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Der Gasthof Engel – Hauptstr. 9

Der Gasthof Engel ist seit 1674 als Brauerei genannt. Er war das Zunftlokal der Färber, Lodner, Hutmacher und Wachszieher. Der heutige spätklassizistische Bau wurde 1870 an Stelle eines Vorgängerbaus errichtet.

Erstbebauung bis 1870

Die erste archivalische Erwähnung des Gebäudes findet 1475 mit dem Eigentümer Claus Baier statt, der danach auf das Haus Wettbach 21 wechselt. Ihm folgt ab 1492 Jorig Syma. Von 1496 ab waren immer mehrere Personen Eigentümer des Gebäudes, die auch häufig in andere Häuser umzogen. Die genaue Eigentümerfolge kann bei Interesse dem angefügten Datenblatt entnommen werden. Für die Jahre 1518-1548 liegen keine Aufzeichnungen vor.

Ab 1548 sind Anton Vatt und Hertel Vantz verzeichnet, ab 1559 Anton Roth und Vranz Harttmann. Es wird vermutet, dass es sich hierum Schreib- oder Lesefehler handelt und dieselben Personen gemeint sind. 1562 sind Anton Roth und Lasarus Bair als Eigentümer genannt. Zwischen 1592 und 1567 erbaut Anton Roth das Bräuhaus Kirchplatz 6 neu und zieht nach dorthin. Lasarus Bayr ist ab 1567 Alleineigentümer. Er kauft 1570 das Nachbarhaus Hauptstr. 7 hinzu. 1578 übernimmt seine Witwe den Besitz.

Ab 1581 ist der Name Kretz auf dem Haus zu finden, eine rührige Familie, die einigen Besitz in der Stadt hatte. Anton Kretz sen. ist mind. seit 1548 auf dem Haus Hasengasse 3 ansässig. Sein Sohn Anton Kretz jun. erwirbt 1567 Teileigentum an der Lessingstr. 11 und kauft 1570 die obere Schmiede Memminger Str. 2, bevor er 1581 hier die Hauptstr. 9 erwirbt. 1595 ist (sein Sohn?) Hans Kretz Miteigentümer, ab 1598 Alleineigentümer. 1601 verkauft er die Hauptstr. 9 an Hans Muffa und erwirbt selbst das Haus Reichenbacher Str. 5, wo er ab 1604 gemeldet ist.

1610 gehört das Haus Martin Bertele. Es ist 1614 als Behausung, Stadel und Hofraithen mit einem Wert von 1050 fl beschrieben, gehörte damals also zu den größten und wertvollsten Gebäuden der Stadt. 1636 wird das Anwesen von Hans Christoph Wagner zu einem Wert von 800 fl erworben, der Wertverlust mag auf den Zustand nach dem 30-jährigen Krieg zurückzuführen sein.

Hans Christoph Wagner ist einer der reichsten Bewohner der Stadt. Vor 1651 erwirbt er auch das Nachbargrundstück Hauptstr. 7, und bricht dieses ab. Er übergibt den Bauplatz an seinen Sohn BM H.C. Wagner, der sich hier ein neues Haus baut. H.C. Wagner alt dürfte wenig nach Kauf und Übergabe von HS07 gestorben sein, denn er ist 1651 bereits als S: (selig = verstorben) bezeichnet. BM H.C. Wagner erbt HS09 und kauft um 1660 auch noch HS08 hinzu. Um 1674 verkauft er HS08 und HS09, bleibt selber auf HS07. Sein Sohn Christoph Wagner jung kauft 1674 die Georgenwirtschaft Memminger Str. 4 (wohl mit dem aus den Verkäufen HS08 und HS09 erhaltenen Geld). 1694 stirbt BM H.C.Wagner, sein Sohn erbt HS07 und verkauft dieses Haus. Die Georgenwirtschaft MM04 wird von Christoph Wagner jungs Sohn Franz ab 1716 weitergeführt.

1674 kauft Hans Link (Sohn des Sternwirts Michael Linckh, vorher Hauptstr. 13) den Engel für 800 fl. In diesem Jahr ist das erste Mal eine Braugerechtigkeit genannt, außerdem eine Stadelhofgerechtigkeit; wegen eines neu erbauten Stadels erfolgt ein Wertzuschlag von 100 fl. Link dürfte schon vor 1674 hier Bräuer gewesen sein, denn beim Gasthaus Kanne in der Memminger Str. 11 ist vermerkt, dass dessen Eigentümer Hans Dietsch beim Engelwirt Link das Bräuerhandwerk erlernt habe. Ab 1682 wird Hans Link als Bürgermeister geführt. 1692 heiratet Johann Link (Sohn des Hans Link) die Witwe des Lammwirts Christoph Stigele, übernimmt somit das Lamm, verkauft es 1693 aber an seinen Stiefsohn Michael Stigele. Auch 1692 verkauft Hans Link den Engel um 900 fl an seinen Schwiegersohn Mathes Schaich, Bräuer, und kauft 1694 das Nachbarhaus Hauptstr. 7, wohin er auch umzieht.

1706 erscheint Andreas Schaich, Sohn des Mathes Schaich, als Bräuer und Eigentümer, 1716 ist Anna Schaich als Engelwirtin genannt, nicht klar ob es sich hier um die Witwe oder eine Tochter handelt. Andreas Schaich hatte auch eine Sohn, Johann Georg Scheich, der in das Franziskanerkloster in Hechingen als Novize eintrat und seinen Erbteilsanspruch dorthin vermachte.

1729 ist Anton Keuffel, Sohn des Glockenwirts Johann Keuffel, neuer Eigentümer des Engel. Es ist nicht dokumentiert, wie der Besitzübergang vonstatten ging. Am 15.01.1735 heiratet Anton Keuffel die Witwe des Georgenwirts Ursula Zeller. Die Georgenwirtschaft Memminger Str. 4 gehörte ab jetzt auch zum Eigentum. Anton Keuffel mit Ehefrau Ursula gingen anschließend auf das Haus Kirchplatz 7 als Altenteil.

Der nächste Eigentümerwechsel lässt sich aus den Archivalien nicht genau nachvollziehen. Im Akt A 321-SG 24.1 ist ein Schreiben vom 05.11.1743 enthalten, in welchem der Goldochsenwirt (Schnaggele) Andreas Mayer einen Advocaten N. Nubling in Ulm wegen einer Schuldsache gegen [?] Käufel beauftragt. Im Zuge dieser Auseinandersetzung müsste Andreas Mayer Eigentümer des Engel geworden sein, indem sich Andreas und Eustach Mayer (Vater und Sohn) am 09.01.1756 wegen des Grundbesitzes [HS09 und MM21] auseinandersetzen. Im Jahr 1759 wird Andreas Mayer, Sohn des Metzgers Andreas Mayer [MM21] bereits als Engelwirt genannt. Zeitpunkt der formellen Übernahme ist aber erst der 14.11.1764, wobei der Wert auf 1400 fl beziffert wird. Das Winklersche Nebenhaus ist nicht mehr gesondert erwähnt, vermutlich wurde es in den Gesamtwert einbezogen. Im Urkataster1824 ist ein weiterer Stadel im Westen eingetragen, der Hauptstr. 9 zugeordnet ist. Hierbei handelt es sich um die Stadelhofstatt, die früher zu Martin-Kuen-Str. 1 gehörte. Ohne Nachweis wird hier ein Bau Ende des 18. Jhdts. vermutet.

In den nächsten Jahren wechseln die Eigentümer schnell. Am 23.01.1784 wird Franz Burkart genannt, 1786 ist Joseph Wieland der Wirt, ihm folgt Peter Tilger. Am 03.12.1795 tauschen der Engelwirt Peter Tilger und der Löwenwirt Nikolaus Klotz (Martin-Kuen-Str. 5) ihre Wirtschaften mit allen Rechten; Klotz zahlt ein Aufgeld von 500 fl. Vielleicht wollte Eva Klotz, verw. Fahrenschon, nicht mehr in dem Haus sein, wo sich ihr erster Mann erhängt hatte.

Klotz bleibt bis 1826, gefolgt von seinem Sohn Josef. 1850 erwirbt ein Josef Klotz (der Sohn?) den Gasthof zur Traube, Kirchplatz 7. Am 10.04.1851 geht der Engel an Sebastian Kircher und seine Ehefrau Walburga über. Gleichzeitig kauft das Ehepaar auch das (Haus oder Grundstück) Günzburger Str. 12.

1854 beantragt der Engelwirt Sebastian Kircher auf der Südseite seines Grundstücks, angrenzend an den Garten des Kajetan Jann, eine Gaststallung anzubauen. Die Nachbarn stimmen dem Bau zu unter der Voraussetzung, dass keine Fenster auf ihre Grundstücksseiten angebracht werden. 1858 verlegt Sebastian Kircher seine Malzdörre vom Dachboden in den 2. Stock. Das bisherige Gastzimmer wird von Holzgebälk befreit und massiv eingewölbt. Die Feuerung wird mit der Branntweinstube zusammengelegt. Der Brandversicherungsinspektor aus Dillingen stimmt der Malzdörre als Ausnahme zu, da sich die Feuersicherheit gegenüber dem Bestand wesentlich verbessere.

1858 verkaufte der Engelwirt Sebastian Kircher seinen Keller unter der Schrannenhalle an die Kommune verkauft und musste nun einen neuen Sommerbierkeller bauen. Er hat dafür vom Hasenwirt Anton Harder einen Acker an der alten Schießstätte im Tausch gegen einen Acker (Fl.Nr. 2144/2) am Ohnsang getauscht.

Neubebauung 1870

Der alte Gasthof Engel dürfte schon sehr alt gewesen sein, da seit der ersten Erwähnung 1475 keine Neubebauung erwähnt ist und auch keine anderen Fakten auf einen Neubau schließen lassen. Der Altbau war zweigeschossig und hatte mit ca. 12,50 m Breite und 15,40 m Länge eine stattliche Größe. 1870 stellte Matthias Kircher, Sohn des Sebastian Kircher, den Bauantrag für den jetzigen Bau. Im Jahr darauf, 1871, wurde auch ein neues Bräuhaus erstellt. Hierzu erwarb Kircher das Gebäude Martin-Kuen-Str. x, Hs. Nr. 35 alt, (ehem. Deutsches Schulhaus), brach es ab und errichtete das heute noch stehende Bräuhaus. Vermutlich im Zusammenhang mit diesem Neubau errichtete Mathias Kircher auch einen neuen Lagerkeller mit Fasshaus an der Roggenburger Str. 40.

1882 ist Johann Kircher als Bräuer geführt, ihm folgt spätestens 1895 Franz Kircher. Dieser erneuert die Umfassungsmauer am Stadel und baut ein Eishaus ein. 1917 kaufen Franz und Genovefa Kircher das Nachbarhaus Martin-Kuen-Str. 1. Am 25.04.1919 erhält der Sohn Adolf Kircher die Gaststättenkonzession zur Übernahme.

Im Jahr 1930 beschwert sich der Nachbar Josef Eberle, PJ06, dass vom Stadel im Löwengässchen wegen des schlechten Bauzustandes Mauer- und Holzteile herunterfallen.

1948 wird die Brauerei aufgegeben. Die Gaststätte wird verpachtet. 1954 erscheint Ottmar Rampp als Pächter.

Der Hasenwirt Anton Walser heiratet die Tochter Anna des Adolf Kircher.

1959 erscheint Josef Höller als Pächter, 1984 Helena Leitner.

Um 1970 wurde die Fassade renoviert und neue Einscheibenfenster eingebaut.

Sanierung 2015-17

2008 wurde ein Bauvoranfrage zum Neubau eines Hotels und Umbau des Gasthofs Engel eingereicht. Die Voranfrage wurde vom Stadtrat zurückgestellt und dem Bauherrn die Auflage gemacht, zuerst Gespräche mit den betroffenen Nachbarn zu führen. Diese Gespräche unterblieben, so dass der Antrag nicht zur Entscheidung kam. 2015 wurde dann die Gebäudegruppe Hauptstr. 9 einschl. Rückgebäude und dem freien Bauplatz Martin-Kuen-Str. 1 verkauft. Der neue Eigentümer sanierte den Gasthof Engel (HS09), brach das Rückgebäude teilweise ab und baut auf dem Grundstück Martin-Kuen-Str. 1 einen Neubau mit Tiefgarage.

Nach dem Abbruch und vor der Neubebauung wurde das Gelände intensiv archäologisch untersucht. Die Untersuchungsergebnisse wurden im Jahrbuch Geschichte im Landkreis Neu-Ulm 2019 veröffentlicht.

Quellen:

Quellen:
1, 2 Stadtarchiv Weißenhorn; Foto: Heimatmuseum Weißenhorn
3 Heimatmuseum Weißenhorn; Foto: Heimatmuseum Weißenhorn

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