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Reichenbacher Str. 8 – ehem. Stahlschützenhütte und Blumenwirtschaft

Hier befand sich von vor 1525 bis ca. 1660 die Stahlschützenhütte und von 1662 – 1701 die sog. Blumenwirtschaft. 1829 wurde dann das heutige Wohnhaus errichtet.

Die Stahlschützenhütte

Das Erbauungsjahr der Stahlschützenhütte lässt sich nicht eindeutig ermitteln. Schon Wylicil hat hier geforscht. Seine Ergebnisse sind in der Festschrift zur 500-Jahr-Feier der kgl. priv. Schützengesellschaft ‚Zihllbix‘ von 1997 veröffentlicht. Demnach hat die Stahlschützenhütte bereits 1525 bestanden und wurde in diesem Jahr repariert. 6 Schilling bezahlt, „umb nagel geben zu der bychse schytzen hyslin“.

Es konnte nicht geklärt werden, welche Schießübungen in der Stahlschützenhütte und welche im Schießstand in der Hagenthalerstr. durchgeführt wurden. Da die Stahlschützenhütte an einer Weggabelung lag, konnten hier wohl nur Schießübungen auf kurze Distanzen durchgeführt werden.

Ab1614 wird in den Steuerbüchern beim Nachbarn Hs.Nr. 173, Reichenbacher Str. 4, die „Stahlschützenhütte“ erwähnt. Diese Erwähnung findet bis 1660 statt. Die Hütte war wohl in städt. Eigentum und wurde danach als Stadel verkauft.

Es ist denkbar, dass diese „Stahlschützenhütte“ auch als städt. Werkstatt, Zimmerhütte oder Bauhof genutzt wurde. Vielleicht war der Platz hier nicht ausreichend und man suchte nach einem neuen Ort. Nachdem ab 1729 die städt. Zimmerhütte sicher am Rothweg 16-18 aufgeführt wird, liegt es nahe, eine Verlegung um 1660 dorthin zu vermuten. Nach Verkauf des Grundstücks am Rothweg wurde die Zimmerhütte dann spätestens 1764 an den Standort Reichenbacher Str. 12 verlegt.

Die Blumenwirtschaft

Die Blumenwirtschaft nimmt unter den Weißenhorner Gaststätten eine Sonderstellung ein, da sie eigentlich illegal war. Die Kapuziner brauten in ihrem 1671 eingeweihten Kloster, das der Stahlschützenhütte gegenüber lag, ihr eigenes Bier, das sie nach damaligem Recht aber nicht verkaufen durften. Der Sonnenwirt Seitz, Hauptstr. 12, kaufte die Stahlschützenhütte um 1660 als Stadel. Er hatte keine eigene Brauerei und musste daher das Bier bei den konzessionierten Weißenhorner Brauereien einkaufen. Um diesem Monopol zu entgehen, kaufte er das Bier wohl bei den Mönchen ein, die hierdurch eine zusätzliche Einnahmequelle erhielten. Im Steuerbuch ist die ehem. Stahlschützenhütte erwähnt beim Sonnenwirt, nun bezeichnet als des ‚Blumenwürths und seinem Nebenstädelin‘. Beim Haus Reichenbacher Str. 4 ist allerdings noch die Rede von der Stahlschützenhütte. Der Eigentumsübergang ist nicht dokumentiert, ebensowenig die Zeit der Blumenwirtschaft. Längstenfalls dürfte sie von 1662-1701 bestanden haben. [1]Bei Wylicil ist die Blumenwirtschaft fälschlicherweise auf der anderen Straßenseite verortet

Die Blumenwirtschaft führte zu Protest in der Bürgerschaft, besonders bei den anderen Wirten. Gegen Johann Seitz wollte man wohl wegen seiner sozialen Stellung nicht vorgehen, aber beim Verkauf der Hütte an Christoph Lutzenberger und die nachfolgende Verpachtung des Stadels an den Nagelschmied Melchior Müller (RB15) verpflichtete man diesen, kein Bier auszuschenken. Diese Auflage war möglich, weil die Stadt den Stadel um 1682 wieder erwarb und um 1692 weiterverkaufte.

Stadel an der Reichenbacher Str.

1674 wird als Nachbar bei Hs.Nr. 173, Reichenbacher Str. 4, Hans Seitz genannt. Bei Seitz‘ Besitztümern ist der Stadel auch aufgeführt und seine folgende Zuschreibung an Jacob Schmid (Reichenbacher Str. 4). Das Verkaufsdatum ist nicht überliefert.

1682 ist der Stadel nicht als selbstständiges Gebäude aufgeführt, bei Reichenbacher Str. 4 wird aber als Nachbar die Stadt genannt, die den Stadel von Jacob Schmidt gekauft habe.

Am 17.07.1692 kauft Christoph Lutzenberger (Reichenbacher Str. 1) den Stadel von der Stadt; Wert 180 fl. In dem Stadel befindet sich gemäß [Kauf]Protocoll vom 17.07.1692 ein Stüblein, Kücheln und anderes, das ist wahrscheinlich die erwähnte ‚Blumenwirtschaft‘. Der Stadel wurde wohl ab 1700 an den gegenüberliegenden Nagelschmied Melchior Müller (Reichenbacher Str. 15) als Werkstatt verpachtet. Mit Revers (schriftl. Vereinbarung) vom 06.10.1701 wurde Melchior Müller als Besitzer (nicht Eigentümer!), der seine Nagelschmiedwerkstatt in diesem Gebäude hatte, verpflichtet, „auf diesem Hause als ehemaligen Blumenwirtschaft zu guten deren P.P. Capuzinern kein Wirtschaftserwerb in ewigen Zeiten mehr zu treiben, gleichwohlen aber in der untern Stube Branntwein zu schenken sich vorbehalten hat“. Der Revers sagt nicht aus, ob es sich bei dem Verbot des ‚Wirtschaftserwerb‘ um ein komplettes Gewerbeverbot oder nur um ein Gaststättenverbot handelte, vermutlich nur letzteres. Der Branntweinausschank blieb ja nach dem Vertragstext weiterhin zulässig. So dürfte M. Müller seine Werkstatt, zumindest noch in einem Teil des Gebäudes, behalten haben, denn noch 1801 finden wir den Eigentümer RB15 dort erwähnt.

1706 hat Mathias Metzger, Kupferschmied (RB01), als Nachfolger von Christoph Lutzenberger, den Stadel mit übernommen; Wert 165 €. 1729 ist seine Witwe die Eigentümerin, danach der (Sohn?) Leonhard Metzger. Ihm folgt 1764 der (Enkel?) Dominicus Metzger. Der wert wird auf 150 fl taxiert. Bis 1773 ist Dominicus Metzger als Eigentümer des Stadels in den Büchern erwähnt. Nachdem er auch im Einwohnerverzeichnis 1786 noch als Eigentümer von RB01 aufgeführt wird und dieses Haus erst 1811 an Balthasar Thalhofer verkauft wurde, dürfte er auch den Stadel noch bis zum Verkauf an den Storchenwirt Josef Winkle besessen haben.

Am 31.07.1787 wurde der Stadel abgebrochen. Zuvor war das Grundstück vom Storchenwirt Josef Winkle (RB11) und dem Bäcker Jacob Spegele (RB09) gekauft worden. Item ein Stadel bey den H C.C. Capucinern worin ausweisl. Prot: Vom 17t July 1692 sich ein Stüblein, Kücheln und anderes befunden, dermalen abgerissen. 31.07.1787 haben Josef Winkle, Storchenwirt und Jacob Spegele, Beck, jeder zur Hälfte diesen leeren Platz an sich erkauft zu 70 fl. Wahrscheinlich bauten die beiden Eigentümer wieder einen neuen Stadel auf dieses Grundstück.

Am 09.04.1801 kauft der Hutmacher Roman Berchtold (RB15) den Stadel. Im Jahr 1818 baut Bonifazius Berchtold (Sohn?) in der Hollstraße einen neuen Stadel. Vermutlich hat man ihm den Stadel RB08 abkaufen wollen um das Grundstück zu verkaufen und ihm daher den Bau des Stadels in der Hollstraße ermöglicht. Der Stadel dürfte Anfang des 19. Jhdt. abgebrochen worden sein, denn im Urkataster 1824 ist an dieser Stelle kein Gebäude mehr eingetragen. Nach der Ausformung des Grundstücks kann jedoch auf Lage und Größe geschlossen werden. Scheinbar versuchte man beim Weiterverkauf des Grundstücks, die Engstelle in der Reichenbacher Str. etwas zu erweitern.

Neubebauung 1829

Josef Albrecht, Lumpensammler, hat das Grundstück gekauft und einen Neubau errichtet. Fertigstellung war am 17.07.1829. Bis 1838 ist Joseph Albrecht als Eigentümer genannt. Am 15.09.1838 erwirbt Mathias Durchschein, Lumpensammler, das Haus. und ab 1852 ist wieder der Name Albrecht zu finden, 1860 die Witwe Albrecht.

Danach dürfte das Haus an einen Blasius Stellwag verkauft worden sein, denn 1872 ist sein Tod erwähnt, seine Witwe Franziska erbt das Haus und den Garten im Kapuzinergarten.

Für den 27.07.1896 ist mit den Schuhmacherseheleuten Sylvester und Walburga Merkle der nächste Eigentümerwechsel dokumentiert. Merkle baut eine Schuhmacherwerkstatt ein und erneuert Kamin und Abort. Er arbeitet hier bis 1922, als seine Witwe das Haus übernimmt, ab 11.09.1928 der Sohn Sylvester Merkle gem. Erbfolgevertrag vom 14.04.1903. In diesem Erbfolgevertrag ist auch schon der nächste Eigentümer bestimmt: der Schuhmacher Josef Merkle, der das Haus am 13.09.1933 übernimmt.

Am 29.01.1953 geht das Haus an Emma Fehrenbacher, geb. Merkle, Kaufmannswitwe, über. Erst im Adressbuch 1977 ist mit Anton Meichelböck ein neuer Eigentümer genannt.

Im Jahr 1996 wurde die Erneuerung des Dachstuhls beantragt. Die Maßnahme wird jedoch nicht ausgeführt. Lediglich die Fenster wurden ghegen Einscheibenkunststofffenster ausgetauscht.

Quellen:

Quellen:
1 Bei Wylicil ist die Blumenwirtschaft fälschlicherweise auf der anderen Straßenseite verortet
2 Stadtarchiv Weißenhorn; Foto: Heimatmuseum Weißenhorn

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