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Die Weinwirtschaft zum Hirschen – Hauptstr. 24

Der Hirsch wurde nachweisbar von 1706 bis 1923 als Gastwirtschaft geführt, 1739 wurde das Braurecht verkauft und die Gaststätte nur als Schankwirtschaft geführt. Der Hirsch war von 1739 bis 1923 Posthalterei. Ab ca. 1940 wurde die Gaststätte aufgegeben. Von 1950-60 war die Hirsch-Apotheke hier ansässig.

Vorgängerbebauung

Der älteste archivalische Nachweis des Gebäudes stammt von 1475, Eigentümer vor 1475 sind archivalisch nicht feststellbar. 1475 wird Melcher (Melchior) Miller auf dem Haus genannt. Dieser bleibt bis mind. 1515 auf dem Haus, zwischen 1502 und 1508 wird er auch als Bürgermeister geführt. Das Haus dürfte zu dieser Zeit zweigeteilt gewesen sein, auf der anderen Haushälfte finden wir ab 1480 Hans Bair, 1492 dessen Witwe und Jörg Bühler und diesen dort bis 1501, als er auf Hauptstr. 8 wechselt und 1502 von dort zurückkommt. Aus diesem Wechsel wird angenommen, dass das Haus baulich geteilt war und in dieser Zeit die Bühlersche Hälfte neu gebaut wurde. Während der Bauzeit wohnte Jörg Bühler in HS08. Ab 1505 bewohnte Melchior Müller das Haus alleine. Für die Jahre 1518-1548 liegen keine Aufzeichnungen vor.

1548 ist der Metzger Hans Claus sen. hier Eigentümer, ab 1556 fehlt der Namenszusatz alt, daher wird es sich um seinen Sohn handeln. 1562 lebt Hans Öchsles Witwe hier, zusammen mit Ulrich Viethmayer, der ab 1567 alleine hier wohnt, ab 1587 seine Witwe und ab 1595 Jöreg Klotz als Teileigentümer. 1614 wird Georg Klotz nach dem Tod von Frau Viethmayer Alleineigentümer von Behausung, Nebenhaus, Stadel und Hofraithen, Wert 900 fl. Beim Besitz gehört auch eine Behausungsgerechtigkeit, sowie Stadel und Garten in der Mihlstraße (jetzt Gutenberggasse), Wert 200 fl. Von einer Gaststätte ist aber nicht die Rede.

1620 wird Marx Mayer neuer Eigentümer, gefolgt von seiner Witwe Maria. Als Maria Mayer 1636 stirbt, wird für ihren minderjährigen Sohn Raymund bis 1666 ein Pfleger eingesetzt. In den 1640er-Jahren erwirbt Jakob Amann, Müller von Grafertshofen das Haus. Das Baugrundstück in der Gutenberggasse geht in diesem Zuge an Michael Link, den benachbarten Eigentümer Günzburger Str. 1 über. 1651 wird der Wert des Hauses auf 600 fl festgestellt.

1660 erwirbt der untere Garnsieder Melchior Keuffel (Untere Mühlstr. 10x) das Haus und verlegt seinen Wohnsitz hierhin, der Wert beträgt nun 830 fl. Als Frau Käufel am 10.04.1663 stirbt, wird ihr Erbe aufgeteilt. Melchior Käufel (evtl. auch der gleichnamige Sohn) bleibt bis 1674 hier und wechselt dann auf die Obere Garnsiede Obere Mühlstr. 23.

Das Haus kauft 1674 Martin Stigelin, bis dato wohnhaft in Hauptstr. 14. Nach seinem Tod bleibt seine Witwe Ursula hier wohnhaft, bis sie 1686 auch stirbt und der Sohn Georg Stigele Behausung, Nebenhaus, Stadel und Hofraiten mit einem Wert von 900 fl übernimmt. Georg Stigele stirbt am 06.08.1696, sein Erbe wird aufgeteilt. Seine Ehefrau Maria war zweimal verheiratet.

Als nächster wird der Metzger Jakob Frickh 1706 auf dem Haus verzeichnet. Im Steuerbuch ist jetzt erstmals auch eine Braugerechtigkeit erwähnt, die mit 50 fl Wert separat angesetzt wird.

Neubebauung 1716

1716 wird die Gaststätte erstmals ‚Hirschwirt‘ genannt. Es wird angemerkt ‚Behausung neu erbaut‘ und der Wert auf 1200 fl zzgl. 50 fl für das Braurecht taxiert. Auch im Jahr 1729 wird nochmals der Neubau erwähnt, weitere 70 fl werden für einen neuerbauten Stadel dazugeschlagen. Am 05.11.1739 verkauft der Hirschwirt Jakob Frick sein Braurecht an den Stadtwirt Beyhel (Hauptstr. 28) für 100 fl, „so daß auf ewige Zeit diese Bräugerechtigkeit weder auf sein noch ein anderes Haus gezogen werden kann, sondern gänzlich aufgehoben sein soll“; der „Hirsch“ bleibt Weinwirtschaft und Posthalterei.

Am 20.10.1753 kauft Josef Anton Widenmann, Sohn des Sonnenwirts Mathias Widemann, Behausung Stadl und Hofraithen mit einem Wert von 1300 fl. Zum Besitz gehört auch die Hofstatt mit Stadel, Schmiedplatz 2, mit 175 fl Wert. Drei Wochen später, am 14.11.1753, heiratet Jos. Ant. Widenmann die ledige Johanna Urban von Silheim. Am 31.12.1759 verkauft Wiedenmann ein kleines Stück Grund an seinen Nachbarn Kuen, Hauptstr. 22; Wert 16 fl. Jos. Ant. Widenmann stirbt ca. 1760. Er hinterlässt die Kinder Theresia und Aloysi, deren Vermögen nach dem Tod seiner Witwe 1762 bis 1775 von verordneten Pflegern verwaltet wird. Ab 1775 wird das Erbe des Alois Widemann separat verwaltet, die Schwester Theresia dürfte volljährig gewesen sein.

Alois Widemann erlernte das Bräuerhandwerk, von 1783 ist eine Anstellung beim ‚Schefflerwirt‘ in Augsburg belegt. 1784 kehrt er nach Weißenhorn zurück und kauft mit seinem dann ausgezahlten Erbe den ‚Stern‘ in der Günzburger Str. 1.

Die Witwe Johanna heiratete am 17.06.1761 in 2. Ehe den ledigen Marx Eichele, der im Heiratsbrief bereits als Hirschwirt benannt wird. Die Ehe währt nur kurz, Johanna stirbt schon 1762. Die weiteren Erb- und Verwandtschaftsverhältnisse sind verworren und führen zu einem länger andauernden und umfangreichen Schriftverkehr. Hierbei wird auch die Verwandtschaft in Silheim bedacht.

1766 verkaufen die Erben den Hirschen an den Juden Moyses Dannhauser. Dieser tritt als Zwischenkäufer auf und verkauft die Gastwirtschaft weiter an Andreas Kretz. Über den Kauf der Gaststätte entsteht eine Auseinandersetzung mit dem Magistrat. Erst 1773 wird Andreas Kretz tatsächlicher Eigentümer der Gaststätte. Der Wert beträgt nun 1000 fl, weitere 600 fl werden als Wert des Gewerbes bemessen. Hieran ist ersichtlich, wie einträglich die Posthalterei gewesen sein muss. 1776 kauft Andreas Kretz Sohn Johannes Kretz mit 23 Jahren den Gasthof Sonne (Hauptstr. 12) und übernimmt jenes Anwesen. Andreas Kretz dürfte 1787 gestorben sein.

Seine Witwe heiratet 1788 Max Eichele von Nattenhausen. Am 23.07.1790 wird der Gasthof wieder verkauft, der Käufer heißt Siegmund Mayer. Ihm folgt ab 12.10.1804 Mathias Mahler aus Pfaffenhofen. Er kauft Behausung, Hofraiten und Stadel. Erwähnt wird auch eine Hofstatt und Städele am Schmiedplatz. Zum 06.04.1813 übernimmt Valentin Bader dann den Hirschen. Im Hypothekenbuch ist von einer Übernahme die Rede, d.h., das Eigentum lag vorher bei seiner Frau. Diese war entweder Witwe oder Tochter des Vorgängers Mathias Mahler. Valentin Bader ist der Sohn des Metzgers Joh. Nep. Bader, Martin-Kuen-Str. 2. 1828 beantragt der Hirschwirt Valentin Bader eine Konzession als Metzger und Führung eines öffentlichen Schlachthauses. Er beansprucht die Konzession als Sohn des Metzgers Joh. Nep. Bader nach altem Recht. Die Konzession wird ihm erteilt.

Am 28.10.1841 kauft Valentin Bader die Traubenwirtschaft KP08, wohl für seinen Sohn, dem er die Traube am 22.09.1842 übergibt. Valentin Bader stirbt 1857, ab 28.05.1857 ist seine Frau Marianna Inhaberin der Wirtschaft. Ihr Sohn Max Bader übernimmt die Wirtschaft am 09.03.1863 zusammen mit seiner Braut Ursula Kempfle. Nur einen Monat später stirbt Max aber schon, am 13.04.1863 wird seine Witwe Eigentümerin. Diese heiratet im folgenden Jahr am 06.06.1864 Georg Schuler, der nun Besitzer des Hirschen wird. Ab 06.02.1872 ist Georg Schuler nach dem Tod seiner Frau Alleineigentümer. 1879 baut er einen Stadel neu. Dessen Bauort war noch nicht zu lokalisieren, ein Bauplan fehlt.

Im Jahr 1882 wird Xaver Bachthaler als Weinwirt zum Hirschen genannt. Xaver Bachthaler ist der Sohn des Sonnenwirts Xaver Bachthaler und führte die Sonne bis 1867. Zwischen 1880 und 1882 kaufte X. Bachthaler jun. den Hirschen und überließ die Sonne seinem Bruder Anton. Der Zeitpunkt und die Umstände des Übergangs auf Xaver Bachthaler konnten noch nicht festgestellt werden. 1915 wird er als Posthalter mit Poststall geführt, im Einwohnerverzeichnis 1922 als Gastwirt. Am 31. Juli 1923 fuhr die letzte Postkutsche Weißenhorn-Krumbach mit Postillon Xaver Bachthaler, von Roggenburg kommend, durch das Obere Tor in den „Hirsch“ zurück. [1]Hans Burkhart schreibt in seiner Stadtgeschichte, am gleichen Tag sei die „Weinstube zum Hirsch“ für immer geschlossen worden. Das kann nicht zutreffen, denn zumindest bis 1932 wurden noch … Continue reading

Xaver Bachthalers Sohn Anton führte die Gaststätte nicht fort. Er wurde Reichsbahnoberinspektor. Daher wurde die Gaststätte verpachtet, ab 19.07.1929 an Rupert Ritter und ab 10.10.1932 an Anton und Theresia Wuchenauer. Es ist nicht zu klären, bis wann die Gaststätte tatsächlich noch als solche geführt wurde. Auch fand noch ein Eigentümerwechsel statt, 1940 erneuerte der Landwirtschaftsrat Franz Bachthaler aus Landshut die Giebelmauer. 1941 wird die Milchkontrollstelle in dem Gebäude eingerichtet, spätestens dann dürfte die Gaststätte geschlossen worden sein. 1948 ist der ehem. Oberstfeldmeister Viktor Bachthaler in dem Haus wohnhaft, im Adressbuch als ‚Hilfsarbeiter‘ bezeichnet.

Um 1950 wurde der Wunsch nach einer zweiten Apotheke in Weißenhorn laut. Der Stadtrat unterstützte diesen Wunsch mit einem Beschluss vom 02.06.1950. Die Geschwister Bachthaler als neue Eigentümer bauten daraufhin das Gebäude zu einer Apotheke um. Hierbei wurden größere Schaufenster im EG eingebaut. Mit Hans-Heinz Piechulek fand man einen Apotheker als Pächter. Im Jahr 1960 zog Piechulek aber mit seiner Apotheke in das Haus Hauptstr. 8 um, er nahm den Namen der Hirsch-Apotheke auf den neuen Standort mit. Während des Neubaus der Sparkasse Hauptstr. 7 von 1962-64 verlegte die Sparkasse ihre Geschäftsräume interimsweise hierher. Um 1962 wurden auch die Fenster erneuert und im DG gleich große neue Fenster eingebaut. In den Laden im EG zog Ende der 60er-Jahre eine chem. Reinigung ein. 1966 wurden die Schaufenster im EG durch neue Einscheibenfenster ersetzt.

Um 1990 wurde das Gebäude vom Nachbarn Hauptstr. 22, dem Textilkaufmann Erwin Knoll, erworben, der es
umbaute und durch einen Verbindungsbau mit seinem Laden Hauptstr. 22 verband. In einer groß angelegten Baumaßnahme wurde das Haus nachträglich unterkellert und die Ladenfläche in die Gesamtfläche des Bekleidungshauses integriert.

Zum 20.06.2002 wurde das Textilhaus aufgegeben und geschlossen. Der Laden im EG wurde zu einem Friseursalon umgebaut. 2012 wurden die Fenster erneuert.

Quellen:

Quellen:
1 Hans Burkhart schreibt in seiner Stadtgeschichte, am gleichen Tag sei die „Weinstube zum Hirsch“ für immer geschlossen worden. Das kann nicht zutreffen, denn zumindest bis 1932 wurden noch Gaststättenkonzessionen erteilt und auf einem 1938 datierten Foto ist noch die Werbung des Gasthofs zu sehen.
2, 3, 4, 5, 6 Heimatmuseum Weißenhorn; Foto: Heimatmuseum Weißenhorn

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