
Das Claretiner-Kolleg
Der 1849 in Spanien gegründete Claretiner-Orden versuchte seit 1909 die Gründung einer Sektion in Deutschland. Ab 1922 suchte man gezielt nach einem Ort in Deutschland. Nach mehreren fehlgeschlagenen Versuchen kam der mit der Ortssuche beauftragte Pater Leonhard Aubele durch Vermittlung seines Bruders (Eisenhandlung Aubele) in Weißenhorn mit Stadtpfarrer Dekan Schmid in Kontakt, der ihm ab 21.09.1924 die Filialkirche Hegelhofen überließ.
1925 begann die deutsche Provinz des Claretinerordens mit dem Aufbau eines Kollegs in Weißenhorn. Am 04.05.1925 erhielt Pater Leonhard Aubele als Ortspfarrer der Filialkirche Hegelhofen von der Reg. v. Schwaben die Erlaubnis zur Unterrichtsaufnahme mit den ersten 8 Zöglingen im Pfarrhof Hegelhofen.

Die Einrichtung einer Mittelschule durch den Claretiner-Orden wurde seitens der Stadt begrüßt. Auf die Eingabe des Claretinerordens um einen Zuschuss war die Stadt bereit, einen namhaften Zuschuss von 10.000 GM in Form von Kies, Sand und Holz zu leisten.
Pater Aubele konnte im Grenzbereich Hegelhofen/Weißenhorn einige Grundstücke erwerben. Architekt Huf aus München1 wurde mit der Planung eines in Abschnitten realisierbaren Bauvorhabens beauftragt. Der Stadtrat bedauerte, dass das Staatsministerium für Unterricht und Kultus den ersten Entwurf des Arch. Huf nicht genehmigt hat. Der jetzige Entwurf wirke zu kasernenmäßig.

Noch im Jahr 1925 wurde der Bauantrag gestellt. Es wurde unverzüglich mit dem Bau begonnen. Am 6. Juni 1927 (Pfingstmontag) konnte der quadratische Mittelbau, im Volksmund als ‚Kaffeemühle‘ bezeichnet, feierlich eingeweiht werden. Mit 40 Schülern begann der Schulbetrieb, 1928 waren es schon 54 Schüler.




Das Claretiner-Kolleg wurde von Anfang an als humanistisches Progymnasium geführt, d.h., es führte mit nur 6 Klassen nicht zum Abitur. Die Reifeprüfung musste an einem anderen, staatlichen, Gymnasium abgelegt werden. Mit dem Kolleg war sofort ein Internat und eine Landwirtschaft verbunden.

1931 wurde die Baugenehmigung für die weiteren Teile verlängert. 1932 wurde ein Nebengebäude gebaut und 1934 das Grundstück eingezäunt und 1936 noch einmal verlängert. 1935 wurde ein neuer Bauantrag für die Erweiterung gestellt. 1937 wurde ein Bauantrag für eine Remise sowie den Dachgeschossausbau des Hauptgebäudes gestellt. Das Kolleg hatte jetzt 86 Schüler.
Nach der Machtergreifung der NSDAP 1933 wurde schnell die neue Ideologie durchgesetzt. Mit Entschließung des Bay. Kultusministeriums vom 09.12.1937 wurde das höhere Schulwesen neu geordnet. Diese Neuordnung hatte weltanschaulich-ideologische Gründe und sollte zu einer stärkeren politischen Einflussnahme auf die Bildung führen. Dies traf insbesondere kirchlich geführte Schulen. Am 29.12.1937 teilte das Kultusministerium mit, für das Claretinerkolleg könne kein Bedürfnis mehr anerkannt werden. Das Kolleg sei zu schließen, und deshalb dürfte im kommenden Schuljahr keine 1. Klasse mehr eröffnet werden. ‚Die übrigen Klassen können nach dem bisherigen Lehrplan hinausgeführt werden.‘ Diese Erlaubnis war an die Bedingung geknüpft, dass zum Leiter der Anstalt ein weltlicher, vom Ministerium ausgewählter Erzieher bestellt werde, der ausschließlich dem Ministerium unterstehen sollte. Diese Kündigung erfolgte zeitgleich mit der Auflösung der von den Franziskanerinnen geführten Mädchenmittelschule.
Das Schülerheim der Claretiner durfte für Ordenszöglinge weitergeführt werden, die auch die städtische Oberschule in Weißenhorn besuchen konnten. Am 27.03.1941 wurde dann doch die Schließung des Schülerheimes zum Ende des Schuljahres 1940/41 verfügt, weil ‚eine nationalsozialistische Gemeinschaftserziehung in klösterlichen Schülerheimen undurchführbar‘ sei.
1942 mussten selbst die Patres und Brüder das Haus verlassen und in das alte Schulhaus Schulstr. 5 von Weißenhorn übersiedeln. Die Räume im Claretinerkolleg samt Turnhalle wurden am 22.12.1941 von der Stadt für Zwecke der Oberschule gepachtet. Ab 01.04.1942 kam die Lehrerinnenbildungsanstalt hinzu (siehe eigenes Kapitel)2. Gegen Ende des Krieges diente das Gebäude als Krankenhaus für Tbc-Kranke.
Nach der Kapitulation zog die amerikanische Besatzungsmacht in das Haus ein, die Patres und Brüder durften das Dachgeschoss bewohnen. Die Lehrerinnenbildungsanstalt musste das Haus verlassen und fand in den ehemaligen Stabsgebäuden des Lufttanklagers im Eschach (Robert-Bosch-Str. 15) eine neue Bleibe. Weil das Dienstgebäude in Neu-Ulm am 17.12.1944 im Krieg zerstört wurde, bezog auch das Landratsamt Räume im Kolleg. Am 03.12.1948 beschloss der Kreistag, dass der zukünftige Sitz der Kreisverwaltung in Weißenhorn sein soll. Im März 1955 wurde dieser Beschluss jedoch mit 30:11 Stimmen wieder aufgehoben.
1946 wurde den Claretinern das Haus zurückgegeben und am 04.10.1948 hat das Kultusministerium das Claretinerkolleg wieder als Progymnasium genehmigt. So konnte am 14.10.1948 Gymnasium und Schülerheim wiedereröffnet werden.






Die Schule erfuhr regen Zuspruch. 1953 wurde ein Erweiterungsbau ins Auge gefasst. Das Claretinerkolleg erhielt 1953 für seinen Erweiterungsbau 100 fm Nutzholz im Wert von 10.000 DM als Zuschuss von der Stadt. 1954 wurde mit dem Bau des Ostflügels nach Plänen des Arch. Ruf, Mindelheim, begonnen. Am 19.06.1955 wurde der Erweiterungsbau des Kollegs durch den Augsburger Bischof Dr. Joseph Freundorfer eingeweiht. Dort waren jetzt das Gymnasium und das Internat untergebracht.

Unmittelbar nach Fertigstellung des Ostflügels nahm man auch den Westflügel in Angriff. In diesem Bauabschnitt war auch der Bau einer würdigen Kapelle enthalten. Das südlich des Kollegs gelegene Grundstück der Stadt wurde dem Orden mit Beschluss vom 08.09.1958 kostenfrei übereignet, quasi als Baustein-Zuschuss zur Einweihung des renovierten Kollegs. 1958 wurde auch die Südfassade des Mittelbaus überarbeitet. Der Eingangsportikus mit dem darüberliegenden Balkon fiel diesem Umbau zum Opfer.





Am 14.09.1958 wurde der Erweiterungsbau des Claretiner-Kollegs und die neu erbaute Seminarkapelle feierlich durch Weihbischof Dr. Josef Zimmermann eingeweiht. Der Eingang wurde mit einem Sgraffito geschmückt: „Unser Feld ist die Welt“. Die Marienstatue in der Kapelle wurde von A. Schuster, Langenneufnach, gefertigt.
Zur besonderen Feier des Tages fand am selben Tag in der Stadtpfarrkirche eine 7-fache Priesterweihe ehemaliger Schüler des Kollegs statt.











1962 wurde das Dachgeschoss zu Wohnzwecken umgebaut und 1963 wurde eine Turnhalle mit Physik-, Musik- und Zeichensaal neu gebaut.
Mit Entschließung des Bayer. Staatsministeriums für Unterricht und Kultus vom 30.09.1966 wurde das Claretiner-Kolleg, Humanistisches Gymnasium Klassen 5 mit 10, in stets widerruflicher Weise in Anerkennung seiner Leistungen als staatliche Ersatzschule anerkannt. Damit waren die vom Kolleg erteilten Zeugnisse denen der öffentlichen Gymnasien gleichgestellt.



In der Zeit des ‚Kalten Krieges‘ wurde 1968 auf dem Grundstück des Claretiner-Kollegs ein unterirdisches Hilfskrankenhaus gebaut und eingerichtet. Dieses für Kriegs- oder Katastrophenfälle gedachte Krankenhaus musste glücklicherweise nie in Betrieb genommen werden. Durch die politischen Veränderungen nach 1989 wurde das Krankenhaus um 2000 offiziell aufgegeben. Die Räumlichkeiten sind noch vorhanden.
1969 wurde ein Gewächshaus erbaut und Umbauarbeiten an der alten Turnhalle vorgenommen.
Ab 1970 wurde das Gymnasium als Neusprachliches Gymnasium mit Französisch als 3. Fremdsprache weitergeführt.

Am 23.10.1971 starb Pater Aubele, der als Gründer des hiesigen Kollegs angesehen werden muss.

Im Schuljahr 1982/83 hatte das Kolleg 141 Schüler, davon befanden sich 59 im Internat. 1982 wurde der Pausenhof teilüberdacht und ein Pausengang zur Turnhalle angelegt. Seit 1984 beherbergt das Claretiner-Kolleg ein Missionsmuseum.


1988 wurde die Gebäudeanlage durch Einbau eines Personenaufzuges und Anbau von Umkleide- und Waschräumen an die Turnhalle umgebaut und modernisiert. Hinzu kam der Einbau eines Behinderten-WC. 1991 wurde die Schulsportanlage erweitert.
Um 1990 wurde das Internat infolge mangelnder Nachfrage geschlossen.

Dem Claretiner-Kolleg fiel es um 2000 immer schwerer, den Anschluss an die steigenden Anforderungen des Bildungssystems zu halten. Als privates religiös geprägtes Gymnasium entfernte es sich zunehmend von der gesellschaftlichen Entwicklung. Der Schule gelang es kaum noch, qualifiziertes Lehrpersonal zu finden und zu halten. Immer weniger Lehrpersonal konnte mit eigenen Ordenskräften besetzt werden.
Dennoch waren immer noch viele Eltern bereit, ihre Kinder dieser kleineren Bildungseinheit anzuvertrauen. Die Schulleitung versuchte, durch die Vorstellung einer Erweiterungsplanung und das Versprechen, die Schule zum Vollgymnasium welches zum Abitur führen sollte auszubauen, neue Schuleinschreibungen zu generieren. Als dies nicht gelang, vollzog die Provinz den letzten Schritt und gab die Schließung der Schule bekannt.
Auch der engagierte Versuch des Elternbeirats, die Schule zu retten, traf auf taube Ohren bei der Leitung. So wurde die Schule trotz massiven Protests der Eltern 2002 endgültig geschlossen. Ausschlaggebend waren finanzielle und personelle Gründe. Die Schüler wurden vom staatlichen Nikolaus-Kopernikus-Gymnasium aufgenommen, welches zunächst die Räume im Kolleg als Schulräume anmietete, weil im Gymnasium am Buchenweg nicht genügend Platz zur Aufnahme war. Die Nutzung der Räume dauerte bis 2009, als die Nutzung von den Patres gekündigt wurde. Das NKG bezog einen Erweiterungsbau am Buchenweg.

2005 nahm eine private Montessori-Schule in den Räumen des Kollegs den Betrieb auf. Für die neue Nutzung wurde 2011 eine Fluchttreppe angebaut.




Im Jahr 2021 wurde im östlichen Teil des Grundstücks eine Kindertagesstätte (Kita) erbaut.

- Arch. Huf aus München war ein bekannter Vertreter des Heimatstils, der auch offiziell von der Regierung protegiert wurde. Im Rahmen eines Neuentwurfs für den Brunnen am Hauptplatz empfahl das Bezirksamt als Genehmigungsbehörde z.B. wegen der Zeichnungen ‚einen mit den Intentionen des Vereins für Volkskunst vertrauten Künstler, z.B. Arch. Huf, München‚, zu beauftragen. Huf plante auch den Neubau des Pfarrhofs und einige Wohnhäuser sowie die Schweinezuchtanlage ↩︎
- Am 1. 4. 1942 wurde in Weißenhorn eine Lehrerinnenbildungsanstalt mit Internatsbetrieb errichtet. Sämtliche Mädchen wohnten im Gemeinschaftsheim des frei gewordenen Claretiner-Kollegs, das der Staat für diese Zwecke gemietet hatte. Der Unterricht fand in dem städtischen Schulgebäude in der Bahnhofstraße 11a statt. Diese Lehrerinnenbildungsanstalt war damals die einzige im Gau Schwaben. ↩︎

