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Roggenburger Str. 40 + 42 – Von der Kiesgrube zu Bierkellern und verdichtetem Wohnbau

Das Grundstück an der Roggenburger Straße hat eine der radikalsten Veränderungen in der Stadt erlebt. Zuerst als städt. Kiesgrube angelegt, dann zu Bierkellern erweitert, mit Bauschutt verfüllt, als Gebrauchtwagenverkauf genutzt und nun mit viergeschossiger verdichteter Wohnbebauung – hier blieb nichts wie es einmal war!

An dieser Stelle befand sich früher eine städt. Sand- und Kiesgrube. Die Ausbeutung der Grube begann bereits im 18. Jhdt., zuerst wurde nur die Böschung entlang der Roggenburger Str. abgetragen. Im Urkataster von 1823 ist noch keine Grube dargestellt. Ab ca. 1825 wurde dann eine Grube gegraben, die zuletzt ca. 7 m tief war. Eine Rampe führte auf die Sohle herab. Nach der Übernahme der fugg. Ziegelei RG57 durch Wilhelm Benegger setzte sich die Sandentnahme aus der südlichen Straßenböschung fort. Im Jahr 1864 ist der Bereich der heutigen RG50 als ‚beneggersche Sandgrube‘ bezeichnet.

Bis ca. 1870 dürfte die städt. Sandgrube ihren endgültigen Umfang und ihre endgültige Tiefe erreicht haben. Ab jetzt wird nur noch von der ‚alten‘ oder ‚verlassenen‘ Sandgrube gesprochen. Vermutlich 1871 baute der Engelwirt Mathias Kircher einen Keller mit Fassstadel am westl. Grubenrand. Ab 1874 wurden, ausgehend von der südlichen Grubenwand, Lagerkeller der örtlichen Brauereien in den Hang getrieben. Die Stadt behielt die Kiesgrube und damit auch die Zufahrt bis zum Verkauf 1988 im Eigentum.

Um 1870 baute der Engelwirt Mathias Kircher einen großen Lagerkeller mit darüber liegendem Fasshaus, der aber leider nicht über einen Bauantrag belegt ist. 1871 erbaute Mathias Kircher seinen Gasthof und die Brauerei Engel in der Hauptstr. 9 neu. Vermutlich im Zusammenhang mit diesem Neubau errichtete er hier auch einen neuen Lagerkeller mit Fasshaus. 1895 baute er hier ein Eishaus ein und 1899 einen Gärkeller und Eiskeller.

1874 ersuchte der Bräuer u. Gastgeber Alexander Ege [Stadtwirt, HS28] um Bewilligung zum Minieren eines Lagerkellers und Errichtung einer Einfahrt zu demselben auf Communalgrund. Ege baut diesen Keller, die notarielle Einräumung des Servituts für den Keller (der bereits hergestellt ist) gegen die Unterhaltspflicht für die Zufahrt erfolgt aber erst 1875. Der nachfolgende Stadtwirt Willbold verkauft seinen vorigen Keller RG44 1882 an den Löwenwirt Hörmann.

In den Jahren 1887-1890 fand in Weißenhorn eine Flurbereinigung statt. Hierbei erhielten die Grundstücke im Wesentlichen ihren heutigen Zuschnitt und ihre heutigen Flurstücksnummern. Im Endplan der Flubereinigung (Extradationsplan) ist der Gebäudestand 1890 und der Umfang der Kiesgrube dargestellt, die Keller in der Grube sind aber nicht eingezeichnet.

1888 beantragte der Glockenwirt Peter Paul Rinderle ebenfalls einen Keller in die südliche Grubenwand zu graben. Am 27.10.1888 stimmte der Stadtrat dem Vorhaben zu. Auch der Bärenwirt Max Mayer beantragte 1893 den Bau eines Lagerbierkellers in der südlichen Sandgrubenwand. Am gleichen Tag beantragte aber auch der Ochsenwirt Johann Huber einen solchen Keller. Der Stadtrat beschloss, beiden Gesuchen zuzustimmen und wies dem Bärenwirt Mayer den Platz neben dem Glockenwirt Rinderle zu und dem Ochsenwirt Huber den nächsten, an den Bärenwirt anstoßenden Platz. Eine Pacht oder Grundzins wurde nicht verlangt. Es wurde aber nur der Keller des Bärenwirts gebaut. Um 1919 gab der Stadtwirt HS28 seine Brauerei auf. Auch der Ochsen wurde 1919 an Narziss Konrad verkauft. Konrad wird später (1932) als Eigentümer des Kellers des ehem. Stadtwirts genannt.

1894 äußerte der Stadtwirt Willbold den Wunsch, vor seinem Lagerbierkeller eine Halle als Fasslager zu bauen. Die Antragsteller wurden zu einer Planvorlage aufgefordert. Der Magistrat beschloss am 14.12.1895, den Antragstellern die Fläche der Kiesgrube für eine jährliche Pacht von 2 M je Keller zu überlassen. Ohne Zustimmung der Stadt dürfen aber keine Veränderungen vorgenommen werden. Wer eine Fasshalle bauen möchte, habe hierfür 1 M Pacht jährlich zu bezahlen. Die Kellerpächter in der Sandgrube beschwerten sich am 01.12.1895 (ein Jahr später!) gegen die Pachtforderung, da die Keller teilweise schon 20 Jahre ohne Pachtzahlung bestünden. Die Stadt lehnte die Beschwerde ab, da der Beschluss von 1894 ohne Protest geblieben sei und es der Stadt nicht zugemutet werden könne, ihr Eigentum kostenlos herzugeben. Am 08.12.1895 unterzeichneten die Bräuer die Pachtvereinbarung.

In einer gemeinsamen Erklärung zwischen Stadt und den Kellerbesitzern sowie dem Engelwirt Kircher wurde 1901 die Unterhaltsverpflichtung der gemeinsamen Straße geregelt. Der Stadtwirt Willbold gab bereits 1919 die Brauerei auf. Der Ochsen wurde 1919 an Narziss Konrad verkauft. Konrad wird später (1932) als Eigentümer des Kellers RG42 des ehem. Stadtwirts genannt. Demnach fand um 1919 der Eigentümerwechsel statt. Der Bärenwirt Mayer braute bis 1965 selber und die Brauerei Glocke bestand bis 1977.

Im Jahr 1932 bauten die Brauereien Glocke, Ochsen und Bären über ihren Kellern Eisgalgen zur Eisgewinnung. Ihnen wurde die Erlaubnis erteilt, für die Eisgalgen an der Roggenburger Str. eine eigene Wasserleitung zu bauen, das Wasser müsse aber gemessen und nicht pauschal abgerechnet werden. Für den Eisabwurf errichteten die Bräuer kleine Hütten über den Abwurflöchern zu den Kellern.

1948 gab die Engelbrauerei das Brauen auf. Spätestens jetzt wurden die Keller nicht mehr benötigt. Das Fasshaus und die Keller übernahm der Obst- und Gemüsehändler Johann Felgenhauer und fügte einen Erweiterungsbau an.

Ungefähr 1987 beantragte ein Fuhrunternehmer den Kauf der Kiesgrube. Die Stadt verkaufte das Grundstück, welches daraufhin sukzessive mit Aushub und Bauschutt (vornehmlich Steinabfälle eines örtlichen Steinmetzbetriebs) verfüllt wurde. Das verfüllte Grundstück wurde als Abstellfläche für Lkw genutzt. Die Auffüllung wurde 1988 genehmigt. Um den Zugang zu den Kellern zu gewährleisten wurden Abstiegsschächte angebracht. Nach Betriebsaufgabe des Fuhrunternehmens wurde die Fläche an einen Gebrauchtwagenhändler zuerst verpachtet, der hier Fahrzeuge aufstellte und Bürocontainer errichtete. 1999 wurde das Grundstück verkauft. Der Gebrauchtwagenhändler verlegte 2008 seinen Betrieb an die Ulmer Str. 13a.

Die Grundstücke Roggenburger Str. 40 und 42 wurden 2014 zusammen verkauft. Ein Investor beantragte den Bau einer viergeschossigen Wohnanlage. Die Stadt vertrat die Meinung, dass die umgebende Bebauung so geprägt sei, dass sich ein solcher Bau hier einfüge und verzichtete auf eine Bauleitplanung. Das Gebäude Roggenburger Str. 40 befand sich in einem sehr schlechten Zustand und wurde abgebrochen. Der Keller unter dem Gebäude Roggenburger Str. 40 wurde vor dem Neubau grob vermessen und dokumentiert, die anderen Keller in der südlichen Grubenwand wurden leider nicht eingemessen und dokumentiert. Sie sind jetzt nicht mehr zugänglich.

Im Jahr 2018 begannen die Abbrucharbeiten. 2020 war die Wohnanlage fertiggestellt und wurde bezogen.

Quellen:

Quellen:
1, 2, 3, 4, 6, 7, 8, 9, 10 Stadtarchiv Weißenhorn; Foto: Heimatmuseum Weißenhorn
5, 11, 12, 13, 14, 15 Heimatmuseum Weißenhorn; Foto: Heimatmuseum Weißenhorn
16, 17 GIS Neu-Ulm

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