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Der Brunnen am Kirchplatz

Der heutige Brunnen am Kirchplatz ist mindestens der vierte Brunnen und am dritten Standort des Brunnens. Über diesen Brunnen wurde immer schon viel diskutiert, am meisten aber wohl bei der Sanierung des Kirchplatzes 1985-88. Wer erinnert sich noch daran?

Die alten Brunnen [1]Der Beitrag basiert in weiten Teilen auf der Veröffentlichung von Magdalena Günther ‚Brunnen und frühe Wasserversorgung in Weißenhorn‘ im Buch ‚Weißenhorner Profile, 2010‘

Der erste Röhrenbrunnen in Weißenhorn wurde im Zuge der Wasserleitung 1538 hergestellt, da die alten Schöpf- und Pumpbrunnen nicht genügend Wasser brachten, um Mensch und Vieh ausreichend zu versorgen. Es ist anzunehmen, dass es sich bei diesem Brunnen um den bei der Stadtkanzlei gehandelt hat, weil man einen solchen Brunnen wohl innerhalb der Stadtmauern errichtete. Dieser Brunnen wird auch oft als „alter Kirchplatzbrunnen“ oder „Oberer Brunnen“ bezeichnet. Über Form und Ausstattung dieses Brunnens ist nichts bekannt.

Aus dem Jahr 1574 ist eine Kostenaufstellung erhalten über 132 fl 39 x, die einen Röhrenkasten beschreibt, der von einem Bürger zu Ulm hergestellt wurde [2]A 116/1. Es ist nicht erkenntlich, ob es sich um eine Reparatur oder die Neuaufstellung eines weiteren Brunnens handelt. Letzteres ist wahrscheinlicher, wenn auch der Standort dieses Brunnens nicht ersichtlich ist.

1613 wurde wohl eine erste Reparatur durchgeführt. Es ist eine Rechnung des Ulmer Rothschmieds und Glockengießers Hans Braun über 22 fl 30 x für Rohre und Hahnen vermerkt. Aus der Bemerkung, der alte Hahn sei für 1 fl 36 x in Zahlung genommen worden, ist auf eine Reparatur zu schließen. 1674 wird in der Stadtrechnung vermerkt, dass ein Rothschmid von Ulm 4 Brunnenröhren aus Messing hergestellt habe. Aus dem gleichen Jahr ist auch eine Aufstellung über Kosten zu einem Brunnen enthalten. Diese betragen insgesamt 134 fl 44 x. Es ist nicht zu klären, zu welchem Brunnen diese Kosten gehörten. Bei den hohen anteiligen Kosten für den Röhrenkasten von 65 fl kann es sich auch um den Neubau eines Brunnens gehandelt haben.

Mit Sicherheit aber ist ein Neubau in den Jahren 1740 bis 1742 belegt. 1740 erhielt der Steinmetz Johann Michael Jagmeth aus Markdorf bei Friedrichshafen den Auftrag, einen neuen Röhrkasten aus Stein zu errichten. Zwar ist der Standort des zu erneuernden Brunnens nicht vermerkt, nach Vergleich der Stadtrechnungen aber ist wegen der zeitlichen Abfolge davon auszugehen, dass es sich um den Brunnen am Kirchplatz handelt. [3]Es ist nämlich sehr unwahrscheinlich, dass die Nepomuk-Figur des Hauptplatzbrunnens erst im Oktober 1740 repariert und dann knapp ein Jahr später der ganze Brunnen inklusive Figur erneuert wurde … Continue reading Der neue Kirchplatzbrunnen sollte mit einer Marienfigur versehen werden. Sie wurde nach der Stadtrechnung von 1741 von Leonard Miller für 32 fl geschaffen und von Joh. Jacob Kuen für 3 fl 36 x zur gleichen Zeit gefasst. Der von Jagmeth angefertigte Brunnen wurde im August 1741 aufgestellt und am 23.10.1741 mit 325 fl bezahlt. Auch dann erhielt der Fuhrmann, der die Steine von Lindau nach Weißenhorn bereits im Frühjahr transportiert hatte, erst seinen Fuhrlohn von 156 fl.

Die Steine hierzu wurden in einem Steinbruch in „Salmanßswil“ gebrochen und von Rohrschach über den Bodensee nach Lindau verschifft. Von dort aus wurden sie von einem Fuhrmann aus Dietenheim nach Weißenhorn transportiert. Ein Ort dieses Namens ist heute nicht mehr zu finden. Als Kloster Salmansweiler wurde früher das Kloster Salem bezeichnet, das liegt aber nicht in der Schweiz.

Die im Kontext des Schriftverkehrs erwähnte Marienfigur wurde nach der Stadtrechnung 1741 von Leonard Miller für Rechnung vom 23.12.1741 für 32 fl geschaffen und von Joh. Jacob Kuen für 3 fl 36 x zur gleichen Zeit gefasst. Der Brunnen wird als Achteck beschrieben, die Ausführung von Fratzen ist im Schriftverkehr von 1740/41 besonders erwähnt. Über die Herstellung des Brunnens und die damit verbundenen Schwierigkeiten, bes. den Transport der Steine, ist ein interessanter Schriftwechsel vorhanden. Zufällig wurde auch die Wassertechnik des neuen Brunnens am Kirchplatz von einer Firma aus Markdorf am Bodensee hergestellt.

In dieser Bestandsaufnahme ca. aus dem Jahr 1850 zur Versetzung des Brunnens auf den Hauptplatz ist der Brunnen als Achteck, allerdings mit einer Zeichnung der Heiligenfigur eines Nepomuk dargestellt. Nach dem Schriftverkehr hätte der Brunnen mit einer Marienfigur bekrönt sein müssen. Vielleicht hat der Zeichner den Nepomuk schon in den plan zur Versetzung des Brunnens auf den Hauptplatz eingefügt, weil der Nepomuk zum Hauptplatz gehört.

Aufstellung eines neuen Brunnens auf dem Kirchplatz [5]A117/35

Am 20.12.1850 beschloss man, einen neuen Kirchplatzbrunnen zu bauen. Dieser sollte aber nicht an der alten Stelle, der Einmündung des Wettbachs, zu stehen kommen, sondern mitten auf dem Kirchplatz. So entschied man knapp 3 Monate später, den alten Kirchplatzbrunnen von der Bräuhausgasse auf den Hauptplatz zu versetzen, da in so geringem Abstand nicht zwei Brunnen nebeneinander benötigt wurden und der Hauptplatzbrunnen erneuert werden musste. Deshalb wurde eine Bestandszeichnung angefertigt, die den alten Brunnen darstellt. Der Brunnen vom Kirchplatz wurde aber nicht auf dem Hauptplatz weiterverwendet, da sich das alte Steinmaterial als nicht mehr brauchbar herausstellte. (Das alte Mittelstück des Brunnens mit den Auslässen und Fratzen wurde bei der späteren Metzgerei Schmid (Wettbach 2) als Prallstein verwendet, kam beim Ausbau des Wettbach im Jahr 2002 wieder zum Vorschein und dient jetzt als Sockel für eine Pflanzschale).

Die Stadt ließ einen Plan für den neuen Kirchplatzbrunnen anfertigen. Dem Geschmack der damaligen Zeit entsprechend sollte der Brunnen aus Guss­eisen hergestellt werden. Nach Anfrage bei verschiedenen Hütten­werken fertigte Maurermeister Deibler einen eigenen Entwurf, den das Landgericht Roggenburg aber für „in Architektur und Detail verfehlt“ hielt. Außerdem hätte er nach einem Angebot der Gießerei in Sonthofen die stolze Summe von 8600 fl gekostet. So forderte die Regierung von Schwaben als Aufsichtsbehörde einen neuen Entwurf durch einen „kunstgeübten Architekten“. Deshalb baten die Weißenhorner Gemeinde­bevoll­mächtigten schließlich den königlichen Civil­bauinspektor Freiherr von Stengel (der zu der Zeit mit der Neuplanung es Rathauses beauftragt war), einen Entwurf anzufertigen. Dieser klagte aber über Arbeits­überlastung und empfahl der Stadt, doch ein Brunnenmodell der Gießerei Wasseralfingen zu nehmen. Dabei verwies er auf die Zeichnungen Nr. 91 und 102 , die er am geeignetsten fand.

Danach wurde der Plan, einen Brunnen zu bauen, vier Jahre lang nicht mehr weiter verfolgt. Wahrscheinlich war das Geld wegen anderer Bau­maßnahmen nicht vorhanden. Erst am 25.07.1856 wurde schließlich beschlossen, den Brunnenentwurf Nr. 102 des Hüttenwerks Wasseralfingen zu beschaffen. Auch der Beschluss, den alten Brunnen auf den Kirchplatz zu versetzen wurde wiederholt. Die Regierung von Schwaben bezog mit einem Schreiben vom 29.09.1856 Stellung, der Brunnen Nr. 91 sei dem der Nr. 102 in ästhetischer Hinsicht vorzuziehen, und weil dieser Brunnen auch schon für die Stadt Füssen genehmigt worden sei, wäre eine Genehmigung in diesem Fall nicht erforderlich. So entschloss man sich, diesem Gutachten zu folgen und beauftragte den örtlichen Eisenwarenhändler Kircher mit der Besorgung des Brunnens.

Der Brunnen auf dem Kirchplatz wurde also noch vor dem Einsturz der alten Stadtpfarrkirche am 22.02.1859 errichtet. In die Gestaltung des Kirchplatzes nach dem Neubau der Kirche wurde er auch mit einbezogen, sodass sich ein harmonisches Bild ergab. Er ist durch zahlreiche Fotos dokumentiert.

Im Jahr 1915 wurde der zuvor reparierte Brunnen durch den Malermeister Albert Heinle, den Gründer des Weißenhorner Heimatmuseums, für 93 Mark neu angestrichen (Bauakten Stadt Weißenhorn). 1924 wurde der Brunnen auf dem Kirchplatz an die neue städt. Druck-Wasserleitung angeschlossen.

Von da ab sind die Quellen sehr dürftig, auch ein genauer Zeitpunkt des Abbaus ist nicht dokumentiert. Zwischen 1942 und 1944 wurde der Brunnen auf dem Kirchplatz entfernt. Hierzu befindet sich kein Beschluss des Stadtrates in den Sitzungsbüchern. Unbestätigte Quellen vermuten eine Verwendung im Zuge von Metallsammlungen während des 2. Weltkriegs. Am 28.02.1942 wurden die Glocken der Stadtpfarrkirche abgenommen. Der Brunnen könnte zur gleichen Zeit entfernt worden sein. Der Kirchplatz blieb danach ca. 45 Jahre ohne Brunnen.

Der neue Brunnen von 1985

Im Zuge der Altstadtsanierung wollte man schließlich den Kirchplatz wieder durch einen Brunnen verschönern. Am 03.12.1984 stellte der Architekt der Neugestaltung des Kirchplatzes, Herr Dr. Amslinger, die Gesamtplanung für den Kirchplatz vor. Hierbei war bereits ein achteckiger Brunnen vorgesehen, den sich der Planer möglichst schlicht als „Modell 85“ vorstellte. Diese Auffassung wurde im Stadtrat ohne Beschluss weitgehend geteilt.

Auf Anregung einiger Stadträte beschloss man dann aber doch einen offenen Wettbewerb, an dem sich die örtlichen Künstler, aber auch alle Bürger beteiligen können sollten. Die Wettbewerbsausschreibung erfolgte am 11.01.1985 im Stadtanzeiger. Dabei rief Bürgermeister Berchtenbreiter die Bürger auf, ihre Ideen einzureichen, allerdings sollten dabei folgende Kriterien berücksichtigt werden: „Der Durchmesser des Achtecks soll 300 bis 350 cm betragen, die Höhe des Beckens soll die Draufsicht auf die Wasserfläche (70 bis 100 cm) gewährleisten. Der Brunnen selbst kann aus Stein (Granit) oder Metall (Guß) sein. Plastischer Zierat und Wasserführung sind Gegenstand des Entwurfes, Maßstäblichkeit und Angemessenheit Kriterien der Beurteilung.“ [13]Brief Dr. Amslingers an Stbm. Lieb, eingegangen am 24.Dez. 1984

Zu diesem ausgerufenen Ideenwettbewerb reichten bis zum 1. März 1985 sieben Bürger, die z. T. künstlerisch tätig waren, ihre Entwürfe ein. In der Presse wurden die eingegangenen Vorschläge wie folgt beschrieben:

„Karl und Arno Berschin hatten einmal die Idee eines achteckigen Brunnenbeckens mit den Varianten einer Figurensäule, eines Wappensteines und einer Wasserschale. Der weitere Entwurf sieht in der Mitte des Brunnenbeckens eine Säule mit einer kleeblattförmigen Wasserglocke vor.

Einen achteckigen Brunnen mit einer Sebastian-Sailer-Figur auf einer Säule in der Mitte des Brunnenbeckens und Tafeln mit Szenen aus den Theaterstücken von Sailer außen am Brunnenbecken hat Heinz Schultheiß entworfen. Als Variante hatte er die Idee eines runden Brunnenbeckens mit der Mutter Gottes auf einer Säule.

An die im vergangenen Jahrhundert abgebrochene einstige Stadtbefestigung mit ihren Türmen erinnert das Modell von Jürgen Kohler. Über dem Brunnen­becken sind der Weppachturm, der Keserturm, der Pfaffenturm und der Turm an der Mauer, so wie sie einst aussahen, dargestellt.

Beim achteckigen Brunnen von Rudi Knoll sollen neun Wasserfontänen die neun Stadtteile symbolisieren. Die Säulenfigur in der Mitte des Brunnen­beckens soll Mariä Himmelfahrt darstellen. Ein weiterer Vorschlag, eine himmelwärts entschwebende Frau, soll daran erinnern, dass der heutige Kirch­platz bis vor einigen Jahrhunderten der Weißenhorner Friedhof war. Günter Groer hatte vier Varianten mit Bezug auf das Weißenhorner Stadt­wappen erdacht. Ein achteckiger Brunnen mit verschiedentlich angeordneten Hörnern, aus welchen Wasser fließt oder strömt.

Als einziger hatte Thomas Schulz die Idee eines neuneckigen Brunnenbeckens. Er nahm dabei Bezug auf die neun Stadtteile. In der Mitte des Beckens steht eine Säule mit drei Wasserschalen übereinander und darüber eine Bronzeplastik „Mariä Himmelfahrt“.

Carola Strassers Idee sieht ein recht­eckiges Brunnenbecken vor, in welchem auch Blumenkästen über dem Wasser befestigt bzw. situiert werden können. In der Mitte des Beckens sollen eine Schutzmantelmadonna oder der „Ma’ von Weißahora“ auf einer Wasserrose stehen.“

Auch bei der Auswahl eines Modells sollten die Weißenhorner Bürger mit einbezogen werden und so durften sie im Rahmen der Ausstellung der Entwürfe am 28.04.1985 im Stadttheater über ihren Favoriten abstimmen. An dieser Abstimmung beteiligten sich von den 130 Besuchern aber leider nur 40, was sie weder hilfreich noch repräsentativ machte. Auch wenn sich für den Entwurf des Bildhauers Knoll eine klare Mehrheit herausbildete (er erhielt  18 der 40 abgegebenen Stimmen), befürwortete ihn ja nur ein Bruchteil der anwesenden Besucher, geschweige denn aller Bürger Weißenhorns.

So wurde schließlich ein Bewertungsgremium gebildet, das sich aus dem Bürgermeister, je einem Vertreter der Fraktionen des Stadtrats, Dr. Amslinger (dem Planer des neu gestalteten Kirchplatzes) und Herrn Birk vom Stadtbauamt (Stbm. Lieb war im Dez. 1984 plötzlich verstorben) zusammen­setzte. Da die Kirche ein vertraglich zugesichertes Mitsprache­recht an der Gestaltung des Kirchplatzes besitzt, gehörte diesem Gremium auch Stadtpfarrer Beer an.

Man wollte unter den eingegangenen Vorschlägen aber keine Wertung vornehmen und sah sie lediglich als Denkanstöße. So wünschte man die Weiterentwicklung und Vorlage von Alternativentwürfen und bat Herrn Dr. Amslinger, ein weiteres Modell anzufertigen. Eine Debatte über die genauere Ausführung wurde aber vertagt, da keine Einigung in Sicht war.

Am 02.07.1985 wurde die Brunnendiskussion im Stadtrat fortgesetzt. Stadtpfarrer Beer gab die Meinung des Kirchengemeinderates bekannt. Der Kirchengemeinderat sprach sich für einen achteckigen Brunnen aus Naturstein ohne Figur aus. Die CSU-Fraktion brachte den Vorschlag ein, den ehemals auf dem Kirchplatz vorhandenen Brunnen anhand von Fotos zu rekonstruieren. Neben einer Diskussion über die dadurch entstehenden Kosten entstanden nun zwei Lager. Auf der einen Seite wurde die Rekonstruktion vertreten, auf der anderen wollte man lieber einen Brunnen, der die jetzige Zeit darstellt. In der Diskussion sprachen sich der Planer und der Stadtpfarrer eindeutig für einen modernen Brunnen aus. Am Ende wurde einstimmig die Achteckform für den Brunnen beschlossen. Eine Ausführung als Steinbrunnen wurde aber mit 11:4 Stimmen abgelehnt.

Am 29.07.1985 wurde die Diskussion im Stadtrat fortgesetzt. Herr Dr. Amslinger stellte sein Modell für einen Brunnen vor, das er zwischenzeitlich erarbeitet hatte. Nachdem die Frage, ob der Brunnen in Guss oder Stein ausgeführt werden soll, vornehmlich als Preisfrage diskutiert wurde, fand das von Herrn Dr. Amslinger vorgestellte Modell mehrheitliche Zustimmung, weil sich die Ausführung in Stein doch günstiger darstellte. Die Vergabe an einem ortsansässigen Künstler wurde zwar einmal andiskutiert, führte aber nicht zu einem Beschlussantrag.

Mittlerweile war der Kirchplatz bis auf den Brunnen fertiggestellt und auch das Fundament und die Brunnenstube hatte man schon vorbereitet.

Am 15.01.1986 wurde im Bauausschuss die Steinausführung der Beckenwandung nochmals mit 7:6 Stimmen beschlossen. Am 24.03.1986 wurden die Steinmetzarbeiten vom Stadtrat mit 14:8 Stimmen vergeben. Hierbei entbrannte eine nochmalige Kostendiskussion. In der Bauausschusssitzung vom 24.07.1986 wurde nochmals
formell abschließend mit 9/4 Stimmen beschlossen, den Brunnen entsprechend der Zeichnung von Amslinger in Messing sandgestrahlt auszuführen. Zum 01.05.1987 ging der Brunnen in Betrieb.

Doch schon knapp drei Wochen später wurde erstmals Kritik laut, dass Fußgänger nassgespritzt würden. Am 18.05.1987 wurde auf Anfrage von Stadtrat Herbert Miller das erste Mal Kritik am Brunnen im Stadtrat vorgetragen. Dies lag vor allem an der hohen Absturzhöhe und an der Lage des Brunnens, da es an dieser Stelle des Kirchplatzes starke Windböen gibt. Weil das Wasser ohne Druck aus den oberen Rohren herauslief, hätte auch eine größere Krümmung der oberen Auslässe keine Besserung gebracht. Zwar wurde vor Herstellung der Rohre ein Probelauf am Nepomukbrunnen vorgenommen, der zur Zufriedenheit verlief, eine Testkonstruktion aus Plastikröhren am endgültigen Standort musste jedoch aus Kostengründen unterbleiben.

Im Juli 1987 stellte die WÜW eine Anfrage bezüglich der Funktion des Brunnens an die Stadt. Diese wurde an den Planer weitergegeben. Am 23. 09.87 stellte sich Dr. Amslinger den Fragen im Stadtrat, konnte sie aber nicht zur Zufriedenheit beantworten. Obwohl man dem Planer nicht eindeutig die Schuld an der Fehlkonstruktion zuweisen konnte, erklärte er sich bereit, die Kosten für die Abänderung zu übernehmen und außerdem zusammen mit der Verwaltung Änderungs­möglichkeiten auszuarbeiten. Zwischenzeitlich wurde durch Versuche am Brunnen der untere Wasserauslass so abgeändert, dass die Wasserführung befriedigte. In Zusammenarbeit mit dem Stadtbauamt entwickelte der Planer dann eine Abänderung der oberen Rohrführung unter Beibehaltung des grundsätzlichen Erscheinungsbildes des Brunnens.

Da dies aber auch nicht alle Stadträte zufriedenstellte, schlug man vor, die Rohre zu kürzen und durch ein Zierstabbündel aus Messing, ähnlich der Kopfzierden des Kirchplatzgitters, zu ersetzen. Doch wieder wurde keine Entscheidung getroffen. Stattdessen regte die WÜW- Fraktion die Durchführung eines Künstlerwettbewerbs an. In der Sitzung am 08.02.1988 gab die Verwaltung die Kosten für einen neuen Brunnen mit Wettbewerb mit mind. 200.000,- DM an. Außerdem sei nicht sichergestellt, dass man mit der Lösung eines Wettbewerbs zufrieden sei, wie das Beispiel aus benachbarten Städten zeige. Letzlich erhielt der Planer den Auftrag, zusammen mit dem Stadtbauamt Alternativvorschläge auszuarbeiten.

Die mangelnde Funktion des Brunnens führte zu Ablehnung und Spott in der Bevölkerung. Wegen des nur tröpfelnden Wassers als „Prostata-Brunnen“ apostrophiert oder zur Belustigung bei der Weißenhorner Fasnacht verspottet, findet er bis heute keine ungeteilte Zustimmung. Bei der traditionellen „Erfindermesse“ im Jahr 1988 wurde ein windabhängig gesteuertes Ventil vorgeschlagen.

Nachdem Dr. Amslinger zusammen mit dem Stadtbauamt 15 Alternativvorschläge vorgestellt hatte, von denen bei sechs eine „Weiterverwendung und Abänderung des vorhandenen Rohrgerüstes“ und bei den übrigen neun eine „Neugestaltung einer Brunnensäule ohne Verwendung des bisherigen Rohrbündels“ (Beratungsunterlage für die Stadtrat­ssitzung am 07.03.1988) vorgesehen war, wurde am 07.03.1988 erneut über den Brunnen beraten. Doch wiederum konnte sich das Gremium zu keiner Lösung entscheiden, sondern gab eine nähere Untersuchung mit Modell und Kostenschätzung von 2 Entwürfen in Auftrag.

Am 09.05.1988 wurden die geforderten Modelle dem Stadtrat vorgestellt. Es handelte sich um eine Abwandlung der Rohrkonstruktion, eine Lösung mit Wasserschalen und eine Variante, bei welcher dem Brunnen eine Mittelsäule als Obelisk übergestülpt werden sollte. Die Rohrkonstruktion und der Obelisk wurden sogar als 1:1 Modelle vorgestellt. In ungewohnter Kürze entschied sich der Stadtrat jetzt für die preiswerteste Lösung, die Abänderung des bestehenden Rohrbündels. Hierfür nahm man einen der ausgearbeiteten Entwürfe als Vorlage, ließ aber die geplante Verzierung weg. Bei diesem Modell wurden also nur die obersten Röhren gekrümmt und mit Düsen bestückt. Auch aus der Bevölkerung ging ein Vorschlag zur Umgestaltung ein. SR Hermann Geiger fasste die jahrelange Diskussion in der Einsicht zusammen, dass durch fünf Einzelbeschlüsse kein Gesamtwerk mit künstlerischem Anspruch zu schaffen gewesen sei.

Im September 1988 waren die Änderungsarbeiten fertig und der Brunnen wurde mit Gesamtkosten von 153.600,– DM abgeschlossen. Dennoch verstummten die Kritiker des Brunnens bis heute nicht und zeigen, wie schwer eine künstlerische Entscheidung in einer Demokratie zu fällen ist. Zusammen­fassend kann gesagt werden, dass nur durch Einzelbeschlüsse   (z. B. Achteckform, Material des Brunnenbeckens) kein künstlerisches Ganzes geschaffen werden konnte. Auch wenn alle Entscheidungen demokratisch gefällt wurden, gab es wohl niemanden, der sich mit dem Brunnen als Gesamtwerk identifizieren wollte, was auch dazu führt, dass der Brunnen bis heute keine ungeteilte Zustimmung findet.

In der Folgezeit gab es immer wieder Versuche, den Brunnen attraktiver zu machen, sei es durch Blumenkästen (die aber dem ständigen Wasser nicht standhielten) oder die Verzierung als Osterbrunnen. Mittlerweile ist der Brunnen nicht mehr in Betrieb. Vorschläge für die Zukunft des Brunnens wurden aber auch noch nicht vorgetragen.


Quellen:

Quellen:
1 Der Beitrag basiert in weiten Teilen auf der Veröffentlichung von Magdalena Günther ‚Brunnen und frühe Wasserversorgung in Weißenhorn‘ im Buch ‚Weißenhorner Profile, 2010‘
2 A 116/1
3 Es ist nämlich sehr unwahrscheinlich, dass die Nepomuk-Figur des Hauptplatzbrunnens erst im Oktober 1740 repariert und dann knapp ein Jahr später der ganze Brunnen inklusive Figur erneuert wurde (siehe 4.2.1 Alter Hauptplatzbrunnen).
4, 6, 7, 8, 9 Stadtarchiv Weißenhorn; Foto: Heimatmuseum Weißenhorn
5 A117/35
10, 11, 12 Heimatmuseum Weißenhorn; Foto: Heimatmuseum Weißenhorn
13 Brief Dr. Amslingers an Stbm. Lieb, eingegangen am 24.Dez. 1984

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