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Hauptplatz 2 – Der Platzmetzger

Das dominant am Hauptplatz gelegene Gebäude wird seit 1845 als Metzgerei genutzt und wegen seiner Lage am Hauptplatz ‘Platzmetzger’ genannt. Die Metzgerei wurde ständig den zeitgemäßen Erfordernissen angepasst und ist daher ein Lehrbeispiel für Fassadengestaltung im Laufe der Jahrzehnte.

Vorgängerbebauung

Der erste dokumentierte Eigentümer ist 1465 Hans Berian, bei dem vermerkt ist, dass er 9 Kinder hatte. Eigentümer vor 1465 sind archivalisch nicht feststellbar. 1496 gehört ihm auch das Haus Hauptplatz 3. Ab 1499 folgt Hans Scheyttlin, dessen Namensschreibweise mehrfach wechselt. Für die Jahre 1518-1548 liegen keine Aufzeichnungen vor.

1548 erscheint Melchior Semions Witwe, danach Bartholome Semion. 1551 haben wir den Schreiner Jörg Kohler und ab 1587 seine Witwe. 1594 ist Hans Kohler, vermutlich der Sohn, genannt mit Behausung, Stadel und Hofraiten und Garten. Ab dem Steuerbuch 1614 ist der Röhrkasten auf dem Hauptplatz als Lage erwähnt.

Eine Hungersnot im Jahr 1634, eine Pestepidemie 1635 und ein Hochwasser um 1636 führte im Zusammenhang mit kriegerischen Auseinandersetzungen im Rahmen des 30-jährigen Krieges in unserem Gebiet zu großen Zerstörungen und zu Armut. Insgesamt konnten 32 Haushalte ihren finanziellen Verpflichtungen mehr nachkommen und kamen in die Gant (Privatinsolvenz mit Versteigerung). In zwei großen Gantprozessen am 06.08.1637 und am 21.07.1639 wurde das Eigentum liquidiert, so auch dieses Haus.

Am 21.07.1639 ersteigerte Hans Jerg Rueß, Sohn des Jakob Rueß auf Lessingstr. 13, das Haus mit einem Wert von 700 fl.

Zwischen 1674 und 1679 wird das Haus geteilt. Das Gebäude bestand vorher aus einer Einheit. Der Wert der Immobilie wurde seit 1614 ständig nach unten korrigiert, von 800 fl im Jahr 1614 bis auf 450 fl im Jahr 1679. Anschließend dürfte es zu einem Neubau gekommen sein, der gleich darauf in Anteile von 400 fl und 300 fl aufgeteilt wurde. Jetzt ist von Haushälften die Rede, so dass es sich um ein Gebäude unter einem Dach gehandelt haben dürfte.

Neubau 1679

Haus Nr. 178

Die nördliche Haushälfte mit einem Wertansatz von 400 fl gehört 1679 dem Weißgerber Andreas Müller. Ab 1692 wird ein weiterer Stadel auf dem Grundstück erwähnt. Ab 1706 wird die Lage nicht mehr mit ‘vor dem Röhrkasten’ sondern mit ‘vor dem Schöpfbrunnen’ angegeben. Demnach hat die Stadt zusätzlich zu dem Röhrkasten (Laufwasserbrunnen) noch einen Schöpfbrunnen gebaut, dessen Lage bei den archäologischen Grabungen 2010 aufgedeckt wurde.

Andreas Müller stirbt 1724, sein Sohn Dominik tritt das Erbe und das Geschäft an. In den 1760er-Jahren erscheint Christoph Thalhofer als Eigentümer, anschließend ab 1766 der Färber Franz Salesius Götz. Am 20.04.1770 übernimmt seine Witwe das Haus und wechselt dann auf Obere Mühlstr. 14. Der Färber Josef Ignaz Bischof erwirbt das Haus und wird ‘Platzfärber’ genannt.

Haus Nr. 179

Auf der südlichen Haushälfte eröffnet der Metzger Friedrich Staudt eine Metzgerei, schon 1674 erwähnt. Zum 05.05.1681 wechselt Friedrich Staudt auf das Nachbarhaus Hauptplatz 3, während seine Mutter Agatha weiter hier verbleibt.

1682 ist der Schreiner Sebastian Höllwürth Eigentümer des Hauses. Er dürfte 1726 gestorben sein, denn in diesem Jahr wird der Bürstenbinder Leopold Nagenrauft aus Hürben Eigentümer des Hauses. Es ist eine Ehe vermerkt ohne die Braut zu nennen. Möglicherweise hat Nagenrauft eine Tochter des Höllwürth geheiratet. Catharina Höllwirth, Ehefrau des Sebastian Höllwirth, stirbt 1727. Ihr Erbe wird auf ihre drei Kinder aufgeteilt. Am Haus hatte sie kein Eigentum mehr.

Um 1765 ist der Loderer Johann Faulhaber als Eigentümer genannt, ab 09.10.1778 Leonhard Schwenk. Er stirbt am 08.04.1785, seine Witwe Anna Maria übergibt an den Sohn Leonhard Schwenk, Lodweber. Er ist noch 1786 im Einwohnerverzeichnis genannt. Danach erwirbt der Eigentümer der anderen Haushälfte, der Färber Joseph Bischof, auch diese Hälfte, so dass ihm nun das ganze Haus gehört.

Vereintes Haus

1815 geht die eine Haushälfte an den Sohn Josef Bischof über. 1818 sind Vater und Sohn je in einer Haushälfte gemeldet. 1823 wird das Anwesen als Wohnhaus mit Stall unter einem Dach, ein alleinstehender Stadel, Hofraum, beschrieben. 1831 ist der nächste Sohn, Franz Josef Bischoff, Färber, mit einer Maria Anna verheiratet. Von Vater und Großvater ist keine Erwähnung mehr.

Am 23.08.1845 erwirbt der Metzger Joh. Nep. Bader mit Ehefrau Katharina die Hs.Nr.178 und im Jahr 1846 die Hs.Nr. 179. Joh. Nep. Bader ist der Sohn des Metzgers Mathias Bader von der Martin-Kuen-Str. 2. 1845 wird der östliche Anbau der südlichen Haushälfte abgebrochen. An dem zur Schulstraße ausgerichteten Stadel wird die Holzremise verlängert. 1851 wird die Remise abgebrochen und in Massivbauweise verlängert. 1882 wird der Sohn Josef Bader, Metzger, als Eigentümer geführt. Er wölbt den zur Schulstr. gelegen Stadel mit einer Hurdis-Decke ein, der Heuboden darüber wird betoniert.

Am 06.11.1903 beantragt der Metzgermeister Josef Bader den Anbau eines Eiskellers. Hiermit soll etwas in die Schulstr. gebaut werden, weswegen die Aufstellung eines Baulinienplanes erforderlich wird. Baumeister Gaiser fertigt einen entsprechenden Plan (nicht überliefert). Der Bezirksbaumeister nimmt am 01.07.1904 Ortseinsicht. Er befürwortet
den Bau nicht, weil er durch die Verengung an der Straßeneinmündung Schulstr./Reichenbacher Str. Verkehrsprobleme sieht. Der Magistrat zieht die Baulinienplanung aufgrund der Stellungnahme des Bezirksbaumeisters zurück. Bader legte am 26.06.1904 einen geänderten Plan vor, für den der Magistrat wiederum die Festsetzung einer Baulinie beschloss. Bader hielt sich bei der Umplanung an die vom Bezirksbaumeister gemachten Vorschläge. Aber auch die geänderte Planung wird vom Bezirksamt Neu-Ulm abgelehnt. Grund sind jetzt aber weniger die Baulinie, sondern gesundheitspolizeiliche Bedenken wg. der Verbindung des Eiskellers mit dem Laden und der hygienische Gesamtzustand des Ladens (da die Inneren mit Ölfarbe gestrichenen Wände größtenteils mit Pilzen bedeckt sind). Bader wurde aufgefordert, seinen Laden in einen gesundheitspolizeilich einwandfreien Zustand zu bringen. Am 10.10.1904 wurde Vollzug der Sanierung gemeldet. Daraufhin wurde der Bauantrag am 21.09.1904 genehmigt und am 24.10.1904 wurde mit dem Bau begonnen.

1907 ist noch Josef Bader als Eigentümer verzeichnet, im Jahr 1911 bereits sein Sohn Anselm Bader. Im Jahr 1911 baute diesert ein Beton-Trottoir vor seinem Laden, wie das zu dieser Zeit mehrere Geschäftsleute taten. Auch 1911 wurden Teile der Umfassungswände erneuert und das Dach. Hierbei bekam das Haus auch den großen Zwerchgiebel, wurde um eine Achse nach Süden verlängert und erhielt wohl auch den neobarocken Schweifgiebel. 1927 wurde eine Waschküche angebaut und 1930 eine Autogarage errichtet. Der Metzger konnte sich jetzt auch ein Auto leisten! 1932 wurden weitere Teile der Umfassungswände erneuert.

1947 baute der Metzgermeister Anselm Bader auf der Ostseite des Grundstücks eine Waschküche an. Die Gestaltung erfolgte nach einem Vorschlag des Landbauamtes vom 26.04.1947. Gegen den ersten Plan bestanden damals wohl gestalterische Bedenken. Der Metzgerladen befand sich bis zu dieser Zeit noch im östlichen Teil des Gebäudes mit Zugang von der Reichenbacher Straße aus. 1951 wird der Metzgerladen in den Bereich des Hauptplatzes verlegt und erhält einen Zugang an der Ecke zur Reichenbacher Str. sowie zwei Schaufenster. Der ehemalige Laden wurde jetzt als Küche genutzt. Im Genehmigungsbescheid ist die Auflage enthalten, der Verkaufsraum dürfe nicht heizbar sein! 1952 wurde unter dem Wohnzimmer ein zusätzlicher Keller als Obstkeller gegraben und 1953 wurde im Süden ein Schweine-Schlachtraum angebaut.

Bis 1960 hatte der Schwiegersohn, Metzgermeister Joachim Kühle, das Geschäft übernommen. Neben einer neuen Werbung änderte er die Fassade, schloss das Fenster neben dem Schaufenster, baute im OG neue Fenster ohne Sprossen ein und brachte im Giebeldreieck eine Sonnenuhr an. Im EG wurde das mittlere Fenster geschlossen. Der Eingangsbereich am Eck sollte ein Gewände aus Quadersteinen erhalten, was aber nicht geschah. 1961 wurde das Stallgebäude in der Schulstraße zu einem Schlachthaus umgebaut. Hierzu wurde der alte Dachstuhl abgebrochen und ein zweites Geschoss mit einem flach geneigten Satteldach aufgebaut.

1966 wurde der Laden noch einmal vergrößert und umgebaut. Es wurde nun die gesamte Hausbreite zum Hauptplatz als Laden genutzt und der Eingang vom Eck auf die Westseite verlegt. Auf die Breite des Hauses wurden drei Schaufenster eingebaut, das Schaufenster zur Reichenbacher Str. aber geschlossen. Die modernistische Gestaltung der Fenster nach dem Entwurf von Arch. Schmidl wurde jedoch (wohl nach Intervention des Denkmalamtes) nicht durchgeführt.

1994 wurde der Laden wiederum umgebaut und der Zeit angepasst. Der Eingang wurde nach Beratung durch das Stadtbauamt in die Mitte des Gebäudes verlegt und die Schaufenster mit einer Teilung versehen. 2005 wurde das Ladenlokal nochmals erweitert und eine Imbisstheke mit Außenbewirtschaftung eingeführt. 2009 erhielt das Gebäude trotz Denkmalschutz Kunststofffenster. 2010 wurde der Schlachtraum an der Schulstraße umgebaut und erhielt eine Außentreppe.

Quellen:

Quellen:
1, 2, 3 Stadtarchiv Weißenhorn; Foto: Heimatnmuseum Weißenhorn
4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14, 15 Heimatmuseum Weißenhorn; Foto: Heimatnmuseum Weißenhorn

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