Gewerbe,  Nicht mehr vorhandene Gebäude,  Stadtplanung,  Wohnhäuser

Kapuzinerstr. 2+4 – ehem. Molkerei

Lageplan

Vorgängerbebauung

An dieser Stelle befand sich das ehem. Kapuzinerkloster, welches im Zuge der Säkularisation 1806 geschlossen, auf Abbruch verkauft und 1812 abgebrochen wurde. Das Grundstück des Klosters wurde anschließend parzelliert und in einzelne Gartengrundstücke aufgeteilt.

1879 errichtete Franz Knaur einen Stadel zu seinem Wohnhaus Hollstr. 7 im Bereich der späteren Molkerei. Franz Knaur war zu dieser Zeit Eigentümer der Gebäude HO07 und HO09. Zwischen 1890 und 1894 verkaufte die Witwe Kreszenz Knauer die beiden Gebäude getrennt, HO07 ging an Franz Kempf, HO09 ging an Johann Frieß. Der Stadel von 1879 wurde HO09 zugeschlagen.

Dieser Stadel wurde vermutlich um 1900 abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt, denn im Katasterblatt 1909 ist der Stadel in einer anderen Lage und Größe eingetragen als im Kataster 1892.

Am 19.08.1911 kaufte Ludwig Rausch, Gärtner von Ichenhausen, das Haus Hollstr. 9. Am 11.10.1929 verkaufte Ludwig Rausch das Gasthaus Kanne und baute den hinter Hollstr. 7 gelegenen Stadel in ein Wohnhaus um. Dieses erhielt die Bezeichnung Kapuzinerstr. 2.

Wohnhaus und Molkerei

Mit dem Umbau des Stadels zu einem Wohnhaus 1929 beginnt die eigene Geschichte dieses Gebäudes. Der Umbau wurde aber nur kurz zu Wohnzwecken genutzt, denn schon 1933 erwarb die Molkereigenossenschaft Weißenhorn das Gebäude und baute es zu einer Molkerei aus.

Die Molkereigenossenschaft Weißenhorn war 1928 als Zusammenschluss von 24 Landwirten gegründet worden. Ihren ersten Betriebssitz hatte die Genossenschaft in der ehem. Hegelhofer Mühle St.-Nikolaus-Str. 6 als Entrahmungsstation, die Magermilch an die Mitglieder zurückgab. 1930 äußerte die Genossenschaft gegenüber der Stadt Ihren Wunsch, den Betriebssitz nach Weißenhorn zu verlegen. 1932 ist die Molkereigenossenschaft noch mit Betriebssitz in Hegelhofen eingetragen, 1933 wurde der Bauantrag zum Umbau des Gebäudes Kapuzinerstr. 2 gestellt. Die Stadt erteilte am 20.07.1933 ihre Zustimmung zum Bau der Molkerei unter der Voraussetzung einer Straßengrundabtretung.

Zum Umbau als Molkerei gehörte der Bau eines Dampferzeugers mit hohem Schornstein. Aber schon 1936 gab es Klagen der Anwohner über Rußbelastung, woraufhin der Schornstein 1938 erhöht wurde. Der Beztrieb florierte, und 1938 schon wurde die Molkerei erweitert. Hierzu erhielt sie sogar am 02.11.1938 die Erlaubnis zum vorzeitigen Baubeginn. 1944 bohrte die Molkerei einen eigenen Brunnen. 1954 erfolgte der Anbau einer WC-Anlage und 1957 wurden die Gebäude umgebaut und erweitert.

1963 wurde das Kesselhaus umgebaut und ein neuer Dampfkessel aufgestellt.

1977 wurde die Molkerei Weißenhorn vom italienischen Parmalat-Konzern übernommen. Hierzu gründete Parmalat eine Tochterfirma mit dem Namen Deutsche Parmalat. Seitdem gehörten italienische Sattelzüge, welche Milch nach Italien transportierten, zum Straßenbild.

Der neue Eigentümer baute zwei Milchhochbehälter als Zwischenlager.

1985 erwarb Parmalat im Gewerbegebiet Eschach ein Grundstück (Siemensstr. 5) und errichtet dort ein Hochregallager. Da der Betrieb auf dem engen Innenstadtgrundstück immer problematischer wurde, entschied die Geschäftsführung, den gesamten Betrieb schrittweise ins Eschach zu verlegen. In der Siemensstraße wurde 1992 mit einem Neubau begonnen und in der Kapuzinerstr. ein weiterer Hochtank aufgestellt.

Bei der Parmalat-Muttergesellschaft in Italien ereignete sich 2003 einer der größten Wirtschaftsskandale. Parmalat meldete am 27. Dezember 2003 nach Enthüllung gefälschter Bilanzen mit fehlenden 14 Milliarden Euro Insolvenz an. Gründer Calisto Tanzi wurde verurteilt; Banken wie die Deutsche Bank waren in Rechtsstreitigkeiten verwickelt. Obwohl man zuerst hoffte, die deutsche Tochterfirma könne aus dem Skandal herausgehalten werden, musste auch die Tochter im Jahr 2005 Insolvenz anmelden.

Parmalat wurde nach der Insolvenz 2003 durch eine staatlich gestützte Sanierung, eine rechtliche „Neugründung“ mit Schuldenschnitt und anschließende Rückkehr an die Börse stabilisiert und 2011 mehrheitlich an den französischen Konzern Lactalis verkauft. Die italienische Regierung schuf eine spezielle gesetzliche Regelung („Lex Parmalat“), um den Fortbestand des lebensmittelwirtschaftlich wichtigen Konzerns zu sichern und eine geordnete Sanierung unter dem Sonderverwalter Enrico Bondi zu ermöglichen. Der Verwalter schrumpfte den Konzern in etwa zwei Jahren, verkaufte Randaktivitäten, strich Auslandsgeschäfte und konzentrierte das Unternehmen auf das Kerngeschäft Milch und Getränke.

Die Molkerei Jerg (JERMI) aus Baustetten bei Laupheim übernahm die Molkerei und die Immobilie im Eschach zum 07.10.2006. Unter der Marke Weißenhorner Milch Manufaktur werden heute Premium-Bio-Desserts, Frischmilchprodukte und Käsespezialitäten produziert.

Der Standort in der Kapuzinerstraße wurde komplett aufgegeben, die Gebäude 2006 abgebrochen und die Grundstücke vermarktet. Der hohe Kamin wurde händisch abgetragen. Beim Abbruch fand eine archäologische Begleitung statt, es wurden aber keine Fundamentreste des Kapuzinerklosters mehr gefunden; wahrscheinlich wurden diese schon bei der Neubebauung ab 1933 vernichtet.

Neubebauung 2007

Die Stadt stellte einen Bebauungsplan für eine Neubebauung auf. Noch im Jahr 2006 wurde ein Bauantrag zur Neubebauung mit zwei Mehrfamilienhäusern mit Garagen durch den örtlichen Bauträger ST Wohnbau GmbH gestellt.

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