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Die Bahnhofstraße

Vor dem Straßenbau

Die Bahnhofstraße wurde im Zuge des Eisenbahnbaus um 1875 angelegt. Sie bestand zuvor aus einem Fußweg, der auf der Dammkrone zwischen den Gräben der alten Stadtbefestigung verlief. Ihren Namen erhielt die Straße im Jahr 1921, als flächendeckend in der Stadt das Ordnungssystem aus Straßen und Hausnummern eingeführt wurde. Sie weist eine Länge von ca. 280 m auf und verbindet die Günzburger Str. mit der Herzog-Georg-Str.

Das Gelände der Bahnhofstraße war ursprünglich Teil der Stadtbefestigung, die aus der Stadtmauer und zwei Gräben bestand, zwischen denen ein Damm mit einem Fußweg auf der Dammkrone verlief.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert kam der Wunsch in ganz Europa auf, Seidenraupen zu züchten um Seide aus eigener Produktion herstellen zu können. Da sich Seidenraupen ausschließlich von Maulbeerbäumen ernähren, wurden überall Maulbeergärten angelegt, deren Anpflanzung von den jeweiligen Regierungen gefördert wurden. So förderte auch die Vorderösterreichische Regierung in Burgau solche Gärten und auch Weißenhorn bewarb sich 1755 um einen solchen Garten, der hier im Bereich der ehemaligen Stadtgräben angelegt wurde, die hierzu verfüllt wurden.

Trotz der Förderung durch die Regierung stellte man aber fest, dass diese Bäume hier nicht gedeihen und holte sich daher bei der Regierung die Genehmigung ein, den Seidengarten zu verkaufen. Mit Bekanntmachung vom 20.08.1784 wurde der Verkauf an den Meistbietenden bekannt gemacht. Bei der Versteigerung trat der Fugg. Pfleger Michael Deinsel vor und reklamierte für das Grundstück ein Vorkaufsrecht der Fugger. Der Graben sei 1773 der Stadt überlassen worden. Die Herrschaft reklamierte daher das Ergebnis der Versteigerung für sich. Dennoch wurde die Versteigerung fortgesetzt und Xaver Amann, Fleischhacker, gab mit 190 fl für den Seidengarten und 302 fl 24 x für den Graben das höchste Gebot ab. Das Vorliegen eines Vorkaufsrechts wurde von der Regierung aber nicht bestätigt, da ein solches in dem Vertrag von 1773 nicht erwähnt sei.

In der Bahnhofstraße befand sich auch – ungefähr im Bereich der ehemaligen Post – der sogenannte ‚Deichel-Teich‘. In diesem wurden die hölzernen Wasserleitungsrohre, Deicheln genannt, im Wasser aufbewahrt und so vor dem Austrocknen geschützt. 1841 wurde der Teich nicht mehr benötigt und für 2 fl 15 x an Johann Thalhofer verkauft.

Bereich Bahnhofstraße, Urkataster 1823

Die Posthalterswitwe Marianne Bachthaler beantragt 1865 einen Bauplatz von der Stadt zu kaufen, da sie nach Übergabe der Posthalterei an ihren Sohn ein neues Wohnhaus brauche. Sie schlägt vor, die Gärten am Unteren Tor als Bauplätze auszuweisen und zum Verkauf zu versteigern. U.a. wird erwähnt „Plnro 134, auf welchem zur Zeit die nicht mehr benützt werdende Thurnschule angebracht ist“. Der Magistrat gibt einen Bebauungsplanentwurf bei Maurermeister Deibler sen. in Auftrag, welchen dieser am 04.05.1866 fertigt.

Bei der Beratung des Planes stellte der Magistrat aber fest: „Da aus dem hergestellten Situationsplan zu entnehmen, daß der Häuser-Einbau in die zu verkaufende Communal-Fläche die vorbeiführende Promenade verunzieren würde, so beschließt der Stadtmagistrat, daß vom Magistratsbeschluße vom 20. vor. Mts. abzugehen, sofort auf einen Verkauf fragl. Gärten im öffentlichen Aufstriche nicht einzugehen sey.“ Die Kommunalgärten wurden dann also nicht als Bauplätze parzelliert, sondern noch einmal als Gärten verpachtet.

Bau der Straße

Im Sommer des Jahres 1877 wurde mit dem Bau der Eisenbahnstrecke Senden-Weißenhorn begonnen. Bei der Planung der Eisenbahnlinie Senden-Weißenhorn platzierte man das Bahnhofsgebäude so, dass man den bestehenden Fußweg im Stadtgraben gerade verlängern konnte, so dass das Empfangsgebäude genau in der Sichtachse dieser Straße zu liegen kam. Nun wurde es an der Zeit, bis zur Eröffnung der Eisenbahnstrecke auch eine straßenmäßige Verbindung zur Stadt herzustellen, damit die Eisenbahn auch an das örtliche Verkehrsnetz angebunden war. Die Stadt beschloss daher einen Baulinienplan für die zuerst ‚Eisenbahnstraße‘ genannte Verbindung herzustellen, eine Straße zu planen und zu bauen, in deren Verlauf zwei mal die Roth mit Brücken gequert werden musste. Nach Ablauf der Pachtverträge für die Gärten vor dem Unteren Tor am 01.10.1877 beschloss der Magistrat, die Gärten nicht mehr zu verpachten sondern die Grundstücke als Bauplätze zu parzellieren und zu verkaufen. Die Gemeindebevollmächtigten stimmten diesem Vorgehen am 25.11.1877 zu. Der Stadtmagistrat legte in einem Bebauungsplan die Verkaufsbedingungen für die Grundstücke fest. U.a. wurde hierin eine zweigeschossige Bauweise festgeschrieben und das Verbot, Eingangsstufen auf dem Gehweg zu errichten. Der Bebauungsplan umfasste auch gleich den Bereich der östlichen Promenmade mit.

[2]Stadtarchiv Weißenhorn [Foto: Heimatmuseum]

Am 15.02.1878 fand die Versteigerung der Bauplätze statt. Es gab aber nicht genug Interessenten für alle Bauplätze, aber Joh.Nep. Laupheimer wäre bereit gewesen gleich mehrere Bauplätze zu kaufen, was man ihm aber nicht zugestand. Da nicht alle Bauplätze verkauft wurden, bot die Stadt die restlichen Plätze zur Pacht als Gärten an. Am 09.05.1878 wurden die Garten-Parzellen rechts und links der Bahnhofstraße versteigert. Als einziger Interssent erschien der Gerber Michael Deibler jun. für die Parzellen 11+12 (BS06). Wegen des mangelnden Interesses an den Grundstücken überließ man die Gartenflächen südlich der Bahnhofstraße dem Turnverein als Turngarten. Der Verein hatte diese Fläche auch schon vor dem Straßenbau genutzt.

Die Straße war zum Zeitpunkt der Grundstücksversteigerungen bereits fertig. Der Magistrat entschied sich bei den Brücken für das Projekt einer Holzausführung mit beidseitigem Trottoir. Die Straße war nur wassergebunden befestigt.

Die Straße bis 1920

Lageplan der Bahnhofstraße im Jahr 1880

Die Schilleranlage

Nachdem die Roth zwischen 1875 und 1890 im Bereich der Unteren Mühle reguliert werden sollte, wurde 1878 der daraus entstehende Kommunalgrund pachtweise an den Verschönerungsverein zur Herstellung einer Grünanlage überlassen. Der rührige Verein legte die Grünfläche in Eigenregie an. Es wird bezweifelt, ob das Wegenetz der Schilleranlage wirklich so kleinteilig und verschlungen war wie im Lageplan dargestellt, oder ob es sich nicht um eine Symboldarstellung der Karthographen handelt, besonders weil andere Grünflächen der Stadt mit demselben Muster dargestellt sind und die Wegeführung in den Plänen der Maßstäbe 1/1000 und 1/2500 unterschiedlich ist.

1913 beantragte der Verschönerungsverein, in der Schilleranlage einen Springbrunnen aufzustellen. Das Bezirksamt hatte keine Bedenken gegen den Brunnen (Fontäne), aber gegen die Art der gärtnerischen Gestaltung. Das Amt Bad um Einschaltung des Vertrauensmanns für den Naturschutz, Herrn Stadtsekretär Reichl. Der Brunnen wurde danach vom Verein aufgestellt, allerdings reichten die Finanziellen Mittel nicht aus, daher beantragte der Verein am 13.05.1914 die Übernahme der nicht gedeckten Kosten. Am 15.05.1914 stimmte der Magistrat zu, die Gemeindebevollmächtigten hatten allerdings Vorbehalte und forderten die Vorlage der Rechnungen. Hierüber zeigte sch der Verein etwas indigniert. Die Stadt übernahm dennoch die ungedeckten Kosten in Höhe von 328,64 M. Der Brunnen durfte nur vom städt. Arbeiter Baur bedient werden. Leider sind von diesem Brunnen keine Bilder oder Zeichnungen bekannt. Die Neuvermessung des Jahres 1921 dokumentiert aber Standort und Grundriss dieses Brunnens. Hiernach war das Brunnenbecken ein Rechteck mit einseitig unter 45° abgeschrägten Ecken und befand sich an der Stelle des jetzigen Postamts. Dem Brunnen war kein langes Leben beschieden. Nach nur 18 Jahren wurde er im Jahr 1932 für den Neubau des Postamtes aufgegeben.

Am 04. 09. 1960 wurde eine durch den Kneipp-Verein gebaute Wassertretanlage in der Schilleranlage der Öffentlichkeit feierlich zur Benützung übergeben. 1962 kam noch ein Armbadebecken hinzu. Leider sind hierüber keine Pläne vorhanden, so dass der Standort der Anlage nicht eindeutig lokalisiert werden konnte. Auch fehlt noch eine Angabe, wie lange die Anlage in Betrieb war. Vielleicht weiß irgendjemand hierüber etwas Näheres?

1920-1950

In der Sylvesternacht 1921/22 um 03:15 Uhr wurde auf das Haus Bahnhofstr. 10 des Rechtsanwalts Wellner ein Bombenattentat verübt, bei dem erheblicher Sachschaden (250.000 M) entstand. In die offene Loggia wurde eine Bombe geworfen. Ein Täter konnte nicht ermittelt werden. Von der Brandversicherung erhielt Wellner keine Leistungen, da ein Bombenwurf nicht zum Versicherungsumfang gehört. Das Innenministerium gewährte jedoch scheinbar einen Zuschuss zur Reparatur, weswegen das Ministerium für soziale Fürsorge keinen weiteren Zuschuss mehr gab. Die Stadt hingegen gewährte Herrn Wellner ein Wohnungsbaudarlehen aus Landesmitteln. Nach dem Attentat wurde die kleine Loggia im Obergeschoss zugemauert. Scheinbar wollte (oder konnte) Wellner in diesem Haus nicht weiter wohnen, so dass bereits 1922 ein neuer Eigentümer auftritt.

Seit 1925 suchte die Deutsche Reichspost nach einem Standort für ein neues Postamt in weißenhorn, welches vorher im Gebäude An der Mauer 2 (Heimatmuseum) untergebracht war. 1927 wurde der Post der Bauplatz in der Schilleranlage überlassen. Die Post hielt aber die vereinbarte Bauverpflichtung bis 1929 nicht ein und begann erst 1930 mit dem Bau, der 1931 eingeweiht wurde. Die Reichspost setzte sich damals sehr für zeitgemäßes Bauen ein und errichtete ein wohlproportioniertes Gebäude, welches mittlerweile unter Denkmalschutz steht. Die Post nutzte den Bau bis 2004.

Im Jahr 1935 wurde die Bahnhofstraße als erste Straße in Weißenorn versuchsweise geteert.

Im Jahr 1935 geriet die Goldwarenfabrik Kurz in der Bahnhofstr. 11a in finanzielle Schwierigkeiten. Das Gebäude wurde von der Sparkasse im Hypothekenwege übernommen. Der Sparkassenleiter Xaver Schwandner kümmerte sich um eine Verwertung des Gebäudes. Ein Umbau zu Wohnungen kam nicht zum Tragen, auch kein Verkauf zu gewerblicher Nutzung. 1936 kaufte die Stadt das Gebäude und baute es zu einer landwirtschaftlichen Haushaltungsschule mit Vollinternat umbaute. Auch der Landkreis Krumbach gehörte ab dann zum Einzugsbereich der Schule. Die landwirtschaftliche Haushaltungsschule wurde vom Fuggerschloss dorthin verlegt. 1937 wurde das Schulangebot um eine Oberrealschule für Jungen erweitert. Diese wurde 1951 durch den „Zweckverband Ober-Realschule Weißenhorn“, dessen Träger je zur Hälfte der Landkreis Neu-Ulm und die Stadt Weißenhorn waren, übernommen. Die Schule blieb hier bis zum Neubau des Nikolaus-Kopernikus-Gymnasiums im Jahr 1966.

1950-1990

In den 50er- und 60er-Jahren schwappte eine Modernisierungswelle durch die Bahnhofstraße, bei der dem Zeitgeist entsprechend viele Häuser ihre architektonischen Gliederungselemente verloren.

1963 errichtete die Volksbank Weißenhorn gegenüber der Post ihre neue Zweigstelle und zog von der Östlichen Promenade 9 hierher um.

1967 wurde in der Bahnhofstraße ein Regenüberlauf als Entlastung der Kanalisation eingebaut

Nachdem die Zweckverbandsoberrealschule in das neue Nikolaus-Kopernikus-Gymnasium umgezogen war, erwarb die kath. Kirchenverwaltung das städtische Gebäude Bahnhofstraße 11a und baute es zu ihrem Gemeindezentrum um. Das Gebäude hieß von nun an „Christophorushaus“.

Die Bahnhofrestauration wurde 1926 mit einem Mansarddach versehen. Sie wurde ab 1975, 8 Jahre nach Einstellung des Personenverkehrs auf der Eisenbahn, nicht mehr verpachtet. Aufgrund des schlechten Allgemeinzustandes wurde das Gebäude nicht mehr bewohnt. 1976 erwarb der Baustoffhändler Rast & Steiger das Gebäude und wollte die Bahnhofsrestauration abbrechen und mit in das Gelände seines Baustoffhandels einbeziehen. Der Abbruch kam nicht zustande, der Biergarten wurde aber abgeholzt und in die Lagerfläche einbezogen. Das Gebäude erwarb die Volksbank Weißenhorn.

Nach dem Kauf des Grundstücks durch die Volksbank wurde der ehemalige Biergarten an der Einmündung in die Herzog-Georg-Straße mit einem Wohn- und Geschäftshaus im Stil der 80er-Jahre bebaut, wo sich der erste Baumarkt der Stadt etablierte.

Im Jahr 1985 wurde dann auch die Bahnhofrestauration abgebrochen, weil man sie für nicht erhaltensfähig hielt. Die so entstandene Freifläche wurde zu einem Parkplatz ausgebaut. Als Remineszenz an die alte Situation wurden die Grundmauern der Bahnhofrestauration ca. 1 m hoch stehen gelassen bzw. zu einer Abgrenzungsmauer des Parkplatzes verwendet.

Aktueller Bestand

1981 wurden die alten Rothbrücken abgebaut und durch Neubauten ersetzt. Auch die Straße wurde ausgebaut, erhielt neue Gehwege mit Parkbuchten und eine neue Beleuchtung.

2008 wurde der Regenüberlauf umgebaut und um einen Entlastungskanal ergänzt

Dem Gebäude Bahnhofstraße 15 war kein langes Leben beschieden. Im Jahr 2000 entschied sich die Raiffeisenbank (vormals Volksbank) Weißenhorn ein neues Geschäftsstellengebäude zu errichten und erwarb hierzu umfangreiche Flächen im Bereich Herzog-Georg-Str. 18-20, u.a. auch das Gebäude Bahnhofstr. 15. 2005 wurde der Neubau des Bankgebäudes in der Herzog-Georg-Str. begonnen. Der an der Herzog-Georg-Str. liegende Flügel des Gebäudes Bahnhofstr. 15 wurde abgebrochen, der in der Bahnhofstr. liegende Teil wurde wohlproportioniert umgebaut und erhielt ein Walmdach.

Das alte Bankgebäude in der Bahnhofstr. 11 wurde 2006 abgebrochen und durch ein neues Wohn- und Bürogebäude in aktueller Architektur mit Flachdach ersetzt.

Doch auch das Haus Bahnhofstr. 15 blieb in dieser Form nicht mehr lange bestehen. Da die Räumlichkeiten dort nicht mehr den Anforderungen der Bank genügten, wurde das Haus 2016 abgebrochen und durch einen Neubau in gleicher Gestaltung wie die Hauptgeschäftsstelle ersetzt. Hierdurch wurde ein neuer städtebaulicher Akzent an dieser Stelle gesetzt.

Quellen:

Quellen:
1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8 Stadtarchiv Weißenhorn [Foto: Heimatmuseum]

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