Allgemein,  private Gebäude,  Reichenbacher Str. 11

Der Gasthof Storchen – Reichenbacher Str. 11

Der Storchen war Gaststätte von 1651 bis 1953 und Brauerei von 1674 bis 1906. Die Brauerei gehörte zu den kleineren in der Stadt. Der Storchen war bis 1743 Zunftlokal der Schneider und Kürschner.

Vorgängerbau

Eigentümer vor 1465 sind archivalisch nicht feststellbar. Erstmals erwähnt wird das Haus 1475 als ‚unnsd frauen Huß‚.

Mit ‚unser Frauen Haus‘ [1]mit Unser Lieben Frau ist gemeinhin die Gottesmutter Maria gemeint.ist ein Sozialgebäude der Pfarreikirchenstiftung gemeint. Dieses ist nicht Steuerpflichtig und erscheint daher nicht in den städt. Steuerlisten. Die Lokalisierung geschah ausschließlich über Nachbarnennungen, die allerdings nicht lückenlos sind. Im Steuerbuch 1507 erscheint der Zusatz: ‚beim Thörl gegen den Onsang‘. Die Lage gegen den Ohnsang-Wald (am Ende der Reichenbach Str.) würde stimmen, sie setzt allerdings voraus, dass sich 1507 hier ein Tor befunden haben muss. Dies ist denkbar, da auch am Ende der Günzburger Str. (bei GZ23) und am Ende der Memminger Str. (bei MM35) derartige Tore aufgeführt sind. Das Haus Unser lieben Frauen dürfte um 1507 aufgegeben worden sein, denn ab 1507 finden wir ein Haus gleichen Beschriebs in der Mariengasse 3. Es wird daher angenommen, dass zuerst nur der Kaplan das Haus in der Mariengasse bezog und später auch das Haus als Pfründhaus, d.h. als Armenhaus und Altenheim, dorthin verlegt wurde. In den folgenden Jahren findet sich kein Hinweis mehr auf eine Bebauung. Es wird daher angenommen, dass das Grundstück unbebaut blieb. Erst 1548 kann dem Grundstück wieder ein Eigentümer zugeordnet werden. Demnach dürfte zwischen 1518 und 1548 eine Neubebauung erfolgt sein. Für die Jahre 1518-1538 liegen keine Aufzeichnungen vor.

1548 ist Gall Wittmann als Eigentümer aufgeführt. Ein Gall Wittman ist vor 1475 als Eigentümer des Nachbargrundstücks RB13 genannt. 1553-59 ist Enderlin Schneyder als Miteigentümer verzeichnet. Gall Wittman ist 1567 als Schmied bezeichnet, 1570 sind seine Erben als Eigentümer aufgeführt.

1572 ist der Schuster Marten Clölein Eigentümer, gefolgt 1575 von Peter Stiegler. 1594 kommt Jörg Treu als Miteigentümer hinzu, vielleicht bestand das Haus damals aus zwei Einheiten. Das müssen zur damaligen Zeit nicht unbedingt abgechslossene Wohnungen gewesen sein. 1594 übernimmt Stoffel Kretz den Teil von Jörg Treu, ab 1595 ist Stoffel Kretz Alleineigentümer. 1607 sitzt der Mauerer Leonhardt Schmidt auf dem Haus, ab 1614 Veith Schmid. Jetzt ist das Haus auch näher beschrieben als Behausung, Stadel und Hofraiten; Wert 500 fl. Es ist noch ein separater Stadel aufgeführt, dieser muss nördlich des Gasthofs gelegen haben. Als Nachbargebäude wird „Bernhart Roths Stadel,
zwischen der Herrschaft Garten und Veit Schmid“
genannt. Hierbei muss es sich zumindest vom Standort her um den jetzt noch stehenden Stadel zwischen RB11 und RB13 handeln. Bernhart Roth war zu dieser Zeit der Georgenwirt MM04.

1636 sind Jacob Schmidts Kinder als Eigentümer genannt, wobei nicht geklärt ist, wer Jacob Schmidt im Verhältnis zu Veit Schmidt war. Der östliche Stadel von Bernhart Roth wird für 200 fl hinzuerworben. 1651 wird erstmals eine Gaststätte erwähnt, als Eigentümer Jacob Schmidt, Bräuer. Eines der Kinder wird also den gleichen Namen wie der Vater gehabt haben und Bräuer gewesen sein. Noch in den 1650er-Jahren folgt Christoph Schmidt als Bräuer. Er wird in einer späteren Urkunde als ‚gewester Gastmeister zu Roggenburg‚ bezeichnet.

1674 erstmals erwähnt ist jetzt ein Bräuhaus, wahrscheinlich neu erbaut. Christoph Schmid stirbt 1679 , das Erbe wird aufgeteilt. Für die hinterlassenen unmündigen Kinder Barbara, Norbert und Jacob wird bis 1687 ein Pfleger eingesetzt.

Am 21.10.1680 kauft Adam Glaz (Memminger Str.2), Hufschmied und Ratsherr … das Haus und die Bräustatt etc. des verst. Christoph Schmidt, gewester Gastmeister zu Roggenburg und Bürgers zu Weißenhorn um 430 fl. Adam Glatz war der Stiefsohn des Kupferschmieds Hans Schmidt, der in irgendeiner Form mit Christoph Schmidt verwandt war. Adam Glatz überlässt die Schmiede MM02 an (seinen [Halb-?]Bruder) Georg Glatz und zieht auf den Storchen. Adam Glatz stirbt am 19.02.1686. Für eine unmündige Tochter wird bis 1692 ein Pfleger eingesetzt. Die Gastwirtschaft übernimmt Johann Glaz, Sohn des Adam Glatz, mit einem Wert von 700 fl.

1692 kommt Eustachius Nusser auf die Wirtschaft. Er scheint die Brauerei recht erfolgreich geführt haben, denn der Wert steigt von 700 auf 1000 fl. Wohl um 1715 übernimmt sein Sohn Hans Georg die Brauerei. Er stirbt jedoch schon 1722. Seine Witwe heiratet den Bräuknecht Anton Winkle, Sohn des Christian Winckhle, Hauptstr. 7. Auch Anton Winckhle ist vermutlich früh gestorben, die Gaststätte wird am 02.09.1727 von seinem Bruder Christian übernommen.

Antoni Winkle und dessen Hausfrau Ursula Bader sel. Erbe Hans Jörg Winkle verkaufen an H. Christian Winkle das Bräuhaus, Hofraiten, Stadel in der obern Vorstadt zw. Simon Seitz, Becken, und Hans Jörg Thoma,Metzger und dem Herrschaftgarten gelegen, wie auch Bräugeschirr, Kessel, Brandweinhafen Gläser, 904 Mittle Malz, 68 Klafter Holz, 3 Pferde, auch Gschiff und Geschirr, Wägen, Eggen um 2494 fl 40 kr. ULF 9 kr 4 h, Mittelm.4 h und 1 Henne.

Neubau 1729

Christian Winkle erbaut wahrscheinlich 1729 den Gasthof neu. Christian Winkle, Bräu, Behausung, neues Bräuhaus, Hofraithen und Stadel; 1000 fl. Auch Habel nennt dieses Jahr als Baujahr des Gebäudes. 1732 verkauft Christian Winkle sein Elternhaus Hauptstr. 7. Im selben Jahr heiratet er die Witib Magdalena Miller (Herkunft nicht bekannt), welche unter anderem 30 Pfund Zinn in die Ehe einbringt. 1743 zieht die Schneider- und Kürschnerzunft aus.

Christian Winkle stirbt am 31.05.1743. Die Auseinandersetzung über seine Erbschaft setzt sich bis 1751 fort. Erben sind seine Frau Magdalena, die Tochter Maria Anna und die Söhne Joseph und Andreas. Da ab 1758 eine Waisenpflegschaft für Andreas Winckle besteht, dürfte die Mutter 1758 gestorben sein, worauf die Wirtschaft an den Sohn Joseph überging. Andreas Winkle kaufte mit Eintritt der Volljährigkeit 1761 den Pflug, Günzburger Str. 4.

1779 heiratet Josef Winkles Sohn – ebenfalls Josef – die Jungfrau Müller des Kannenwirts MM11 und übernimmt deren Gasthof. Ab 23.01.1796 ist Mathias Winkle als Wirt eingetragen. Hierbei muss es sich um Josefs Bruder handeln, denn ein evtl. Sohn wäre noch nicht volljährig gewesen.

Die folgenden Besitzer stammen nicht aus der Familie, es ist auch nicht bekannt ob es sich um Eigentümer oder Pächter handelt. So ist am 21.01.1808 Michael Inhofer genannt, im jahr 1818 Anton Epple und 1824 Johann Jann. Dieser dürfte Eigentümer gewesen sein, ihm gehörte auch das Haus Hauptstr. 7. Am 06.11.1824 heiratet Kosmas Galster die Tochter Barbara des Johann Jann. Ein Jahr später, am 06.11.1825 übernimmt er auch die Wirtschaft. 1837 heiratet Kosmas Galster in zweiter Ehe Viktoria Schweimayr. Galster baut in seine Malzdarre einen zusätzlichen Backofen ein.

Ab 26.09.1850 ist Viktoria Galster Witwe. Sie führt den Gasthof alleine bis zum 08.10.1861, als sie den Brauereigasthof für 8900 fl an Karl Heckenberger von Illerberg verkauft. Dieser tritt nur als Händler auf, er verkauft den Storchen am 07.03.1862 weiter an Monika Zehner. Auch Frau Zehner wird den Gasthof nicht lange besessen haben. Der genaue Zeitpunkt ist nicht bekannt, aber spätestens ab 1875 ist die Witwe Elisabeth Ebenhoch Eigentümerin. Es erscheint unwahrscheinlich, dass Frau Ebenhoch den Gasthof gekauft hat, es ist eher denkbar, dass ihr Mannden Kauf getätigt hat, dieser aber recht bald verstorben ist. Frau Ebenhoch führt auf jeden Fall die Wirtschaft bis 1892, als (wohl ihr Sohn) Josef Ebenhoch die Brauerei übernahm. Er baute 1892 einen Lagerkeller mit Fasshaus an der Roggenburger Str.

Vermutlich starb Ebenhoch um 1906, die Wirtschaft wurde anschließend an häufig wechselnde Pächter verpachtet. Es ist daher auch anzunehmen, dass die Brauerei zu diesem Zeitpunkt aufgegeben wurde. 1922 ist der Landesproduktengroßhändler Karl Prantl als Eigentümer aufgeführt. Bis 1933 waren 19 verschiedene Pächter auf der Gastwirtschaft, bevor es im Jahr 1935 zur Zwangsversteigerung kam. Die neue Eigentümerin war Luise Bauer, die schon früher einmal als Pächterin auftrat. Ihrem Mann Gustav wurde 1924 die Gaststättenkonzession wegen seiner Vorstrafen verweigert. Doch auch unter Frau Bauer wechselten die Pächter weiter, bis 1948 waren es weitere vier Pächter. Auffallend ist der hohe Frauenanteil unter den Pächtern, von 23 Pächtern waren 9 weiblich.

1953 wurde die Wirtschaft endgültig aufgegeben. Der Kraftfahrer Josef Stenger als neuer Eigentümer ließ im nördlichen Teil des Gebäudes zwei weitere Schaufenster einbauen. Der Raum wurde als Schneiderwerkstätte genutzt. Ab 1978 befand sich in dem Haus das Fotostudio König. 1984 wurden neue Kunststofffenster eingebaut. Zuletzt wurden die Ladenräume als Videothek genutzt.

Der etwas zurückgesetzte Stadel (Reichenbacher Str. 13) ist separat behandelt.

Quellen:

Quellen:
1 mit Unser Lieben Frau ist gemeinhin die Gottesmutter Maria gemeint.
2 Heimatmuseum Weißenhorn; Foto: Heimatmuseum Weißenhorn

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