters an der Ostseite durch Kunstmaler Bischof entwerfen und durch Huwyler ausführen zu lassen. Es ist im Akt nichts enthalten, wie Huwyller hierauf reagiert hat, es ging jetzt aber alles sehr schnell. Schon am Tag darauf, dem 03.09.1921 lag die Genehmigung des Bezirksamts vor. Am 05.09.1921 fanden Vorbesprechungen mit Anton Bischof statt. Als Themen wurden die ‚Verhandlung Bgm. Schwarz mit den aufständischen Bauern‘, der ‚Sturm der Bauern auf das Obere Tor‘ und über den ‚Einzug Herzog Georgs‘ gewählt, hierüber sollte Bischof Skizzen anfertigen. Am 18.11.1921 entschied der Stadtrat, das Thema Diepold Schwarz und Jörg Ebner zu nehmen und Bischof den Auftrag für 12.000,- bis 15.000,- M zu übertragen. Es begann die Inflation. Das LfD stimmte der Skizze am 22.11.1921 zu. Im Jahr darauf, am 21.07.1922 war das Fresko fertig. Wegen der eingetretenen Geldentwertung wurden nunmehr 20.000,- M bewilligt unter der Voraussetzung, dass die Skizzen und Pausen ins Eigentum der Stadt übergehen. Insgesamt kostete die Renovierung 24.308,10 M.

Spätere Renovierungen

1959 wurde das Obere Tor wieder renoviert. Hierbei wurde am Torturm der Putz vollständig abgeschlagen und das Mauerwerk steinsichtig gelassen, obwohl dies keinen historischen Beleg hat. Die Maßnahme hat sich dennoch bewährt, seitdem ist keine Reparatur an der Fassade des Torturms mehr erforderlich gewesen.

Die nächste Renovierung stand 1976 an. Sie erstreckte sich mehr auf die Vortürme, die wieder einen neuen Verputz erhielten. Während der Renovierungsarbeiten wurde der Zugang zum bis dahin verschlossenen UG des südl. Vorturms geöffnet und von H. Burkhart und H. Gaus untersucht, aber nicht dokumentiert.

1991-96 wurde das Museum umfassend saniert. Hierin eingeschlossen war auch das Obere Tor, welches ja schon seit langem zur Ausstellungsfläche des Museum gehörte. Insofern gilt die Beschreibung des Heimatmuseums auch für das Obere Tor und soll hier nicht wiederholt werden.

Quellen:

Quellen:
1 Habel, Bayerische Kunstdenkmale; Stadt und Landkreis Neu-Ulm, 1966, Deutscher Kunstverlag, München
2, 3 Nikolaus Thoman: Weissenhorner Historie, Erstausgabe 1876 nach den Handschriften, Neudruck 1968, Anton H. Konrad Verlag, Weißenhorn
4, 6 Stadtarchiv Weißenhorn; Foto: Heimatmuseum Weißenhorn
5, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14, 15, 16, 17, 18, 19, 20, 21, 22, 23, 24, 25 Heimatmuseum Weißenhorn; Foto: Heimatmuseum Weißenhorn

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.