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Das Gasthaus Glocke – Memminger Str. 29

Gasthaus und Brauerei Glocke waren einmal Zentren des gesllschaftlichen Lebens in der Stadt. Die alte Gaststätte wurde 1960 abgebrochen und neu erbaut. Heute befindet sich hier ein Sozialzentrum.

Vorgängerbauten vor 1654

Der früheste Besitznachweis für das Grundstück stammt aus dem Jahr 1458, ist also eines der am längsten zurückverfolgbaren Gebäude. In einer Urkunde (U 55) verkauft ein Hanns Wäch das Haus an Nikolaus und Johannes Reißler. Auch wenn es diesen Namen noch heute in Weißenhorn gibt, ist doch ein Zusammenhang nicht herzustellen.

Die frühesten Eigentümer wechseln recht häufig, die Namen können dem angefügten Datenblatt entnommen werden. In der Steuerliste 1504 ist kein Eintrag vorhanden. Es wird angenommen, dass das Grundstück zu dieser Zeit unbebaut war und 1508 mit der Namensnennung von Ulrich Hermann neu bebaut wurde. 1515 ist seine Witwe genannt und für die Jahre 1518-1548 liegen keine Aufzeichnungen vor.

Im Jahr 1548 ist Barthelme Claus mit Behausung und Hofraitin als Eigentümer genannt. Es ist nicht klar, ob zu dieser Zeit schon eine Wirtschaft hier bestanden hat. Jedenfalls tritt 1562 mit Mathäus Seytz ein Eigentümer aus einer alteingesessenen Familie auf, die bei den Weißenhorner Wirtschaften öfters vermerkt wird. So geht 1572 ein (vermutlicher) Sohn Claus Seytz auf den Gasthof Sonne (HS12), auf welchem auch schon von 1496-1515 der Name Seytz genannt ist.

Im Jahr 1619 endet der Name Seitz hier, es folgt Melchior Roschmann, ab 1636 dessen Erben. 1651 kauft der Nachbar Jacob Weckerle, Memminger Str. 27, das Haus des Melchior Rossmann hinzu; keine Wertangabe. Er verkauft das Haus dann an Christoph Nusser.

Zweitbebauung 1654

Christoph Nusser hat 1654 das Bräuhaus (Kirchplatz 6) an Graf Fugger verkauft und die Brauerei zur „Glocke“ errichtet. Es ist von einem Neubau durch Christoph Nusser auszugehen. Möglicherweise war die Gastwirtschaft als solche schon früher vorhanden, aber nicht dokumentiert. 1660 wird erstmals eine Braustatt erwähnt.

Am 06.02.1697 wird der Gasthof für 650 fl dem Bräuer Anton Meyer zugeschrieben. Antonius Mayr kam aus Emmerting (bei Neuötting) und wurde dort am 06.02.1679 aus der Leibeigenschaft entlassen. Es ist nicht geklärt, auf welchem Weg er nach Weißenhorn kam.

Um 1716 kauft Johannes Keuffel den Gasthof mit einem Wert von 750 fl und wird jetzt Glockenwirt genannt. Er könnte der Sohn des Garnsieders Georg Käufel von der Unteren Garnsiede sein. 1729 erwirbt er auch das Nachbarhaus MM31. Sein Sohn Jörg Käufel bewohnt das Haus MM31 und heiratet am 21.01.1734 die Jungfrau Ursula Bader, Stieftochter des Kreuzwirts Josef Bolling. Jörg Käufel starb aber schon 1736 ohne die Wirtschaft seiner Frau übernommen zu haben. Der Sohn Anton Käufel heiratet am 15.01.1735 die Witwe des Georgenwirts, Ursula Zeller, und übernimmt deren Wirtschaft. Man sieht hieran die Heiratspolitik der Weißenhorner Gastwirte.

Die nächste Veränderung nach den Akten tritt erst im Jahr 1756 ein. Am 14.02.1756 heiratet Ignaz Cathrein, lediger Bräuer von Ebershausen, die Witwe Anna Maria Keuffel und bringt 800 fl mit in die Ehe. Es wird vermutet, dass zwischen 1716 und 1756 noch einmal ein gleichnamiger Generationenwechsel stattgefunden hat. Ignaz Catharin stirbt am 10.05.1774, das Erbe wird aufgeteilt. Im Inventarium ist kein Grundbesitz mehr aufgeführt, das Haus wurde schon früher verkauft. Anmerkung in V 325: ehemahls gewesth glockenwirt letzter Hand aber wohnhaft in der Stad ohne gewerb. Wir wissen nicht, welches Schicksal sich hinter der knappen Anmerkung verbirgt. Schon 5 Jahre vorher, am 16.12.1769 wurde Anton Lutzenberger Eigentümer von Behausung, Bräustatt, Hofraithen, Holzhütte, Stadel und Garten mit einem Wert von 850 fl.

Die nächsten Jahrzehnte sind geprägt von relativ häufigen Eigentümerwechseln, die ohne persönlichen Zusammenhang sind. Das lässt auf eine wirtschaftlich schlechte Entwicklung der Gastwirtschaft schließen. Im Jahr 1786 ist ein Franz Burckhardt als Wirt im Einwohnerverzeichnis vermerkt. Am 10.09.1788 kauft Sebastian Wagner die Glocke, wahrscheinlich für seinen Sohn, denn schon am 29.11.1788 ist Anton Wagner, Bierbräuer von Biberach, der neue Eigentümer. Dieser bleibt immerhin 30 Jahre auf der Glocke, 1819 ist dann der Bräuer Moritz Brechtel Gastwirt. Am 22.01.1825 heiratet Josef Winkle aus Wallenhausen auf die Glockenwirtschaft ein. Dessen Witwe verheiratet sich am 24.11.1831 in 2. Ehe mit Jakob Eberle. Eberle lebt aber nur noch 1 Jahr, am 02.03.1832 heiratet sein Witwe Victoria ein drittes Mal, und zwar den Bauernsohn Benedit Bollkardt von Gannertshofen. Dieser erhält hier das Bürgerrecht.

Der Glockenwirt Benedikt Bollkart verkaufte seine Gastwirtschaft am 14.09.1838 für 4100 fl. an Leopold Billmaier. Dieser heiratet Theresia Teutschenbauer aus Autenried. Nun kehrt wieder etwas Stabilität ein. Am 22.07.1861 kauft Johann Bauer von Mohrenhausen die Glockenwirtschaft von L. Billmaier für 5800 fl und am 02.09.1880 kaufen Peter und Theres Rinderle aus Ottobeuren das Anwesen. Diese Familie bestimmt nun für die nächsten 100 Jahre die Geschicke der Glocke.

Außer einem neuen Bierkeller an der Roggenburger Str. investiert Peter Rinderle 1888 durch Bräuhausumbau, Malzdarre und Erhöhung des Kühlhauses auch in die Gaststätte. Nach dem Tod ihres Mannes am 10.06.1896 führt Theres Rinderle die Gaststätte weiter und erneuert 1906 auch die Umfassungswände der Gaststätte. Am 22.01.1912 konnte mit der Erteilung der Gaststättenkonzession der Sohn Mathäus Rinderle Gasthof und Brauerei übernehmen. Mathäus Rinderle heiratete am 16.06.1925 Anna Seitz von Autenried. Nach Mathäus‘ Tod wurde sie am 26.05.1931 lt. Ehe- und Erbvertrag Alleineigentümerin. Im Jahr darauf, am 14.10.1932 heiratete sie den Bräuer Leonhard Anich.

1933 erhielt der Gasthof einen Schweifgiebel, wie mehrere andere Gebbäude in der Stadt auch zu dieser Zeit (z.B. MM08, RB05). Das Dach des Stadels wurde zumindest neu gedeckt (Jahreszahl 1933 im Ziegelmuster). Leonhard Anich überlebte die Kriegszeit nicht, spätestens 1948 war Anna Anich das zweite Mal Witwe. Sie führte die Wirtschaft erfolgreich alleine weiter und führte mehrere Um- und Anbauten durch.

Neubebauung 1960

1960 entschloss sie sich, das alte Gasthaus abzubrechen und durch einen Neubau zu ersetzen. Dieser wurde nun dreigeschossig und in traufständiger Bauweise errichtet und stand, auch wegen der zeitgenössischen Gestaltung, in Gegensatz zu der zweistöckigen giebelständigen Bauweise der Memminger Straße. In den Jahren 1962 und 1965 wurde noch einmal in die Brauerei investiert, aber die wirtschaftliche Entwicklung sprach gegen die kleineren Brauereien. Im Jahr 1977 wurde die Brauerei aufgegeben. Auch Frau Anich gab die Führung der Wirtschaft ab, ca. ab 1982 wurde die Gaststätte verpachtet. Im Jahr 1993 wurde das Dach saniert und durch den Bau von Gauben ausgebaut.

Frau Anich brachte ~1993 ihr Vermögen in eine Stiftung (Rinderle-Anich-Stiftung) ein. Mit dem Vermögen wurde das Altenheim der Arbeiterwohlfahrt (Hagenthalerstr. 99) zu einem Pflegeheim umgebaut und erweitert, welches den Namen der Stifterin trägt.

Die Stiftung baute auch das Gaststättengebäude um. Die Wirtschaft wurde endgültig stillgelegt. 1996 wurde durch Umbau des 1. u. 2. Obergeschoßes, 4 Wohnungen eingebaut, das EG bezog 1988 eine Rechtsanwaltskanzlei. 199 wurden die Brauereigebäude abgebrochen, es entsatnd ein Neubau für die Sozialstation, Büro, Wohnung, Carport und Stapelgarage. 2000 geschah ein weiterer Neubau von zwei Wohnungen, Büro, Nebenräumen und Tiefgarage. Auch das alte ‚Biergässele‘ zwischen Schulstr. und Memminger Str. wurde geschlossen. Letztlich wurde 2007 eine Wohnung zu einer Arztpraxis umgenutzt.

Quellen:

Quellen:
1, 2, 3, 4, 5 Heimatmuseum Weißenhorn; Foto: Heimatmuseum Weißenhorn

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