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Das Untere Tor

Das Untere Tor ist das Pendant zum Oberen Tor: ein stattliches Stadttor mit Vorwerk und Zwingerbereich. Es gehört mit zu den meist fotografierten Motiven der Stadt.

Das Untere Tor wurde zwischen 1470 und 1480 erbaut, zeitgleich mit dem Oberen Tor, aber noch vor der Stadtbefestigung mit Mauern. Es hatte zuerst nur zwei Obergeschosse. Der Chronist Nikolaus Thoman [1]Nikolaus Thoman: Weissenhorner Historie, Erstausgabe 1876 nach den Handschriften, Neudruck 1968, Anton H. Konrad Verlag, Weißenhorn berichtet: Anno 27 [1527] ward der thuren am undern thor zway gedner höcher gepauen. Der Turm wurde also um 2 Stockwerke (Gaden) erhöht.

1528 wurde die Bastei vor dem Tor mit einbezogen (Anno 28 nach pfingsten ward die bastey vor dem undren thor mit der maur eingefast und bessert.)

Für die nächsten 300 Jahre sind keine weiteren Anmerkungen zu finden. Vielleicht könnten sich bei Durchsicht der städt. Rechnungsbücher aus dieser Zeit noch Hinweise auf Umbaumaßnahmen oder Reparaturen finden.

Im Jahr 1838 sollte das Untere Zollhaus, was sich ungefähr an der Stelle des heutigen Hauses Günzburger Str. 1 befunden hat, wegen Baufälligkeit abgebrochen werden. In diesem Haus wohnte der Pflasterzollpächter und für diesen musste man eine neue Wohnung bauen. Daher kam man auf die Idee, diese Wohnung unmittelbar östlich an das Untere Tor anzubauen. In diesem Zuge wurde auch die Fahrbahn durch das Tor um 3 Fuß (ca. 90 cm) tiefer gelegt, was auch die Durchfahrt für Fuhrwerke erleichtern sollte. Das heißt, der heute sichtbare Kalksteinsockel ist das eigentliche Fundament. Dies stellte sich auch bei der Kanalverlegung im Zuge des Ausbaus der Hauptstr. heraus: knapp unter der Geländeoberfläche endet das Fundament!

Hierüber ist im Bauplan A 114/14 ein Längsschnitt enthalten, der zeigt, dass der ‚Buckel‘ wohl auf die anschließende Brücke über den Stadtgraben zurückzuführen ist. Nachdem der nördl. Stadtgraben im Bereich der Bahnhofstr. bereits 1755 verfüllt wurde um hier einen Maulbeergarten zur Seidenraupenzucht anzulegen, bestand nach diesem Brückenbauwerk kein Bedarf mehr. Es ist im Akt zwar nicht erwähnt, aber es kann davon ausgegangen werden, dass diese Brücke bei dieser Baumaßnahme abgebrochen wurde.

Für den Anbau der Zollpächterwohnung forderte die Regierung von Schwaben und Neuburg eine Gestaltung mit Mauerzinnen, obwohl die nach Osten anschließende Stadtmauer zu dieser Zeit wohl schon nicht mehr bestanden hat. Die Außentreppe zum Erreichen des Turmes wurde wohl nicht gebaut. Die Bauzeichnung weist in der Mitte des Vorwerks bereits eine Fläche auf, die ein Gemälde getragen haben könnte. Vermerkt ist die Existenz eines solchen Gemäldes nicht.

1854 wurde eine neue Uhr auf den ‚Gänseturm‘ angeschafft.

1855 ist Johann Wagner als Bewohner der Wohnung verzeichnet, 1861 ist es Joseph Kögel (vorher AM11) und 1875 ist es Dionys Bretzel, vorher Jahnweg 2. 1882 ist kein Bewohner mehr genannt.

Zwischen 1897 und 1899 wurde im Zuge der Elektrifizierung der Stadt in das 4.OG des Turms eine Trafostation eingebaut.

Am 29.10.1899 gab Bgm. Zeller dem Magistrat bekannt, dass seine Schwester Anna Krautheim, Privatiere in Eichstätt, die Kosten für die Erneuerung des Freskogemäldes „Die Jünger auf dem Weg nach Emmaus“ am Unteren Tor mit einem ungefähren Betrag von 600 M übernehmen wolle. Die Ausführung solle der Maler Joseph Glötzle aus München übernehmen. Der Magistrat und die G.B. erklären sich bereit, die Kosten für das Gerüst und den Neuverputz der Wandfläche zu übernehmen. Demnach war schon vorher ein Gemälde mit gleichem Thema am Tor vorhanden. Der Magistrat beschloss am 04.05.1900, in diesem Zuge auch die Vortürme neu zu verputzen. Das Gemälde soll noch im Mai angebracht werden. Am 15.05.1900 gab die Akademie der bildenden Künste in München das Gemälde zur Ausführung frei.

Am 13.02.1908 bat die Stadt die BEW, die Trafostation aus dem Unteren Tor zu entfernen. Dies geschah trotz nochmaliger Bitte 1909 nicht. Auch die Forderung im Jahr 1912, die Trafostation im Unteren Tor müsse wegen Feuersgefahr und Bausicherheit entfernt werden, brachte kein Umdenken der BEW. Es ist nicht dokumentiert, wann die Trafostation endgültig entfernt wurde.

1909 wurde ein Plan zur Herstellung eines Fußgängerdurchgangs am Unteren Tor durch Luitpold Gaiser vorgelegt, der im Benehmen mit Konservator Angermaier aus München erarbeitet wurde. Hiermit wollte man einen sicheren Zugang für Fußgänger außerhalb der Fahrbahn schaffen. Die Wohnung des ehem. Pflasterzollhauses wurde hierbei im EG verkleinert. Die Durchführung verzögerte sich wegen des Einspruchs eines Nachbarn, der befürchtete, an den Kosten durch Umlage beteiligt zu werden, bis 1912. Auf Empfehlung des Generalkonservators Dr. Hager, München, wurde die Eckquaderung am Turm im Zuge der Renovierung übertüncht. Die eichenen Balustraden wurden 1911 von Schreinermeister Adolf Beyer hergestellt. 1912 wurde auch die Uhr im Unteren Tor durch Einbau eines neuen Uhrwerks durch die Fa. Pechmann in Roggenburg repariert. Außerdem wurde der Kuppelknopf und die Windfahne vergoldet und außerdem ein Blitzableiter angebracht.

1926 wurde wegen der allgemeinen Wohnungsnot der Antrag gestellt, die Wohnung im unteren Tor wieder zu vermieten. Dies wurde aber abgelehnt, da auch kein Abort vorhanden sei.

1937 wurden die Vortürme wieder renoviert. Hierbei sollte in der Bildnische ein neues Fresko angebracht werden, welches der Weißenhorner Maler Anton Bischof ausführen sollte, der schon 1921 das neue Fresko am Oberen Tor geschaffen hatte. Kunstmaler Anton Bischof fertigte 3 Entwürfe für dieses Wandbild. Entwurf 1 stellte die ‚Errettung Weißenhorns durch die Fugger-Gräfin Juliane vor der Brandschatzung im Jahr 1632 durch den Herzog von Weimar‘ dar, Entwurf ist nicht überliefert und Entwurf 3 beinhaltete die ‚Aufhebung der Pfandschaft durch Herzog Ludwig und Bestätigung des Stadtbuchs 1472/73‘. Der Preis wurde mit 700-800 RM beziffert. Ratsherr Wörz befürwortete den ersten Entwurf, das Landesamt für Denkmalpflege sprach sich aber für den 3. Entwurf aus, der vom Stadtrat allerdings als keine besonders glückliche Lösung erachtet wurde, weil das Bild vom beabsichtigten ‚volkstümlichen‘ zugunsten des absoluten ‚monumentalen‘ sehr weit abgehe. Zur Vermeidung von Verzögerungen wurde von weiteren Schritten abgesehen, der Stadtrat lehnte aber eine Verantwortung ab, da er bei der Auswahl nicht gehört worden sei.

Bei dieser Renovierung wurden die Wappennischen mit Eselsrückenbogen auf der Nordseite rechts und links zugemauert; dafür zwei schmale Nischen neben dem Fresko geschaffen. Diese sollen wohl die Führungen der Zugbrücke darstellen. Ob diese auf historischen Befund beruhen ist nicht bekannt.

Während des 2. Weltkriegs waren von 1942-45 französische Kriegsgefangene im 4. OG, dem Ort der ehem. Trafostation, untergebracht; datierte Wandinschriften und Zeichnungen sind noch vorhanden.

1965 wurde das Tor wieder renoviert. Der Putz des Torturmes, nicht jedoch der Vortürme, wurde abgeschlagen und durch eine Vandex-Zementschlämme ersetzt, um den Feuchtigkeitsschäden zu begegnen. Der Turm wurde auf Empfehlung des Landesamtes für Denkmalschutz in einem dunklen Ziegelrot gestrichen; die Farbgebung ging jedoch nicht auf einen Befund zurück.

1983 zeigten sich wieder Feuchteschäden. Man beabsichtigte eine erneute Renovierung. Wegen mangelnder Zuschusszusagen wurden die Arbeiten aber nicht durchgeführt, lediglich das Fresko wurde durch Ludwig Amann restauriert.

Von 1991-93 wurde der Turm dann im Zuge der Altstadtsanierung und des Städtebauförderungsprogramms saniert. Farbgebung und Gestaltung wurden gem. Befund des 19. Jhs. wieder hergestellt. Der Wehrgang im Zwinger wurde in einer schlichten Form rekonstruiert. Bei der Reparatur der Wetterfahne wurden im Inneren der Kugel Dokumente des Jahres 1937 gefunden. Die Texte wurden gesichtet und ergänzt. Unter Beigabe zeitgenössischer Dokumente wurde die Kugel wieder verschlossen und erneut angebracht. Die Idee, in den Turm über alle Stockwerke hinweg eine Wohnung einzubauen wurden nicht realisiert, weil die erforderlichen Brandschutzvorschriften nicht eingehalten werden konnten.

2018 wurde der Anstrich erneuert.

Quellen:

Quellen:
1 Nikolaus Thoman: Weissenhorner Historie, Erstausgabe 1876 nach den Handschriften, Neudruck 1968, Anton H. Konrad Verlag, Weißenhorn
2, 3, 4 Stadtarchiv Weißenhorn; Foto: Heimatmuseum Weißenhorn
5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14, 15 Heimatmuseum Weißenhorn; Foto: Heimatmuseum Weißenhorn

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