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Memminger Str. 10 – Pfleghaus und Apotheke

Das Haus Memminger Str. 10 gehörte durch seine Nutzung und seine Stellung in der Straße schon immer zu den bedeutendsten Gebäuden der Stadt. Es ist interessant, seine Geschichte zu verfolgen.

Vorgängerbebauung

Die städtebauliche Situation war vor der Neubebauung 1619 anders als heute. Auf dem Grundstück befanden sich zwei Gebäude, von denen das nördliche aus zwei Haushälften bestand. Nach dessen Abbruch um 1553 verblieb zunächst eine Lücke bis durch den Abbruch des südlichen Hauses und dessen Neubebauung die heutige Situation entstand.

Eigentümer vor 1475 sind archivalisch nicht feststellbar. In diesem Jahr erscheint mit Andreas Knapp der erste zuordnungsbare Eigentümer. 1492 folgt Jorigen Knapps Witwe. Von ihr übernimmt Hans Seytz, einer der reichsten Bewohner dieser Zeit, das Gebäude. Bis 1614 bleibt das Haus im Besitz der Familie Seitz. Ab 1496 ist es Hans Seytz jun., ab 1512 Lorenz Seiz und 1515 wieder ein Hanns Seiz. Für die Jahre 1518-1548 liegen keine Aufzeichnungen vor. 1548 ist Jacob Seyzes Witwe genannt und ab 1572 Valentin Seitz.

1614 sind Valentin Seitz‘ Erben; Christoph Seiz, Vogt zu Dietenheim und Andreas Hinträger, Pfleger, aufgeführt. Hier besteht eine Diskrepanz zwischen der Steuerliste in B 86 und dem Steuerbuch B 87. Weder Christoph Seitz noch Andreas Hinträger sind in B 87 aufgeführt. In der Steuerliste B 86 sind die Steuerpflichtigen genannt, in B 87 die Eigentümer. Daraus ist zu schließen, dass Hinträger zwar hier wohnte, ihm das Haus aber nicht gehörte. Christoph Seitz kam nur durch die Erbschaft zum Eigentum.

Exkurs zur Frage der herrschaftlichen Verwaltung

Bis 1614 war das Gebäude Memminger Str. 16 als Kastnerhaus bezeichnet und zur Stadt steuerpflichtig. Nach 1614 wurde es als herrschaftl. Jägerhaus genutzt, war nicht mehr steuerpflichtig und daher im Steuerbuch auch nicht aufgeführt. 1660 wurde es verkauft und war im Steuerbuch auch wieder zu finden.

Von 1614-1773 wird die „Fronfeste“ im Wettbach als ‚Pflegamts Behausung‘ genannt. Eine Benennung vor 1614 ist nicht überliefert. Es ist gut möglich, dass ab 1614 die Kontortätigkeit dort abgewickelt wurde.

Das Haus Memminger Str. 10 hat demnach nie den Fuggern gehört, sondern war immer im Privatbesitz der Pfleger. Der erste genannte Pfleger war 1614 Andreas Hinträger. Es ist noch nicht erforscht, ob auch schon sein Vorgänger auf dem Gebäude, Valentin Seitz, Vogt zu Dietenheim, Pfleger war, ebenso wie dessen Vorfahren, denn der Stamm Seitz lässt sich auf dem Gebäude MM10 bis 1492 zurückverfolgen. Es kämen auch noch Hans Ulrich Kympell, Vogt zu Rohr (Kirchplatz 8), oder Hans Zeller, wettenhausischer Secretarius (An der Mauer 3) für dieses Amt infrage.

Es wird gefolgert, dass nach dem Tod von Valentin Seitz 1614 das Haus MM10 den Erben von der Herrschaft (?) teilweise abgekauft wurde. Als Pfleger wurde 1614 Andreas Hinträger (steuerpflichtig!) eingesetzt, der bis 1623 als Pfleger genannt wird (danach ist Marx Laupheim Pfleger), der bis 1626 hier wohnt, danach bis 1629 seine Witwe. 1619 wurde das Pfleghaus neu gebaut, 1626 ist die Linie Seitz nicht mehr als Teileigentümer genannt. Bürgermeister Anton Dietsch (HS20) verwaltet 1623-1626 das Erbe seines Enkels Johann Seitz (der wohl von Valentin Seitz abstammt) bis dieser 1629 das Haus HS20 übernimmt.

Neubebauung 1619

Pfleghaus

Im Jahr 1619 wurde das Haus neu erbaut. Dieses Jahr ist durch eine bauforscherische Untersuchung mit dendrochronologischer Bestimmung nachgewiesen. Es ist jedoch nicht geklärt, wer Bauherr des Gebäudes war. Im Jahr 1623 sind Andreas Hinträger als Eigentümer und Christoph Seitz als Bewohner (nicht Eigentümer!) genannt.

Im gleichen Jahr wird Marx Laupheim als Pfleger im Steuerbuch genannt. Eigenartigerweise finden wir ihn jedoch nicht in der Reihenfolge in der Memminger Straße, sondern in der Oberen Mühlstraße, wo das Grundstück ebenfalls anliegt. Er ist in der Steuerliste zwar aufgeführt, aber es ist kein Steuerbetrag genannt. Erst 1626 ist von der Aufteilung des Hinträgerschen Besitzes im Steuerbuch die Rede, vielleicht waren keine Nachkommen vorhanden. Die Witwe erhielt lebenslang (zur heißen Hand) 18 fl Rente, den Besitz teilten sich BM Bernhart Roth (KP06), Christoph Bader (HP01), Hans Kohler (HP02), Hans Mayer (HP04), Christian Haffner (MM30), Georg Bader (MM12) und Christoph Schwarz (MM08).

Aus dieser Erbengemeinschaft kaufte offenbar 1636 Herr Marx von Laupheim (a.a.O. Herr Hans Marx von Laupheim), Pfleger; das Gebäude mit einem Wert von 1000 fl. 1653 stirbt Marx v. Laupheim, seine Verlassenschaft bleibt in einer Erbengemeinschaft. 1660 ist der Wert noch mit 800 fl angegeben.

Arzthaus

1677 verkauft Dr. Gufer, Kirchplatz 8, erster studierter Arzt in Weißenhorn, sein Haus mit Apotheke. Es ist nicht überliefert, ob er in ein anderes Haus zog. Bis 1682 findet sich ein Dr. Geiger auf dem Haus Hauptstr. 5. Es könnte sein, dass Dr. Gufer hierher als Mieter zog und Dr. Geiger ihm 1682 nach hier folgte. 1682 werden Marx von Laupheims Erben als Nachbar bei MM12 genannt, gleichzeitig Herr Doctor Johann Jacob Geiger als Nachbar bei MM08.

1686 ist Herr Johann Jacob Geiger Medicine Doctor und Frau Maria Roth (1.Ehe), mit einem Wert von 990 fl schließlich auch als Eigentümer auf dem Haus. Es ist anzunehmen, dass die Doktorenfamilie Geiger nicht nur eine Praxis, sondern auch eine Apotheke betrieben hat. Der Apothekergarten befand sich westlich des Hauses bis zur Oberen Mühlstr. 1692 sind Herr Johann Jacob Geiger Medicine Doctor und Frau Maria Theresia Lutz (Rogg. Advocatus Tochter, 2.Ehe), als Eigentümer genannt.

Joh. Jak. Geiger dürfte ca. 1714 gestorben sein, seine Witwe Theresia blieb bis 1724 auch noch auf diesem Haus und wohnte anschließend in MM14. Theresia zog 1740 nach Sauggart (Gemeinde Uttenweiler) und starb dort am 06.07.1740. Ihre Erbschaft wurde anschließend von der Stadt verteilt. Erben aus der zweiten Ehe waren die Kinder Josepha, verh. Bottler in Freiburg; Leopold, Salzgegenschreiber in Wasserburg mit 3 Kindern; Maria Anna, verh. Jehle mit 5 Kindern (Franz, Joseph, Maria Carolina, Maria Anna, Maria Sophia) und Ignaz Sigmund, Amtmann im Ritterstift Wimpfen mit Frau, Söhnen und Töchtern (nicht genau benannt).

Intermezzo: Die Kronenwirtschaft

Am 28.11.1714 verkauft die Witwe Theresia Geiger das Haus an Caspar und Lorenz Müller gegen ein Wohnrecht. Diese richten die Weinwirtschaft Zur Krone hier ein.

den 28t 9bris verkaufft Herr Johann Jacob Geigers Frau Wittib Theresia Geigerin gebohrene Luzin dero Behaußung mit dieser bedingnis, daß Sie noch 10 Jahr in der hinteren Stub und Cammer zu bleiben habe, und zwar an Caspar Müller, der hierauß ein Weinwürthshaus zur Cronen angeordnet und gemacht. Nach Umschluss dieser 10 Jahre ist Frau Geigerin gebohrene Luzin in deß büxenmachers Otts behaußung [MM14] innen gewest, deßhalb alß neue beysiz tracctirt und dero Erbschaft den 2:t oct:1741 von gem. Stadt verhandelt worden

Die Weinwirtschaft zur Krone hat nur kurz Bestand gehabt. Schon 1716 übernimmt der Sohn Dr. Franz Josef Geiger (der vielleicht zum Studium auswärts war) wieder das Haus.

Wieder Arzthaus

Am 14.07.1716 werden Dr. Franz Josef Geiger und Ehefrau Ursula Wagner Eigentümer des Hauses mit einem Wert von 1300 fl. den 14:t July hat Lorenz Müller seines Vatters kurz inngehabte Geigerisch Behausung an H. Franz Joseph Geger des Jacob Geigers Sohn erster Ehe um 1900 fl [also höher als der Schätzwert!] verkauft. 1729 wird der Gebäudewert schon auf 1500 fl festgesetzt. Franz Josef Geiger war mit Maria Ursula Bader verheiratet. Diese stirbt am 23.01.1733. Am 19.12.1736 stirbt auch Dr. Franz Josef Geiger. Erben sind Dr.med. Mathias Felix Geiger; Dr.jur. Franz Karl Geiger und H. Dominicus Andreas Geiger, Syntaxeos Maiores. Das Vermögen des Dominicus Andreas Geiger wird bis 1748 von verordneten Pflegern verwaltet.

Zum 17.06.1737 übernehmen Dr. Felix Mathias Geiger und Ehefrau Maria Anna Adam das Eigentum am Gebäude. 1740 stirbt die Großmutter Anna Theresia Geiger (Frau des Dr. Joh. Jak. Geiger). Über ihr Erbe entsteht ein umfangreicher und länger dauernder Schriftverkehr. 1773 wird Frau Maria Anna Geiger Witwe und Erbin des Anwesens.

Zwischen 1773 und 1786 verkauft die Witwe Geiger das Haus an Franz Paul Böhme. Es ist nicht vermerkt, ob er auch Apotheker war. 1786 ist mit Maximilian Böhm ein Apotheker auf dem Haus. Der Übernahmezeitpunkt von Max Böhme ist nicht bekannt, ebensowenig die verwandtschaftl. Beziehung zu Franz Paul Böhme. Max Böhme war auf jeden Fall nur Apotheker und betrieb keine ärztliche Praxis. Seit dieser Zeit ist bis heute eine Apotheke in diesem Haus ansässig.

1818 ist Max Böhms Witwe Eigentümer, ab 1819 Max Böhms Erben. 1823 wird im Norden ein Anbau gen Westen aufgeführt. Es ist nicht bekannt, ob es sich hierbei um einen neuen Anbau oder einen Ersatzbau handelt. Bei einer Bauforschung 2016 durch Müthe/Gaissmaier wurde der Anbau untersucht und dendrochr. datiert. Die Darstellungen in den Katasterplänen bis 1909 zeigen aber einen unregelmäßigen Grundriss. Eine zeitgenössische Darstellung des Anwesens (Quelle unbekannt) von der Westseite stellt den nördl. Anbau so dar, wie er sich tatsächlich heute noch zeigt. Auf der Südseite ist aber auch ein gleicher platzbildender Anbau dargestellt, der in den Katasterplänen nicht erscheint. Dieser Widerspruch kann nicht geklärt werden. Evtl. wurde der geänderte Grundriss in den Katasterplänen (wegen Unzugänglichkeit?) nicht nachgetragen. Bei der Zeichnung mit dem südl. Anbau könnte es sich um den damaligen Entwurfsplan handeln, bei dem ein südl. Anbau aus Gründen der Symmetrie vorgesehen war, der aber nicht verwirklicht wurde. Die repräsentative Eingangssituation mit den markanten Pfeilern ist auf der zeitgen. Zeichnung nicht dargestellt. Es wird daher vermutet, dass diese Torsituation erst im Zuge der Baumaßnahmen 1823 hergestellt wurde.

1824 ist der Sohn Franz Paul Böhme als Apotheker Eigentümer. Am 07.08.1852 kommt die nächste Generation mit dem Apotheker Max Böhme ins Eigentum. Im Übergabevertrag wird der Besitz als Wohnhaus, Nebengeb., Hofraum ,Wurz- u. Baumgarten, reale Apothekergerechtsame bezeichnet.

Mit dem 25.05.1894 geht die Ära der Apotheker Böhme zuende. Der Apotheker Albert Treuner aus Kulmbach übernimmt das Gebäude. Am 25.10.1897 steht ein erneuter Eigentümerwechsel auf Schwab Richard, Apotheker, an.

Am 12.11.1911 wurde an der Fassade eine Gedenktafel an den Aufenthalt des Prinzregenten Luitpold im Jahr 1859 in diesem Haus angebracht.

Im Jahr 1921 steht das Anwesen zum Verkauf. Der Stadtrat berät am 28.01.1921 darüber, ob das Gebäude für einen Pfarrhof geeignet sei und will hierüber ein Gutachten anfertigen lassen. Der Beschluss wurde aber nicht vollzogen.

Statt dessen kauft der Apotheker Georg Schlegel 1922 das Gebäude. Zwischen 1928 und 1933 geht das Eigentum an den Apotheker Wilhelm Zimmermann über, dessen Familie die Apotheke bis zur Verpachtung 2005 betreibt.

Ca. 1960 wurde im Garten ein Schwimmbad gebaut. 1967 wurde das Erdgeschoss durch einen modernen Ladeneinbau stark verändert. Die frühere Türe wurde segmentbogig geschlossen, die ehemals vorgelegte Freitreppe mit Mittelpodest und schlichtem neuklassizistischem Eisengeländer des 20. Jh. wurde entfernt (Architekt Fritz Schäfer). Der Laden wurde tiefer gelegt und große Einscheiben-Aluminiumfenster eingebaut.

2005 wurde im Zuge der Neuverpachtung eine neue Werbeanlage angebracht.

Bei einem Umbau 2016 wurden die OG-Fenster denkmalgerecht erneuert.

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