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Das ehem. Lufttanklager Weißenhorn – Keimzelle des Industriegebiets

Im Westen der Stadt Weißenhorn, im Waldgebiet Eschach, wurde von 1938-1945 ein Lufttanklager durch die Luftwaffe bzw. die Wirtschaftliche Forschungsgesellschaft (Wifo) betrieben. Dieses Tanklager wurde durch mehrere Bombenangriffe, zuletzt am 09.04.1945, vernichtet. Nach dem Krieg entwickelte sich aus diesem Gelände ein großes Industriegebiet.

Das Ende im Chaos – Rückerwerb des Geländes

Nach den verheerenden Luftangriffen auf das Tanklager war dieses im technischen Teil weitgehend zerstört. Unbeschädigt blieben die Stabsgebäude, das Labor und die Werkstatt. Die Stadt und das Tanklager wurde am 25. April 1945 um 14.00 Uhr kampflos den einmarschierten Amerikanern übergeben.

Nur acht Tage nach der Übernahme wurde einigen Angehörigen des LTL der Auftrag erteilt, mit Aufräumungsarbeiten zu beginnen. Diese wurden erst im Frühjahr 1946 abgeschlossen.

Der von der NSDAP am 04.01.1943 eingesetzte SA Hauptsturmführers Karl Roth aus Füssen wurde als hauptamtlicher Bürgermeister abgesetzt. Die Militärverwaltung setzte den Kaufmann Andreas Beck als vorläufigen Bürgermeister ein, es ist nicht bekannt, nach welchen Kriterien das Amt auf ihn fiel.

Schon am 27.05.1945 fand die erste Stadtratssitzung nach der Befreiung statt. Neben BM Andreas Beck war Wilhelm Denzel als 2. BM bestellt, der weitere Stadtrat bestand mit Laupheimer, Mareis, Molfenter und Sälzle nur aus insgesamt 6 Räten, die alle, außer Mareis, nicht dem alten Stadtrat angehört hatten. Auf der Tagesordnung standen die wichtigsten Probleme der Zeit: Lebensmittelversorgung, Stromversorgung, Wegbringung der ausländischen Arbeitskräfte, Rückführung der einquartierten Deutschen, Einquartierung von Fremden, Wiederinbetriebsetzung der Betriebe und Banken, Waffenablieferung, Passierscheine, die Wohnraumfrage, die Festnahme von NS-Parteigängern, aber auch die Brennholzversorgung, Sicherung der Ernte, Kartoffelkäfer und sogar die Fronleichnamsprozession.

In der Stadtratssitzung am 31.10.1945 beschloss der Stadtrat, die 1937-42 verkauften Teile der Waldabteilung Eschach nördlich der Bahn zurückzuerwerben. Dieser Antrag wurde am 21.11.1945 folgendermaßen formuliert: Die Stadt wird die in den Jahren 1937/39 abgetretenen Teilflächen zu 14,6571 ha zu dem heutigen Schätzpreis zurückerwerben, weil die abgetretenen Waldflächen zur Eschachwaldung gehören und Ausgleichsgrundstücke in entsprechender Größe nicht erworben werden können. Der weitere Verkauf von 14,0343 ha ist zwar verbrieft, im Grundbuch aber nicht aufgelassen worden. Grundstückseigentümerin ist also die Stadt. Der geleistete Vorschuss für den Holzbestand wird nach Abzug des fehlenden Holzbestandes zurückgezahlt werden. Ob und in welcher Weise die vorhandenen Gebäulichkeiten und Tankanlagen verwertet werden können, ist bisher noch nicht geklärt. Vorgesehen ist vorerst die Verpachtung von einzelnen Gebäuden und Grundstücksflächen an die Lehrerinnenbildungsanstalt, da das Claretinergebäude nicht weiter zur Verfügung steht. Die Frage der Ansiedlung von Industriebetrieben (Lederwaren- und Schuhfabrik mit 70 – 80 Arbeitskräften, Metallbearbeitungsbetrieb mit 25 auswärtigen Fachkräften und einheimischen Arbeitskräften), sowie die Möglichkeit der Verpachtung der Tankanlage an eine Ölgesellschaft (Shell) sollen geprüft werden. Zur Kenntnis dient, dass der Pachtvertrag vom 25.03./24.04.1941 über 1,8193 ha Grundstücke inzwischen gelöst wurde. Die Weiterverpachtung bleibt bis zu weiteren Klärung zurückgestellt, zumal die ausbedungene Wiederinstandsetzung der Grundstücke in ihren früheren Zustand (wie vertraglich ausdrücklich geregelt) nicht erfolgt ist.

Bürgermeister Beck hat am 04.12.1945 beim Finanzministerium und der Landesforstverwaltung, am 06.12.1945 bei der Regierungsforstabteilung in Augsburg und am 14.12.1945 bei Ministerpräsident Dr. Högner und beim Finanzministerium wegen der Rückauflassung der Eschachwaldparzelle zu 14,7098 ha vorgesprochen. Sämtliche Staatsbehörden haben sich für die Rückauflassung ausgesprochen. Die Genehmigung werde sobald als möglich erteilt. Die von der amerikanischen Militärregierung in Aussicht genommene Zwangsverwaltung für das frühere Lufttanklager hielt der Stadtrat an sich nicht für erforderlich, weil sich die Gebäulichkeiten auf städt. Grundbesitz befinden, also im Eigentum der Stadt stehen. Anstelle des vorgesehenen Zwangsverwalters Lüneburg sollte die Stadt als Custodian eingeschaltet werden.

Bezüglich der Verpachtung oder des Verkaufs dieser Grundstücke hielt sich die Stadt zunächst zurück. Nach dem vom amerikanischen Präsidenten Truman verkündeten Friedenswirtschaftsprogramm für Deutschland sei es fraglich, ob sich die dauernde Ansiedlung einer heimischen neuen Industrie ermöglichen lassen werde. Jedenfalls hielt der Stadtrat die ganze Angelegenheit im derzeitigen Zeitpunkt für nicht geklärt. Er wollte daher keinerlei Zusicherungen wegen der Verpachtung des Eschachgeländes geben und lehnte diesbezügliche Anträge auf Zusicherungen grundsätzlich ab.

Am 27.01.1946 fand erstmals wieder eine freie Kommunalwahl statt. Hierbei wurde Adolf Wolf als Bürgermeister gewählt. Seine Wahl wurde angefochten und am 31.05.1946 vom Innenministerium für ungültig erklärte, weil auf dem Wahlzettel nur ein Bewerber eingetragen gewesen sei und es keinen Platz auf dem Wahlzettel gegeben habe, einen anderen Kandidaten zu benennen. Außerdem sei auf diese Möglichkeit in der Informationsveranstaltung nicht hingewiesen worden. Die Neuwahl wurde für den 16.06.1946 anberaumt und BM Wolf wurde bei der neuen Wahl erneut gewählt.

Am 26.04.1946 befürwortete die bay. Landesforstverwaltung, dass der Waldbesitz Eschach an die Stadt zurückgegeben werde und diese bis zur formellen Übergabe an die Stadt die treuhänderische Verwaltung übernimmt. Auch das bay. Finanzministerium war im August 1946 mit der Wiedererwerbung des Eschach Geländes vorbehaltlich der Zustimmung der Militärregierung einverstanden und hat den Oberfinanzpräsidenten München, Zweigstelle für bayerische Angelegenheiten in Augsburg, ersucht, das Weitere im Benehmen mit der Stadtverwaltung zu veranlassen.

Mit Pachtvertrag vom 01.04.1947 wurde die Stadt Weißenhorn dann endlich Treuhänderin des Tanklagers und konnte nun über die Grundstücke verfügen.

Das größte Problem: der Zuzug von Flüchtlingen

Schon sehr bald nach dem offiziellen Kriegsende am 08.05.1945 wurde die Stadt mit dem Flüchtlingsproblem konfrontiert. Noch während des Krieges waren Millionen Deutsche im Osten vor der heranrückenden Roten Armee geflohen, unmittelbar nach Kriegsende begann auch die systematische Vertreibung der Deutschen aus den besetzten Gebieten und aus dem Sudetenland (z.B. ‘Todesmarsch Brünn’ am 30/31.05.1945). Die Vertreibung wurde im Potsdamer Abkommen am 17.07.1945 von den Siegermächten beschlossen. Bis dahin waren schon 750.000 Deutsche ‘wild’ vertrieben worden. Ab Januar 1946 wurden weitere 2,3 Mio. aus der Tschechoslowakei vertrieben. Insgesamt verloren 12-14 Mio. Deutsche ihre Heimat.

Weil die Großstädte völlig zerstört waren, siedelte man diese Flüchtlinge im ländlichen Raum an. Weißenhorn war nahezu unzerstört geblieben. In den Landkreis strömten monatlich 500-1000 Flüchtlinge und in Weißenhorn waren Ende 1945 zu 3000 Einwohnern bereits 900 Flüchtlinge gekommen (+30 %), bis August 1946 kamen 1672 Flüchtlinge zu 3094 Einwohnern, was einer Bevölkerungszunahme von 54 % entsprach! Es liegt auf der Hand, dass eine solche Situation zu sozialen und organisatorischen Problemen führt. Am 22.08.1946 waren es schon 4766 Einwohner. Da hierbei auch ca. 500 schulpflichtige Kinder waren, wurde auch der Bau einer neuen Schule erforderlich. Am 03.09.1946 waren es 4839 Personen, was einem Zuwachs von 56 % entsprach! Der Kreisausschuss stellte am 11.10.1946 fest, dass im Jahr 1945 zu viel Wohnraum gemeldet worden war und deswegen 1600 Flüchtlinge zu viel auf den Kreis verteilt worden sind. Die Stadthalle wurde am 06.11.1946 von Flüchtlingen geräumt.

Die Beseitigung der Wohnungsnot, die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Integration der neuen Bürger waren die höchste Anforderung der damaligen Kommunalpolitik. Die damaligen Stadträte und Bürgermeister Adolf Wolf konnten diese Probleme jedoch durch den Bau der Eschachsiedlung beispielgebend lösen. Diesem Abschnitt der Weißenhorner Geschichte ist ein gesonderter Beitrag gewidmet.

Der erste Erfolg: Verbleib der Lehrerinnenbildungsanstalt

Am 01.04.1942 wurde in Weißenhorn auf Betreiben der NS-Verwaltung eine Lehrerinnenbildungsanstalt mit Internatsbetrieb errichtet. Die Ausbildung der Volksschullehrer erfolgte damals nicht wie heute universitär, sondern als Ausbildung und konnte mit der damaligen Mittleren Reife angetreten werden. Die Anstalt wurde in Räumen des requirierten Claretiner-Kollegs eingerichtet, weshalb die dort untergebrachte städt. Knaben-Oberschule das Gebäude räumen musste. Sämtliche Mädchen wohnten im Gemeinschaftsheim des Kollegs, das der Staat für diese Zwecke gemietet hatte. Der Unterricht fand in dem städtischen Schulgebäude in der Bahnhofstraße 11a statt. Diese Lehrerinnenbildungsanstalt war damals die einzige im Gau Schwaben.

Nach dem Krieg beanspruchten die Claretiner ihre Räume verständlicherweise wieder für sich. Die Stadt wollte gerne die Bildungseinrichtung in der Stadt halten und wurde in dieser Sache am 04. und 14.12.1945 beim Kultusministerium in München und der Regierung in Augsburg vorstellig. Auch mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Hoegner wurde die Angelegenheit erörtert. Während der Ministerpräsident und der Ministerialreferent sich für Weißenhorn aussprachen, nahm der Schuldirektor in Augsburg einen ablehnenden Standpunkt ein, weil nur Wettenhausen und Augsburg für größere Anstalten infrage kämen. Zur Wahrung der Interessen wurde eine schriftliche Eingabe mit Begründung beim Kultusministerium eingereicht, was zur Kenntnis dient. Sollte sich die Anstalt wider Erwarten nicht erreichen lassen, so solle vorläufig ein Internat für die Oberrealschule eingerichtet werden. Zu diesem Zweck sollen die von der UNRRA [1]Nothilfe- und Wiederaufbauverwaltung der Vereinten Nationen, kurz UNRRA von engl. United Nations Relief and Rehabilitation Administration für ukrainische Arbeiter abtransportierten 50 Matratzen der Stadt nachdrücklichst zurückgefordert werden.

Am 30.11.1945 regelte das bayerische Staatsministeriums für Unterricht und Kultus durch eine Entschließung die Wiederaufnahme der Ausbildung von Volksschullehrkräften neu. Da die Einschreibung der Schülerinnen zwar bei der Lehrerinnenbildungsanstalt Weißenhorn nach dieser Ministerialentschließung erfolgen konnte, die Unterrichtsaufnahme vorerst aber unterbleiben musste, wies der Stadtrat darauf hin, dass er unter allen Umständen auf den Sitz der Anstalt in Weißenhorn bestehen bleibt. Der Anstalt werden die Gebäulichkeiten im Eschach zur Verfügung gestellt werden, sobald die Voraussetzungen hierfür geschaffen sein werden. 240 Schülerinnen meldeten sich an.

Am 04.02.1946 wurden die Gebäude im Eschach von Beauftragten des Kultusministeriums besichtigt und nicht abgelehnt. Die Dachgeschossräume der Gebäude im Eschach sollten zu Verwaltungs- und Wirtschaftsräumen umgebaut werden. Am 08.03.1946 verhandelte die Stadt mit dem Landbauamt über die Umbaumaßnahmen und beschloss am 05.04.1946 die 3 Verwaltungsgebäude von der Zwangsverwaltung zu pachten und der LBA (Lehrerinnenbildungsanstalt) zur Verfügung zu stellen. Am 26.04.1946 stellte das Kultusministerium bei der Militärregierung den Antrag auf Freigabe der Gebäude für die LBA und die Genehmigung der Einrichtung.

Am 16.05.1946 war der Schuloffizier Dr. Fivian der amerikanischen Militärregierung Bayern mit zwei Vertretern des Landratsamts beim Bürgermeister, um die abschließenden Besprechungen wegen Wiedereröffnung der LBA zu halten. Während der Vertreter des Landrats die Ansiedlung einer Industrie im Eschachgelände zwecks Beschäftigung der Flüchtlinge für äußerst notwendig hielt, stellte sich der Schulloffizier auf Vortrag des Bürgermeisters auf den Standpunkt, dass die Industrieansiedlung trotz Unterbringung der LBA im Eschachgelände möglich sei und auch erfolgen werde. Dr. Fivian beauftragte schließlich die Stadtverwaltung, sofort mit dem Zwangsverwalter Feser einen Pachtvertrag hinsichtlich der drei Gebäude abzuschließen. Bei Nichtabschluss solle ihm sofort Bericht unter Angabe der Gründe gegeben werden. Der Zwangsverwalter Feser wandte nach der sofort herbeigeführten Unterredung ein, er könne ohne Genehmigung der Militärregierung den Abschluss nicht tätigen. Am 17.05.1946 fand bei der Militärregierung mit dem Angestellten Dr. Bartok eine Besprechung statt. Deren Ergebnis war, dass zwei Gebäude verpachtet werden und das dritte Wirtschaftsgebäude für ein Textilunternehmen zur Verfügung stehen müsse. Am 20.05.1946 erschien der Zwangsverwalter Feser freiwillig und erklärte, er werde am 22.05.1946 mit der Militärregierung verhandeln, dass alle drei Gebäude verpachtet würden. Sollten die Gebäulichkeiten bis zur Genehmigung der Anstalt nicht frei sein, stelle die Stadt Ausweichunterkünfte zu Verfügung.

Am 04.06.1946 besichtigte eine Kommission des bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus die für die LBA vorgesehenen Gebäude im Eschach. Einwendungen gegen die Gebäude wurden nicht erhoben. Der Vertrag der Stadt mit dem Treuhänder für das Eschachgelände wurde genehmigt. Am 09.08.1946 erteilte die Militärregierung die Genehmigung zur Eröffnung der Lehrerinnenbildungsanstalt. Der Anstaltsbetrieb wurde am 03.09.1946 aufgenommen. Am 09.11.1946 fand die offizielle Eröffnungsfeier der LBA statt. (die weitere Geschichte der LBA und deren Gebäude siehe unter Robert-Bosch-Str. 15)

Noch ein Erfolg: Ansiedlung der Fa. Oetinger

Karl Oetinger aus Illertissen bewarb sich 1946 um einen größeren Teil des ehem. Wifo-Tanklagers mit Gleisanschluss für den Bau einer Aluminium-Schmelzanlage. Er wollte Aluminiumschrott, vornehmlich aus alten Flugzeugteilen der Luftwaffe, einschmelzen und zu Rohaluminium aufarbeiten. Er erhielt am 09.08.1946 den Zuschlag für dieses Gelände.

Am 01.09.1946 wurde die Produktion in dem völlig zerbombten Tanklager, in dem nur noch das Laborgebäude als festes Gebäude stand, begonnen. Vom 27.09.1946 stammt eine Äußerung des Referenten des Wirtschaftsministeriums, der die Ansiedlung des Aluminiumschmelzwerks Oetinger und den Bau der Werkzeugfabrik Fichtner befürwortete, weil hierdurch Beschäftigung für die Flüchtlinge geschaffen werde.

Das Rohmaterial bestand zu dieser Zeit vorwiegend aus alten Flugzeugen. Die Produktion stieg von 50 t Aluminium monatlich auf 600 t im Jahr 1949.

Zum anfänglichen Betriebsumfang gehörten das ehem. Laborgebäude und die Flächen beidseitig des Gleisanschlusses. Die ehem. Gebäude dort dürften größtenteils zerstört gewesen sein, weshalb bereits ab 1946 Neubauten westlich des Gleises errichtet wurden. Der erste Bauantrag für eine Lagerhalle wurde am 30.12.1946 genehmigt, doch scheinbar wurden auch schon vorher Gebäude errichtet. Der erste Bestandsplan zeigt jedenfalls Gebäude, die auf den Luftbildern von 1945 noch nicht zu sehen waren und denen keine Baugenehmigungen zugeordnet werden können.. Zur Versorgung der Arbeiter erbaute die Fam. Backeler bereits 1947 eine Kantine, die sie 1951 erweiterten. 1965 wurde die Kantine aufgegeben und das Grundstück mit Gebäude an die Fa. Oetinger verkauft.

Die weitere Geschichte der Fa. Oetinger und deren Gebäude ist in einem eigenen Artikel dargestellt.

Weitere Versuche zur Industrieansiedlung

Die Stadt Weißenhorn unter BM Adolf Wolf erkannte schnell das Potential des Wifo-Geländes und versuchte vor allem eine industrielle Entwicklung hier zu fördern. Ansiedlungswünsche gab es viele, aber nicht jeder Interessent entschied sich auch für Weißenhorn. Die Konkurrenz war groß, vielerorts wurden Militärbrachen als Gewerbeflächen angeboten, jede Gemeinde versuchte, Arbeitsplätze zu gewinnen, besonders für den Zustrom von Heimatvertriebenen und Flüchtlingen, auf den man nicht vorbereitet war. Wohnungsbau und Industrieansiedlung waren die großen Herausforderungen nach dem Krieg.

Im Februar 1946 berichtete der Bürgermeister dem Stadtrat, für die Ansiedlung von Industrie im Eschach lägen Bewerbungen der Firmen Maximal und Leplat vor. Die angesprochene Bewerbung von Henkel und Shell wurde aber mit Vorsicht betrachtet.

Am 24.05.1946 zeigte die chemische Fabrik Hans Hartmann aus Schwanmühle (Pfalz) Interesse an einem Zweigbetrieb im Eschach wegen des bestehenden Gleisanschlusses. Sie könne sieben Fachkräfte und außerdem bis zu 250 einheimische Arbeitskräfte beschäftigen.

Der örtliche Gärtner Haid erhielt am 24.05.1946 einen Pachtvertrag über ein Grundstück an der (späteren) Adolf-Wolf-Str. zur gärtnerischen Nutzung. Als er das Grundstück 3 Wochen später noch nicht angepflanzt hatte, entzog man es ihm wieder und stellte es den Flüchtlingen zur Verfügung. Haid beschwerte sich darüber und forderte eine Entschädigung. Der Stadtrat antwortete, nachdem Haid die Grundstücke bis zum 15.06. nicht urbar gemacht habe, habe man die Flächen an die Flüchtlinge zur Linderung deren Not abgegeben. Eine Entschädigung wurde abgelehnt. Dieses rigorose Vorgehen zeigt die damalige Notsituation.

Mit der Abwicklungsstelle beim Wirtschaftsministerium in München und mit der Zweigstelle in Augsburg wurde am 08.07.1946 wegen Überlassung des Eschachgeländes erneut durch den Bürgermeister Rücksprache genommen. Zurzeit sei aber erst die Vermögensverwaltung hinsichtlich der Kapitalien allgemein auf die bayerische Verwaltung übergegangen. Mit dem Übergang der übrigen Vermögensverwaltung könne aber in den nächsten Monaten voraussichtlich gerechnet werden.

Am 09.08.1946 lagen dem Stadtrat Anfragen der Fa. Laatsch, Miersch & Co. elektrische Artikel; Josef Hartmann, Chemie Produkte; Oettinger, Illertissen, Aluminiumschmelzwerk und Neumann, kunstgewerbliche Artikel vor. Die Firma Henkel bemühe sich um günstigere Gebäulichkeiten in Augsburg.

Die Fa. Laatsch erhielt den Zuschlag für das ehem. Werkstattgebäude des Wifo-Tanklagers, spätere Adolf-Wolf-Str. 50, und konnte dieses ab 31.10.1947 von der Vermögensverwaltung pachten, jedoch schon vorher nutzen.

Die Fa. Oetinger erhielt den Zuschlag für einen nicht näher bezeichneten Bereich des ehem. Tanklagers mit Gleisanschluss, später Robert-Bosch-Str. 16-18

Bei den Firmen Hartmann und Neumann kam es zu keiner Ansiedlung.

Mit Pachtvertrag vom 01.04.1947 wurde die Stadt Weißenhorn Treuhänderin des Tanklagers und konnte nun über die Grundstücke verfügen.

Im Jahr 1947 verhandelte die Stadt mit zwei größeren Gewerbebetrieben, die sich hier ansiedeln wollten. Es waren dies die Werkzeugmaschinenfabrik August Fichtner und die Textilgesellschaft Gruschwitz. Beide ließen Planungen erarbeiten. Zuerst fertigte das örtliche Architekturbüro Dreetz und Sevegnani für die Firma Fichtner einen Bauantrag, dessen 1. BA der Stadtrat am 23.05.1947 zustimmte.

Als die Fa. Gruschwitz auch einen Bauantrag vom selben Büro erarbeiten lassen wollte, änderten die Architekten die Planung so um, dass beide Firmen auf dem weitläufigen Gelände Platz gehabt hätten. Auch dieser Planung stimmte die Stadt am 09.08.1947 zu und beschloss sogar am 12.12.1947, für den Bau Material aus der städt. Kiesgrube zur Verfügung zu stellen. Am 19.02.1948 stellte der Architekt Wolfgang Mentzel aus Neu-Ulm den Antrag, in der Fichtner’schen Halle im Eschach eine Töpferei einzurichten. Trotz dieser vielversprechenden Anfragen wurden die Vorhaben aus nicht genannten Gründen nicht verwirklicht.

Am 22.07.1947 wurde dieser ‘Richtplan’ für die Bebauung des Tanklagers dem Stadtrat vorgelegt. Weil die Stadt zu dieser Planung nicht zugezogen wurde, wollte sie diesen auch nicht absegnen und dafür Verantwortung übernehmen. Insbesondere störte sich die Stadt daran, dass der südwestliche Teil nicht in die Planung einbezogen wurde und der östliche Teil, den die Stadt als Wohnbauland entwickeln möchte, für Industrieansiedlung herangezogen werde. Die Ortsplanungsstelle bei der Bezirksregierung gab am 29.07.1947 ein Gutachten über diesen Richtplan im Eschach ab. Der Stadtrat vertrat weiterhin die Meinung, dass von einem Architekten kein Richtplan angefertigt und von verschiedenen Amtsstellen festgesetzt werden könne, ohne dem Stadtrat vorher Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben. Insbesondere war die Stadt nicht damit einverstanden, die Gewerbefläche bis in den Norden auszuweisen, weil hierdurch das LBA-Gelände eingekreist würde.

Die Fa. Gruschwitz wurde im Jahre 1816 im schlesischen Neusalz an der Oder von Johann David Gruschwitz gegründet, sie ging aus einem Betrieb der Herrnhuter Brüdergemeinde hervor. 1847 schied Gruschwitz aus dem Unternehmen aus, das seine Söhne Heinrich Gruschwitz (1816–1885) und Alexander Gruschwitz (1819–1888) unter der Firma J. D. Gruschwitz & Söhne oHG erfolgreich weiterführten. Das Unternehmen wurde 1906 in die Gruschwitz Textilwerke AG umgewandelt, in deren Leitung auch die Familien Doherr (Doherr-Gruschwitz) und von Treskow als Gruschwitz-Nachkommen vertreten waren. Während des Ersten Weltkriegs beschäftigen die Gruschwitz-Werke über 3.500 Menschen. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs lagen alle Gruschwitz-Werke im Einflussgebiet der Roten Armee und wurden als Sowjetische Aktiengesellschaft entschädigungslos enteignet. Die zuletzt 4.000 Mitarbeiter wurden beschäftigungslos. Mit Hilfe einiger alter Mitarbeiter eröffnete Franz Alexander Doherr-Gruschwitz 1950 in Neu-Ulm in zunächst gemieteten Räumen eine kleine Zwirnproduktion. Im Jahre 2004 zog Gruschwitz von Neu-Ulm nach Leutkirch im Allgäu, nachdem das Unternehmen zuvor zwei andere Firmen der Textilbranche (Fritz Zorn GmbH & Co. KG, Leutkirch und Lozetex GmbH Tech-Twists, Winterlingen) übernommen hatte. 2005 wurde das operative Geschäft vollständig an die ebenfalls in Leutkirch im Allgäu ansässige Gruschwitz GmbH Tech-Twists ausgegliedert. [8]wikipedia

Mit Verfügung vom 18.08.1947 erklärte das LRA, dass die Stadt keinen Rechtsanspruch auf das Eschachgelände habe, auch nicht auf den nördlichen Teil. Dem widersprach die Stadt mit Verweis auf die Ausführungen des Finanzministeriums und der Staatsforstverwaltung von 1946. Außerdem beschwerte sich der Stadtrat nochmals über die Nichteinbeziehung in die Ausarbeitung des Richtplans. Am 05.09.1947 stellte die Stadt den Antrag, für das Eschachgelände als Treuhänderin aufzutreten oder das ganze Gelände zu pachten. Um der Forderung Nachdruck zu verleihen, soll eine Delegation mit Unterstützung des Landtagsabgeordneten Vidal zur Vermögensverwaltung in München fahren. Am 30.09.1947 hat die Stadtratsdelegation mit MdL Vidal bei der Vermögensverwaltung vorgesprochen. Diese befürwortete zwar die Rückübertragung, könne aber erst nach Freigabe der Beschlagnahme durch die Militärregierung handeln. Präsident Österle des LVW erklärte am 12.05.1948, dass die Besatzungsmacht der Treuhänderschaft der Stadt für das LTL nicht zustimme, es könnte aber eine andere politisch nicht belastete Person sein. Es könne aber damit gerechnet werden, dass die Militärregierung das Tanklager freigeben werde. Bei einer Besprechung mit dem Treuhänder Feser am 03.06.1948 wurde festgestellt, dass dieser völlig korrekt gehandelt habe, auch wenn BM Wolf meinte, das Finanzministerium und das LVW habe mehr Verständnis für die Stadt als der Treuhänder.

Das Portierhäuschen des LTL am nördl. Eingang soll gem. Beschluss vom 20.05.1948 bestehen bleiben. Als Ersatz könne die Stadt ein Wohnhaus mit Garage am südl. Eingang bauen. Die verbliebenen 4 Hochtanks sollen für Zwecke der Deutsch-Amerikanischen-Petroleumgesellschaft (DAPAG, spätere Deutsche Esso AG) auf Wunsch des Treuhänders vorläufig erhalten bleiben. Nach einem Bestandsplan von 1947 waren noch 3 Hochtanks intakt, einer wurde als reparaturfähig bezeichnet. Es ist nicht bekannt, wie lange diese Nutzung dauerte.

1948 erhielt die Fa. Reichmann, Elektromotorenbau, ein Grundstück mit Gleisanschluss im ehem. Lufttanklager zugesprochen, die spätere Adolf-Wolf-Str. 44.

Nach diesen Ansiedlungen wurde es allerdings ruhig im Eschach mit Neuansiedlungen. Die Firmen Laatsch, Oetinger und Reichmann etablierten sich gut und erweiterten ihre Anlagen mehrfach. Eine Neuansiedlung konnte die Stadt allerdings nicht gewinnen. Das lag vielleicht auch daran, dass die Stadt Anfang der 50er-Jahre an der Günzburger Str. (heutige Dietschstr.) ein stadtnahes Gewerbegebiet entwickelte, wo sich z.B. die Firma Leplat ansiedelte, die sich ja auch um ein Grundstück im Eschach beworben hatte.

Fa. Reichmann und Oetinger haben beim Finanzministerium am 18.08.1950 die Umwandlung der Pachtverträge in Erbbaurechtsverträge beantragt. Die Regierung von Schwaben erhob am 15.09.1950 keine Einwände gegen eine Umwandlung von Pachtverträgen in Erbbaurechte.

Weitere Bebauung des Geländes.

Nach der Bombardierung und Zerstörung des Tanklagers war das Gelände offen. Die Gebäude und Hochtanks waren teilweise Ruinen, der Wald halb verbrannt. Nur acht Tage nach der Übernahme wurde einigen Angehörigen des LTL der Auftrag erteilt, mit Aufräumungsarbeiten zu beginnen. Diese wurden erst im Frühjahr 1946 abgeschlossen. Zu dieser Zeit war die Not groß und die öffentliche Ordnung nicht immer gegeben. Viele bedienten sich an den Ruinen selbst, besonders der Wald war als Brennholz sehr gefragt.

Zunächst begann man mit der Wiederherstellung der Straßen und Stromversorgung, der Auffüllung der Bombentrichter und der Beseitigung der verbrannten Bäume. Viele Betriebe arbeiteten noch nicht wieder regelmäßig, so dass die Aufräumarbeiten auch von vielen freiwilligen Helfern durchgeführt wurden, die sich durch Mitnahme brauchbarer Materialien selbst entlohnten.

Relativ früh wurde auch mit der Teildemontage der Gleisanlagen begonnen. So wurde der östliche Anschluss an die Strecke einschl. der Schutzweiche ausgebaut und der ehem. Benzinbahnhof verkürzt, so dass das Gleis vor der Adolf-Wolf-Str. in einem Stutzen endete. Auch im Benzinbahnhof wurde eine Weiche ausgebaut, sie war wohl durch die Bombardierung zerstört und nicht mehr ersetzt worden. Am 20.05.1948 erhielt die Stadt die nicht mehr benötigten Eisenbahnschienen im Lufttanklager als Trägerersatz für ihre Wohnbauten und die ausgegrabenen Guss-Kanalrohre überlassen.

Aber es begann auch eine mehr oder weniger ungeordnete Bebauung mit Baracken oder, im angrenzenden Krautgartengebiet an der heutigen Rudolf-Diesel-Str., wurden Gartenhütten zu Wohnhäusern erweitert. Das geschah zwar alles ohne die erforderlichen Baugenehmigungen, aber man war wegen der großen Wohnungsnot froh, wenn überhaupt durch Eigeninitiative Wohnraum geschaffen wurde und schaute nicht so genau hin.

Über diese Vorgänge wurden keine Akten angelegt und auch Fotodokumente fehlen. In einer sehr guten Luftbildserie aus dem Jahr 1957 sind diese Bauten gut zu sehen und zeigen, wie auch 10 Jahre nach dem Krieg noch längst nicht alle Kriegsschäden beseitigt waren.

Der beginnenden Bebauung in der Adolf-Wolf-Str. ist ein besonderer Artikel gewidmet.

Größere Gewerbeansiedlungen konnte die Stadt hier nicht anlocken. Als die Bundeswehr ab ca. 1959 wieder Interesse an dem Gelände zeigte, ließ man einen Bestandsplan fertigen. Auf diesem Plan aus dem Jahr 1959 ist deutlich zu sehen, wie viel von dem alten Lufttanklager noch übrig war. Auch zeitgenössische Luftbilder von 1957 und 1958 zeigen den damaligen Zustand deutlich. Es ist zumindest auch noch einer der Hochtanks zu sehen. Zudem sind die noch vorhandenen Bombenkrater kartiert. Das Gleis zum Lokschuppen und die westliche Schutzweiche sind noch vorhanden.

Die Reaktivierung des Tanklagers durch die Bundeswehr ist in einem besonderen Beitrag behandelt.

Quellen:

Quellen:
1 Nothilfe- und Wiederaufbauverwaltung der Vereinten Nationen, kurz UNRRA von engl. United Nations Relief and Rehabilitation Administration
2, 3, 4, 5, 6, 7, 9 Stadtarchiv Weißenhorn; Foto: Heimatmuseum Weißenhorn
8 wikipedia
10, 11, 12 Foto: Heimatmuseum Weißenhorn

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