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Kammerlanderstr. 3 – ehem. fugg. Gartenschlösschen

Das ehemalige Fuggersche Gartenschlösschen wurde ab 1863 aus seinem Umfeld herausgelöst und mehrfach um- und angebaut und steht mittlerweile quasi auf einem Supermarkt-Parkplatz. So ist nicht viel von seiner alten Herrlichkeit geblieben.

Über den Gesamtkontext des Fuggergartens besteht eine gesonderte Publikation.

Die Fuggersche Herrschaft kaufte zwischen 1587 und 1597 die sog. ‚Schmidtsche Herberge‘ von Michael Paul Schmidt, die zur Vorgängerbebauung des Hauptplatzes gehörte. 1594 werden die Fugger als Eigentümer im Steuerbuch geführt. Herr Philipp Eduardt Fuggh Freyherr zu Kirchperg und Weissenhorn (?) sein Gnediger Herr mer Auß herrh. Bauernß gart (vorher Wilhelm Schmidt). Die Fugger zahlen im Folgenden einen jährlichen Steuersatz von 8 fl 20 kr an die Stadt, weitere 30 kr für den Gartenbesitz. Die Steuerzahlungen enden 1614. Im Fuggerarchiv Dillingen taucht die Schmidtsche Herberg mit Garten in den Rechnungsbüchern der Jahre 1603-1610 auf.

Über den ursprünglichen Bau liegen keine Unterlagen vor. Es handelt sich um einen typischen Renaissance-Grundriss eines fast quadratischen Wohnturms mit einem Treppenturm an einer Gebäudeecke. Die Ausformung ähnelt dem Fuggerschloss von 1513-35. Die weiteren Archivalien in Dillingen wurden noch nicht ausgewertet. Es wird angenommen, dass der Bau zwischen 1610 und 1614 erfolgte, weil die „Schmidt’sche Herberg“ ab 1610 nicht mehr genannt ist und ab 1614 als herrschaftliches Gebäude keine Steuern mehr entrichtet wurden.

Nach Habel wurde das oberste Geschoss um 1690 zusätzlich aufgebaut. Das flache Pyramidendach ist mit einer lilienähnlich endenden Wetterfahne bestückt, welche die Jahreszahl 1690 trägt.

1786 ist im Einwohnerverzeichnis der Stadt der Fuggersche Hofgärtner ohne Namensnennung verzeichnet.

In einer Zeichnung des Jahres 1811 des Schlossgärtner Johann Micheler über den Fuggergarten ist das Gebäude mit zwei Obergeschossen und einem relativ hohen Kniestock dargestellt. Hiernach handelte es sich wohl um ein Repräsentationsgeschoss, worauf die großen mit Bögen dargestellten Fenster schließen lassen. Der östliche Anbau ist mit einer Fachwerkwand im Osten dargestellt und weist nur eine geringe Befensterung auf. Überhaupt dürfte das EG nur zu Lagerzwecken genutzt worden sein, da es keine Fenster enthält. Die Ausführung des Treppenturms mit einer Welschen Haube ist auch auf einem Gemälde Konrad Hubers von 1812 belegt. Johann Micheler war Schlossgärtner bis zur Aufgabe des Schlösschens durch die Fugger. Im Archiv ist u.a. sein Diplom vorhanden.

Im Jahr 1861 wurde eine neue Bestandszeichnung des Fuggergartens von Franz Adams gefertigt. Auf seiner Zeichnung wird der östliche Anbau als massiver Anbau mit Walmdach dargestellt. Im Obergeschoss ist nur eine große Öffnung, die mit einem zweiflügligem Tor verschlossen ist, zu erkennen. Diese Zeichnung harmoniert nicht mit der Darstellung Michellers von 1811. Das Schlösschen wurde wohl in den vergangenen Jahren umgebaut und erweitert, wobei die Verwendung des Obergeschosses unklar bleibt.

Nach der Mediation 1848 zogen sich die Fugger vollständig aus der Stadt zurück und verkauften alle Immobilien, so auch das Sommerschlösschen. Um 1863 erwarb der Zimmermann Valentin Gaiser (1819-1891) von den Fuggern das Sommerschlösschen mit den umliegenden Grundstücken und richtete hier eine Zimmerei mit Baugeschäft ein.

1866 (Bauantrag aus dem Jahr 1862) baute Valentin Gaiser den nördlichen Anbau am Fuggerschlösschen zu einer weiteren Wohnung aus. Außerdem wurde die Außenwand des östlichen Anbaus, die bis dahin u.U. nicht bestanden hat, als massive Wand hergestellt und heizbare Zimmer eingebaut. Der östliche Anbau wurde um ca. 1 m verlängert, erhielt einen Vorbau mit Zwerchgiebel und ein neues Dach. Auch wurde eine Treppe in das DG eingebaut.

Auf einer von H. Löffler [3]Johann Löffler war eigentlich Bader, auch Chirurg genannt, und wohnte von 1841-ca, 1873 im Haus Hauptstr. 18 im Jahr 1870 herausgegebenen Serie von Lithographien Weißenhorner Gebäude ist das Fuggerschlösschen im Wesentlichen in seiner jetzigen Form dargestellt. Die Umbauten Gaisers sind hier bereits dargestellt. Das Haupthaus weist zwei Stockwerke über dem Kranzgesims auf und am östlichen Anbau ist der mittlere Zwerchgiebel dargestellt.

1877 baute Valentin Gaiser ein neues Stall- und Stadelgebäude hinzu. 1881 folgte eine kleine Werkstätte (an der Stelle des heutigen Gebäudes Fuggerstr. 4). 1881 wurde die Werkstätte verlängert. 1884 wurde der Reißboden überdacht, ein neuer Brunnen und ein Abort gebaut, gefolgt 1887 durch eine Werkhütte.

1891 übernahm der Sohn Luitpold Gaiser den Betrieb nach dem Tod des Vaters. 1897 wurde das Grundstück eingefriedet.

Vermutlich nach dem ersten Weltkrieg wurde das Schlösschen wiederum umgebaut. Der Backofen auf der Nordseite wurde abgebrochen. Der Anbau im Nordosten wurde verändert und mit einem Schleppdach mit Treppengiebel sowie einer Dachgaube versehen. Das dortige ovale Fenster entspricht dem Formempfinden dieser Zeit. Außerdem wurde am Zwerchgiebel des Anbaus ein Balkon angebracht und die Fassadengestaltung verändert. Die Fenster des 1. OG wurden durch stuckierte Bögen betont und ein gliederndes Gesims in Höhe der Brüstung im 1. OG angebracht.

1948 wurde das Baugeschäft von Theresia Gaiser geführt, bis der Sohn Luitpold das Geschäft übernehmen konnte. Mit Karl Heinz Mostert erhielt das Baugeschäft einen kaufmännischen Geschäftsführer und firmierte fortan unter Gaiser & Mostert. Im Jahr 1953 wurde für das Baugeschäft ein Bürotrakt in Flachdachbauweise nach Osten angebaut. Dieser veränderte das Aussehen des Schlösschens nachhaltig. Außer diesem Anbau wurde über dem Haupteingang noch ein Vordach mit geschwungenem Kupferdach angebracht.

Nach dem Tod von Luitpold Gaiser wurde das Baugeschäft von Karl-Heinz Mostert alleine weitergeführt.

Im Zuge des Konkurses der alteingesessenen Baufirma um 1974-77 wurde das Gelände neu geordnet. Der östliche Grundstücksteil wurde abgetrennt, alle Nebengebäude und das Wohnhaus Kammerlanderstr. 1 wurden abgebrochen und auf diesem Grundstück der erste Supermarkt in Weißenhorn errichtet.

Um 1984 wurde die Remise des Baugeschäfts vom Schlösschen abgetrennt und von der Tochter des Eigentümers, der Malerin Marianne Mostert, zu einem Atelier umgebaut. Der ehemalige Büroanbau wurde zu einer Gaststätte
mit dem Namen ‚Fuggereck‘ umgebaut. Das Hauptgebäude wurde modernisiert und verlor neben den Sprossenfenstern mit Läden auch alle Gliederungselemente.

1989 wurde das Schlösschen weiter verkauft. Man stellte fest, dass der Gaststätteneinbau im Jahr 1984 nicht genehmigt wurde und holte diese Genehmigung jetzt nach. 1991 wurde im Bereich des ehemaligen Gartens unmittelbar neben
dem Verbindungsfußweg ein Garagengebäude mit 3 Garagen in Kalksandstein-Sichtmauerwerk errichtet.

Im Jahr 2014 wurde das Schlösschen wieder verkauft. Die neuen Eigentümer wandelten es in ein Mehrgenerationen-Wohnhaus unter Wegfall der Gastwirtschaft um. Das Flachdach des ehem. Büroanbaus wurde zu einer Terrasse mit Brüstungsmauer umgebaut. Die Bauarbeiten sind noch nicht abgeschlossen.

Quellen:

Quellen:
1, 2, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12 Heimatmuseum Weißenhorn; Foto: Heimatmuseum Weißenhorn
3 Johann Löffler war eigentlich Bader, auch Chirurg genannt, und wohnte von 1841-ca, 1873 im Haus Hauptstr. 18

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