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Die Stadtwirtschaft – Hauptstr. 28

Die Wirtschaft zur Stadt wurde 1594 erstmals als Bräustätte erwähnt und zählt somit zu den ältesten bekannten Gaststätten. Sie war Zunftlokal der Wagner, Sattler, Metzger, Seiler und Schmiede. 1919 wurde die Gaststätte geschlossen und das Haus anderweitig genutzt.

Vorgängerbau

Eigentümer vor 1465 sind archivalisch nicht feststellbar. Im Jahr 1465 bis 1502 ist ein Metzger Hans Claus auf dem Gebäude nachweisbar. 1488 wurde für den Bau der Stadtbefestigung ein Stadel des Hans Claus abgebrochen, wie Nicolaus Thoman berichtet: Desgleichen vor dem undren tor prach man ain stallung und stadel ab gegen der Rot und uf dem andren ort gegen dem hofgarten auch ain stallung; die bayde geseß waren Hansen Clausen, burgermaister, dem gab man darfur etwas minder, den 200 gülden. Bis 1500 ist Hans Claus als Bürgermeister genannt. Ab 1502 kommt Conrad Claus als Eigentümer hinzu, ab 1505 alleinig. Für die Jahre 1518-1548 liegen keine Aufzeichnungen vor.

Im nächsten Steuerverzeichnis von 1548 wird Albrecht Pilling als Eigentümer genannt, der Zeitpunkt des Eigentümerwechsels lässt sich nicht feststellen. Ab 1559 gehört Albrecht Billing auch das Haus Günzburger Str. 11. 1567 ist Albrecht Billings Witwe hier wohnhaft, ab 1570 Hans Billing, vermutlich der Sohn.

1594 ist Andreas Baur mit Behausung, Neben- und Bräuhaus samt Hof und Stadel genannt. Die Brauerei wird hier erstmals erwähnt. 1601 wird der Besitzer Enderlin Pauer geschrieben; Enderlin ist eine Abwandlung von Andreas. Im Steuerbuch 1614 wird der Wert des Anwesens auf 555 fl taxiert, Behausung Neben und Bräuhauß sambt Hoff und Stadel so zwey Hausrecht hatt, nechst dem Frühmeßer.

1623 heiratet Eustach Nusser aus Günzburg eine Tochter des Andreas Bauer und wird Miteigentümer, ab 1629 ist er Alleineigentümer. 1636 übernimmt sein Sohn Hans Nusser die Stadtwirtschaft, die mittlerweile mit einem Wert von 950 fl angesetzt wird. Hans Nusser war mehrere Jahre lang Bürgermeister. Er starb 1690. Sein Sohn Johann übernahm zu einem unbekannten Zeitpunkt Gasthof und Brauerei; dokumentiert ist sein Testament vom 04.11.1671. Auch seine Frau macht am 07.11.1671 ihr Testament. Kurz darauf dürfte Johann Nusser gestorben sein. Seine Witwe Catharina heiratet Peter Roth, worauf seine Frau am 07.10.1673 ihr Testament abändert. Peter Roth war von 1696-1714 Bürgermeister. Er dürfte ein Sohn des Ochsenwirts Andreas Roth gewesen sein. 1682 ist der Wert des Gebäudes auf 1050 fl gestiegen. 1698 gehören auch die Grundstücke Bärengasse 10 (235 fl) und Schmiedplatz 2 (30 fl) zum Besitz. Peter Roth stirbt 1714, sein Erbe wird aufgeteilt.

1715 heiratet Franz Beyhel, aus Stetten am kalten Markt, die Witwe des Bürgermeisters Peter Roth. Hierbei dürfte es sich um die 2. Ehefrau des Peter Roth handeln. Die Schreibweise des Namens wechselt häufig, Anfangs meist Veyhl geschrieben, setzt sich später die Schreibweise Beyhl durch. 1715 werden dem Gebäudewert 220 fl wegen eines Neubaus zugeschlagen. Hierbei wird es sich um den Neubau des Hauses Hauptstr. 26 handeln, dessen Grundstück bislang als zweites Hausrecht geführt wurde. Das neue Haus wurde mit der Stadtwirtschaft durch einen Überbau über die gemeinsame Einfahrt verbunden.

Es ist nicht erwähnt, ob es sich bei dem Neubau um das Hauptgebäude handelt, um einen rückwärtigen Anbau oder um den Neubau des Nebenhauses. Nach den angegebenen Werten ist ein Neubau des Gasthofs wahrscheinlich. 1716 wird die Gaststätte erstmals als ‚Stadtwirt‘ erwähnt. 1729 ist als Nebenbesitz nur noch das Grundstück Schmiedplatz 2 genannt.

Am 21.04.1739 übergibt die verwitwete Stadtwirtin Barbara Beyhel das Anwesen mit zwei Hausrechten (Hauptstr. 26+28) kaufweise ihrem Sohn Meinrad für 4750 fl (mit 5 Pferden, 6 Kühen, 1 Schwein, Bräugeschirr etc.). Meinrad Beyhel heiratet die Jungfrau Johanna Schmid, Tochter des Metzgers Marx Schmid, Hauptstr. 6.

Am 05.11.1739 verkauft der Hirschwirt (Hauptstr. 24) Jakob Frick, sein Braurecht an den Stadtwirt Beyhel für 100 fl, „so daß auf ewige Zeit diese Bräugerechtigkeit weder auf sein noch ein anderes Haus gezogen werden kann, sondern gänzlich aufgehoben sein soll“; der Hirsch bleibt Weinwirtschaft und Posthalterei.

Meinrad Beyhl dürfte zwischen 1758 und 1762 gestorben sein. Er hatte 7 Kinder; Franz (später ab 1775 als Säckler auf GZ22), Joseph (später ab 1788 auf MM02 als Schmied), Barbara, ledig, gest. 28.01.1796), Maria Anna, Agnes, Ursula und Barthle.

Im Jahr 1758 wird in B 98-12 Mathias Schuster als Eigentümer genannt. Die Witwe Johanna Beyhl, geb. Schmidt, erhält am 21.01.1763 von ihrer Mutter Anna Schmidt deren Haus Hauptstr. 6 und die Grundstücke und erhält dafür Kost und Logis bei ihrer Tochter. Am gleichen Tag heiratet die Stadtwirtin Johanna Beyhel den Bräuknecht Lorenz Schuster von Ettlishausen. Hier dürfte ein Zusammenhang zu Mathias Schuster bestehen.

Die Stadtwirtschaft muss in größeren finanziellen Problemen gesteckt sein. Mit dem Verkauf des Hauses Hauptstr. 6 sollten die Schulden getilgt werden. 1765 wird das Haus an einen Makler übergeben, dieser verkauft es an sog. Schutzjuden. [1]Im Land erwünschte bzw. geduldete Juden bekamen auf Antrag bei der Landesregierung eine landesherrliche Duldung und Aufenthaltserlaubnis, die sehr häufig als Privileg, seltener als Konzession oder … Continue reading

Johanna Beyhl stirbt am 12.11.1768. Es wird ein Verzeichnis aufgestellt, in dem die Aktiva und Passiva zur Ermittlung der Erbmasse gegenübergestellt werden. Es verbleibt ein Aktivposten von 1262 fl. Als Erben werden benannt: der Witwer Lorenz Schuster, Constantia Schuster als Kind der letzten Ehe sowie die Kinder der ersten Ehe Maria Anna, Franz, Barbara, Agnes, Joseph, Ursula und Barthle. Das verbleibende Vermögen wird von den verordneten Pflegern bis 1777 betreut. Franz Beyhl lässt sich 1775 auszahlen uns arbeitet fortan als Säckler auf GZ22. Ursula heiratet einen Strehle und stirbt 1779.

Die Stadtwirtschaft wird 1768 verkauft. Als Käufer tritt Johann Stigele, Bierbräuer, Sohn des Lammwirts Christoph Stigele, nach Auszahlung des verwalteten Erbes auf. Scheinbar hat auch Stiegele finanzielle Probleme, da im Grundbuch bereits am 17.09.1768, Kredite bei Anton Schenk (kein Weißenhorner Bürger) aufgeführt sind. Folglich wurde die Stadtwirtschaft schon vor Johanna Beyhls Tod verkauft.

Johann Stigele stirbt 1786. Seine Witwe Anna Maria Stigele geht in Konkurs. Das Haus wird versteigert. Am 09.03.1787 kauft Christian Sayler von Grafertshofen das Haus aus der Gant für 1800 fl. Sayler betreibt die Wirtschaft aber nicht, er verkauft sie am 13.03.1787 (?) weiter an Valentin Amann, vermutl. den Sohn des Traubenwirts Valentin Amann, der seit 1776 in MM27 wohnt. Im Heiratsvertrag vom 04.01.1792 wird er als Stadtwirt bezeichnet. Valentin Amann stirbt am 25.09.1800, das Erbe wird aufgeteilt. Am 27.08.1802 heiratet die Witwe Amann den Brauer Josef Sälzle (Herkunft unbekannt). Die Stieftochter Josefa Amann erhält ein Wohnungsrecht.

Auch Josef Sälzle vermag es nicht, die Stadtwirtschaft langfristig zu halten. Er wird insolvent, die Wirtschaft wird wieder versteigert. Am 29.08.1829 kauft Josef Thalhofer das Haus aus der Gant. Die Witwe Josefa Sälzle muss das Haus räumen und zieht auf MK02.

Am 04.08.1837 wird die Stadtwirtschaft schon wieder verkauft, und zwar an Josef Strehle aus Aislingen. 1839 stirbt Josef Strehle aber schon mit 24 Jahren. Seine Witwe heiratet daraufhin am 11.11.1839 Dominikus Sälzle von Attenhofen. Ob hier eine verwandtschaftliche Beziehung zum vorherigen Eigentümer Josef Sälzle bestand, muss offen bleiben. Domenikus Sälzle baut 1840 an der Roggenburger Str. 44 einen Braun- oder Sommerbierkeller. Aber auch er hat keinen großen Erfolg. Am 12.02.1844 kauft Josef Miggenhauser von Wolfegg das Haus von Sälzle. Etwa ein Jahr später, am 05.05.1845 geht die Stadtwirtschaft in den Besitz der Sparkasse Stetten-Hüttisheim über, wohl wegen Insolvenz des Miggenhauser. [2]Franz Beyhl [ab 1715] war aus Stetten a.k.M. Es ist nicht dokumentiert, was mit der Stadtwirtschaft die nächsten 3 Jahre geschah. Am 12.02.1848 verkauft die Sparkasse Stetten-Hüttisheim, vertreten durch den Advokaten Singer von Weißenhorn, das Haus an Johann und Katharina Heiß.

Neubau 1850

Am 21.02.1850 brannte das Gebäude Hauptstr. 28 (Stadtwirt) vollständig ab. Hierbei wurde auch das Nachbargebäude Hauptstr. 26 so stark in Mitleidenschaft gezogen, dass es abgebrochen werden musste. Der Stadtwirt Johann Heiß erhielt als „Brandaßekuranz-Entschädigung“ 5800 fl und entschied sich zu einem Neubau.

Über die Lage und Stellung des Gebäudes gab es einige Differenzen zwischen den Bauherren und der Stadt. Heiß sah einen Grund des Brandes in der engen Stellung der Gebäude und schlägt vor, seinen Neubau unmittelbar an das Untere Tor anzubauen um so mehr Raum zwischen den Gebäuden zu erhalten und auch zur Hirschwirtschaft einen freien Gang zu schaffen (1). Der Magistrat lehnte den Anbau an das Tor ab, weil „die öffentliche Passage, der städtische Garten,der bestehende Gemeindeweg und die schöne Ansicht von außen beträchtlich gefährdet erscheinen dürfte“. Man gestand dem Stadtwirt aber zu, seinen Bau 4′ (1,17 m) weiter nach Norden zu rücken und den städt. Weg soweit gegen Entschädigung zu überbauen. Die beiden Bauherren legten einen neuen Plan vor, nach welchem beide Gebäude nach Norden verschoben und in eine Flucht mit dem Hirschwirt gebracht werden sollten (2). Gegen diese Planung protestierten die betroffenen Nachbarn, die sich in der Zufahrt zu ihren Stadeln (an der Mauer) benachteiligt sahen. Daraufhin zog der Magistrat seine Zusage wegen der Widersprüche der Nachbarn zurück. Die Bauherren legten eine neue Planung vor, nach der sie ihre Neubauten genau an der Stelle der alten errichten wollten (3). Der Stadtwirt möchte aber seinen Neubau um 5′ in seinen Hofraum hinein vergrößern. Während durch diese Planung die einen Nachbarn befriedigt sind, protestierte nun der Hirschwirt Valentin Bader gegen die Vergrößerung des Stadtwirts in seinem Hofraum und behauptete, hierdurch verliere seine Stallung Licht und Luft. Außerdem benötige der Stadtwirt für seine kleine Ökonomie keinen so großartigen Stadel. Heiß gesteht der Nachbarin Betz weitgehende Rechte bzgl. ihrer Türe in seinen Hofraum zu und kommt dem Hirschwirt insoweit entgegen, dass er auf der Seite dessen Stalles den Bau nur noch um 2 1/2 Schuh erweitern wolle (4). Nach Begutachtung der städt. Baukommission vor Ort verlangte der Magistrat am 04.04.1850, dass die Neubauten in die Flucht der Hirschwirtschaft gestellt werden.

Im nächsten Jahr 1851 erhielt der Stadtwirt Heiß vom Landgericht die Auflage, seine Malzdörre, die Ursache des Brandes vom Feb. 1850 war, in einen feuerfesten Zustand zu bringen.

Trotz des Neubaus konnte Johann Heiß die Stadtwirtschaft nicht halten. Am 05.11.1855 kaufte Anton Stetter von Weißenhorn das Gebäude. Stetter verpachtet die Gastwirtschaft, ab 1856 an Georg Eberle als Pächter, 1861 an Josef Knoll und 1862 an Anton Glatzmeier von Deisenhausen. Am 31.07.1863 wird die Wirtschaft an Lutzenberger Kajetan und Therese, dessen Ehegattin, verkauft. Mit dem Bierbrauer Alexander Ege von Ulm kommt ab 20.04.1871 wieder ein Bräuer als Besitzer, 1882 heißt der Eigentümer Xaver Ege. 1874 baut Alexander Ege in der Roggenburger Str. 42 einen neuen Bierkeller. 1883 war wohl Joh. Nep. Willbold neuer Eigentümer. Der genaue Zeitpunkt der Übernahme durch Joh. Nep. Willbold ist nicht überliefert, aber um 1883 ist der Verkauf des alten Kellers an der Roggenburger Str. 44 an den Löwenwirt Hörmann (Martin-Kuen-Str. 5) dokumentiert.

Unter Willbold stabilisiert sich die Wirtschaft wieder. Er investiert durch eine Pfannenheizung (1895), Kaminerneuerungen (1894 und 1895) und eine Umfassungserneuerung in das Gebäude. Um 1900 dürfte Joh. Nep. Willbold gestorben sein, denn nun wird seine Witwe Viktoria als Eigentümerin genannt. Am 15.01.1909 erhält die Stadtwirtschaft mit Leonhard Hopp, Bräuer von Stoffenried und Magdalena Möslang, Ökonomenstochter von Ettensberg, neue Eigentümer. Ab 14.03.1919 wird die Stadtwirschaft mit Martin Schuster das letzte Mal an einen Gastwirt gegeben, aber schon zwei Monate später ist endgültig Schluss mit dieser Wirtschaft.

Die Installateurs-Eheleute Baur Franz Xaver und Maria, geb. Ott erwerben am 22.05.1919 das Haus und bauen es für ihre zwecke um. Vermutlich wurde im Zuge dieses Eigentümerwechsels und der Aufgabe der Gaststättennutzung im EG ein Laden mit einem Schaufenster eingebaut. 1921 wurde eine Wohnung in das ehem. Brauhaus eingebaut. Hierzu erhält F.X. Baur vom Wohnungsamt einen Zuschuss.

Anfang der 30er-Jahre wurde im Zuge einer Renovierung der straßenseitoge Giebel zu einem Treppengiebel umgebaut. Am 01.03.1934 übernimmt die Witwe Maria Baur den Elektro-Laden. 1932 bewarb Baur sein Geschäft im Adressbuch. Am 01.04.1954 wird das Geschäft auf den Sohn Franz Xaver Baur überschrieben. 1956 wird der Laden umgebaut und mit großen Schaufenstern versehen. Hierbei wird der EG-Boden abgesenkt.

Zum 01.04.1984 übernimmt Sohn Manfred Baur das Elektrogeschäft. Um 2010 wird das Geschäft aufgegeben und das Haus verkauft. Die neue Eigentümerin beginnt mit einer behutsamen Sanierung, so wird 2012 das Dach repariert. Der Laden im EG wird verpachtet.

Quellen:

Quellen:
1 Im Land erwünschte bzw. geduldete Juden bekamen auf Antrag bei der Landesregierung eine landesherrliche Duldung und Aufenthaltserlaubnis, die sehr häufig als Privileg, seltener als Konzession oder Schutzbrief bezeichnet wurde. Solche Juden wurden deshalb als konzessionierte Juden oder Schutzjuden bezeichnet und galten als einheimische Juden und deren Nachkommen als „eingeborne“ Juden.
2 Franz Beyhl [ab 1715] war aus Stetten a.k.M.
3, 4, 5, 6 Stadtarchiv Weißenhorn; Foto: Heimatmuseum Weißenhorn

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